Nächtes
Jahr laufe ich wieder einen... spätestens.
von
Jörg Riese |
Nachdem
ich bereits etliche Wettkämpfe auf den Unterdistanzen bestritten
hatte (u.a. vier Halbmarathons unter teils „bemerkenswerten”
Bedingungen) musste es jetzt endlich mal über die volle Marathon-Distanz
gehen. Eigentlich war das ja bereits für das letzte Jahr geplant
aber meine Achillessehne und eine erhöhte Arbeitsbelastung
hatten etwas dagegen. So what, am vergangenen Sonntag war es dann
soweit: mein Jungfern-Marathon, in der erstaunlichsten Stadt des
Universums – Düsseldorf. Aber der Reihe nach.
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Freitag:
Startunterlagen (im schicken, gelben Designer-Plastikbeutel) abholen,
immer nervöser werden, Kohlehydrate bunkern, viel trinken (vielleicht
zuviel…).
Samstag: logistische, mentale und ernährungstechnische
Vorbereitung, Extreme Relaxing (als wenn das möglich gewesen
wäre…).
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Sonntag:
5:45 Uhr Aufstehen, 1. Mal Pipi, frisch machen, frühstücken
(2 Toast mit Honig, keine Butter, 2 Tassen Tee), 2. Mal Pipi, Überprüfen,
ob alles eingepackt ist, nervös in der Wohnung herumlaufen,
3. Mal Pipi, Anziehen, von Ute verabschieden und zum Burgplatz latschen.
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Auf
dem Weg zum Burgplatz ist es wunderbar leer und ruhig in der Stadt.
Kein Wunder, die Straßen sind bereits für Busse, Bahnen
und Autos gesperrt und wer läuft am Sonntagmorgen schon in
die Altstadt hinein (noch dazu vollkommen nüchtern)? Am Burgplatz
sieht's bereits aus wie auf dem Trödelmarkt, allerdings ohne
Schnäppchenjäger, dafür mit vielen Leuten die bei
11 Grad in kurzen Klamotten rumlaufen – so wie ich. Kaum angekommen,
stelle ich mich schon in eine Schlange vor einem Dixi-Klo (4. Mal
Pipi). Ich beobachte die Konkurrenz, sehe mir an wie sie sich vorbereitet
und gerate kurz in Versuchung, einen anwesenden Sanitäter zu
fragen, ob er nicht ein paar Blutbeutel mit der Aufschrift „Jan”
dabei hat, das wären meine. Aber was soll's, muss auch so gehen.
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Nachdem
ich meinen Kleiderbeutel abgegeben habe und noch zwei Mal zur Toilette
war… …stehe ich also tatsächlich im Starterfeld
vor den Rheinterrassen. Vor mir die zwei 4-Stunden-Zugläufer,
um mich herum das RP-Marathon-Team. Neben mir ordnet so ein kleiner,
blaugekleideter Quadratschädel die Ohrstöpsel seines MP3-Players
und legt in aller Ruhe die Batterien nochmal richtig ein. Das RP-Team
geht mir mit seiner Pauschalurlauber-Fröhlichkeit ein wenig
auf die Nerven. Hoffentlich geht's bald los.
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Pünktlich
um 9:30 ertönt der Startschuss und zu den Klängen von
Schumanns „Rheinischer Sinfonie” (immerhin tausendmal
passender und geschmackvoller als akkustischer Sondermüll wie
„The Final Countdown”) setzt sich das Feld in Bewegung.
Kurze Zeit später holt hinter mir doch tatsächlich jemand
sein Handy raus und teilt seinem Gschpusi mit, wo wir uns gerade
befinden. Unglaublich. Bis auf die Tatsache, das ich bei km 5 mich
kurz in die Büsche schlagen muss, um zum 7. Mal an diesem Morgen
meine Blase zu entleeren, passiert zunächst nichts Spektakuläres,
es geht mir hervorragend. Bei km 16,5 (Grafenberger Allee/Hans-Sachs-Straße)
komme ich dann praktisch zu Hause vorbei und tatsächlich stehen
da meine Frau, unsere beiden Töchter, ein paar Freunde, Bekannte
und Nachbarn und jubeln uns zu. Am Brehmplatz ist dann schließlich
Karneval, die Stimmung ist gigantisch.
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Solche
Hot Spots begegneten einem dann immer wieder auf der Strecke. Obwohl
ich eigentlich überhaupt nicht der Typ bin, der sich von sowas
beeinflussen lässt oder Motivation von außen benötigt
– was da ablief war schon klasse. Besonders die vielen Kinder,
die mit ihren Eltern, den Läufern in Privatinitiative, Wasser
und Zuspruch spendeten, waren ausgesprochen rührend. Vielen
Dank an alle.
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An
der Oberkassler Brücke, so ca. bei km 29, ausgerechnet zu den
Klängen von „Californication” fängt mein rechter
Oberschenkel an zu krampfen. Auf der Luegallee erklärt sich
dann der linke Oberschenkel solidarisch und tut es seinem Kollegen
gleich. Von da an gehe ich dann an jedem Getränkestand ein
paar Schritte, die Zugläufer und mit ihnen der kleine, blaue
Quadratschädel, der bis dahin wirklich jeden Getränkestand
ausgelassen hat, sind verschwunden (letzterer aber nicht für
lange…).
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Bei
km 33 ist dann die Hölle los. Der Tour-de-France-Teufel Didi
Senft und die als Teufelchen verkleideten Pyromaniacs heizen den
Läufern ordentlich ein und treiben sie über „the
wall”, verscheuchen den „Hammermann”. Kurze Zeit
später sehe ich auch den kleinen Quadratschädel mit seinem
MP3-Player wieder und laufe an ihm vorbei. Sind die Batterien wohl
doch alle…
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Das
Finisher-Tor an der Rheinwerft schließlich erst in Hör-
und dann in Sichtweite, begehe ich dann noch einen schlimmen Marathon-Frevel,
setze zum „Schlussspurt“ an und laufe den letzten km
nochmal in knapp unter 5 Minuten (was auch richtig wehtut). Die
Zeit ist mir zwar eigentlich egal… …aber ich will dann
doch noch wenigstens einen 6:00er-Schnitt packen.
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Im
Ziel nehme ich dann erstmal meine Medaille entgegen, trinke ein
Wasser, „krieche“ zur Kleiderbeutelausgabe, hol' mir
mein Finisher-Shirt ab, ziehe mir trockene Klamotten an, suche und
finde meine Frau – und gehe dann mit ihr sehr, sehr langsam
nach Hause…
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Endresultat:
4:13:28 h für den ersten Marathon, Beine, die aussahen wie
eine Karte vom Amazonasbecken (irre, wie viele Venen dort unter
der Haut liegen), ein ganz leichter Muskelkater und ein geschwollenes,
schmerzendes rechtes Knie.
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Ich
hasse Marathons.
Nächtes Jahr laufe ich wieder einen.
Spätestens!
von Jörg Riese
(Fotos von Runners World) |
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