Über
die B1 von Werl nach Soest
von
Frank Pachura |
Nun
stehe ich wieder im Startfeld vor der Stadthalle in Werl. Ich bin
nicht allein. Einerseits stehen hier noch Dietmar und Ralf, die
mit mir zusammen den diesjährigen Silvesterlauf absolvieren
wollen. Andererseits sind da auch noch rund fünfeinhalbtausend
weitere Läufer und Läuferinnen, die das Gleiche vorhaben.
Mit den Wanderern, Walkern und Inlinern zusammen gehen heute ungefähr
achttausend Teilnehmer an den Start. Alle anderen außer uns
Läufer sind bereits auf der Strecke.
Hier im Startfeld ist wie immer großes Gedränge. Die
Läuferherde ist bereits zusammengepfercht. Viele Zuschauer
stehen am Rand der Koppel und feuern uns an, wünschen alles
Gute für den Lauf und einen guten Rutsch und motivieren zum
letzten Mal ihre Partner, Verwandten, Freunde oder Bekannten. Andere
kommen einfach nur, um das große Event mitzuerleben: Den größten
Silvesterlauf Europas. |
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Wie
gesagt stehe ich hier mit Dietmar und Ralf. Dietmar ist schon einmal
mitgelaufen, Ralf ist Neuling. Ehrlich gesagt ist er überhaupt
erst zweimal in seinem Trainingsleben zehn Kilometer gelaufen, davon
einmal vor zwei Tagen. Heute wagt er sich an die fünfzehn Kilometer
von Werl nach Soest heran. Ich bin gespannt, wie er sie verkraftet.
Dietmar und ich hatten uns vorgenommen, in einem für Ralf guten
Tempo die Strecke zusammen mit ihm zu laufen. Hoffentlich hält
er gut durch und übernimmt sich nicht.
Ich habe nichts weiter vor, als Ralf in einem gesunden Tempo nach
Soest zu begleiten und den Lauf als solchen zu genießen. Daher
habe ich mir in den letzten Wochen auch keinen Trainingsstress gemacht,
bin nur gelaufen, wie es mir Spaß machte, habe die Weihnachtstage
kulinarisch genossen und auch mal ein Gläschen Wein getrunken.
Die heute zu laufende Zeit ist mir einfach egal. |
Der
Countdown reißt mich aus meinen Gedanken. Wir zählen
von zehn rückwärts bis null: Startschuss. Etwas Trippeln
auf der Stelle, schnell noch Dietmar und Ralf alles Gute gewünscht
und los geht’s. Nach zwei Minuten sind wir an der Startlinie,
hören das durchdringende Trillern der Messanlage und unsere
Nettozeit läuft. Wir sind unterwegs. |
Der
erste Kilometer durch die Werler Innenstadt verläuft wie im
Fluge. Wir haben Probleme, in dem dichten Gedränge zusammen
zu bleiben und uns nicht mitreißen zu lassen. Beim ersten
Kilometerschild und einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass
wir etwas zu schnell sind und verringern die Geschwindigkeit. Immer
das gleiche Problem: Die Menge reißt mit. Wenn die Büffelherde
aus ihrer Koppel befreit wird, gibt’s kein Halten mehr. |
Auf
der B1 werde ich von Christian aus Havixbeck angesprochen, der dort
ein Internetportal betreibt. Er erkennt mich an meinem Rückenaufdruck
und beschließt, dass das auch für ihn eine gute Sache
wäre. Wir unterhalten uns ein wenig. Dabei verliere ich Ralf
und Dietmar aus den Augen. |
Nach
ein paar Minuten entdecke ich Dietmar schon recht weit vor uns.
Er dreht sich um, winkt noch einmal und verabschiedet sich fürs
Erste. Er will doch schneller laufen, kann sich wohl nicht zurückhalten
und sucht jetzt sein eigenes Tempo. |
Das
Wetter ist heute ideal: Bewölkt, mit einigen blauen Stellen,
durch die ab und zu die Sonne durchscheint, Rückenwind auf
der B1 und nicht zu kalt. Wer es heute darauf anlegen will, kann
es von den Wetterbedingungen auf jeden Fall schaffen, gute Zeiten
zu laufen. Dietmar möchte dieses wohl nutzen und rennt in seinem
Tempo los. |
Ich
sehe Ralf hinter mir und lasse ihn aufschließen. Von jetzt
an laufen wir nebeneinander in sehr gleichmäßigem Tempo
wie ein Uhrwerk. Ab und zu frage ich Ralf nach seinem Laufbefinden.
Er macht immer noch einen lockeren Eindruck und fühlt sich
wohl. Nur die Handschuhe waren wohl zu viel des Guten. Die hat er
bereits ausgezogen und hält sie von nun an in der Hand.
Wir laufen gleichmäßig weiter, klatschen viele Kinderhände
ab und gelangen irgendwann in Ampen an den Kilometer zehn, an dem
einige Nachbarn auf uns warten. Wir entdecken sie an der rechten
Straßenseite schon von weitem. Auch hier kurz Hände abgeklatscht,
Ralf die Handschuhe losgeworden und weiter geht es in Richtung Soest. |
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Die
letzten Kilometer vergehen wie im Fluge. Wir erreichen Soest, schlenkern
einmal um einen Wohnblock, um auf die fünfzehn Kilometer Streckenlänge
zu kommen, und sind jetzt auf dem letzten Kilometer. Die Musik und
das Zuschauergeschrei vom Zieleinlauf auf dem Marktplatz sind bis
hierher zu hören. Wir laufen immer noch im gleichmäßigen
Tempo von knapp unter sieben Minuten pro Kilometer und ich schlage
Ralf vor, es jetzt noch einmal richtig krachen zu lassen. Die letzten
Körner dürfen jetzt verschossen werden. Doch er möchte
nicht. Er will lieber einfach gleichmäßig weiter laufen,
was ich natürlich akzeptiere und was eigentlich auch viel erwachsener
ist. Denn was soll in unserer Klasse so ein Schlussspurt schon bringen
(außer Krämpfen)? |
So
laufen wir ganz entspannt nach einer Stunde und ungefähr zweiundvierzig
Minuten durch den Zielbogen und zum zweiten Mal über die Zeitmessmatte.
Dietmar wartet schon seit über einer Viertelstunde auf uns
und friert dementsprechend. Wir gratulieren uns gegenseitig zum
guten Ankommen, empfangen unsere wohlverdienten Medaillen und gehen
weiter, um uns am heißen Zitronentee zu laben. Der schmeckt
lecker und die Wärme tut einfach gut. |
Ralf
hat heute seinen ersten 15-Kilometer-Lauf überhaupt gemacht.
Diese Strecke ist er vorher noch nie gelaufen, auch nicht im Training.
Dafür ist er sehr locker angekommen und musste die ganze Zeit
über nie wirklich beißen. Zumindest sah man es ihm nie
an. |
Es
war heute mein neunter oder zehnter Silvesterlauf. Der langsamste,
aber einer der schönsten. So sollte sich ein Lauf zum Jahresabschluss
anfühlen. Er soll Spaß machen, das Laufjahr abschließen,
aber nie wehtun. |
Meine
Vorsätze für das neue Jahr sind die alten: Das Laufen
genießen und nicht der Zeit und dem Leben davon laufen. Im
vergangenen Jahr bin ich um des Laufens Willen gelaufen und nicht,
um schneller, ausdauernder oder einfach besser zu werden. |
Für
mich ist das wohl die wirkliche Art des Laufens. Das Laufen, das
gut tut, das gesund ist und das den Körper, den Geist und
die Seele fit hält.
von
Frank Pachura
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