Liebe
Lesergemeinde,
ich habe Euch in meiner letzten Laufgeschichte von meinem Vorsatz
berichtet, vier Wochen nach Münster zusammen mit meinem Lauffreund
Wolfgang Steiger an einem traditionellen Marathon teilzunehmen,
dem Marathon am Baldeneysee in Essen. Wolfgang hatte sich fest
vorgenommen, die 4-Std-Marke zu unterbieten, und ich wollte ihm
dabei behilflich sein.
Nun
gut, nach dem für mich positiven Ergebnis in Münster
habe ich zunächst verhalten, unterbrochen durch bewusst eingelegte
trainingsfreie Tage trainiert, um meinen Körper nicht zu
sehr zu strapazieren. So lief ich in Woche 38 insgesamt ca. 55
km. Wolfgang hingegen lief nach Plan, d.h. zusätzlich Tempo
und zusätzlich länger. Wir fühlten uns wohl, auch
in der Gewissheit, durch dieses kontinuierliche Aufbautraining
gut vorbereitet zu sein.
In
Woche 39 erhöhten wir das Laufpensum auf ca. 66 Kilometer.
Dabei absolvierten wir neben der leicht modifizierten Vereinsrunde
eine Tempoeinheit mit 2x2000 Metern – klingt nach wenig,
war aber genau richtig – und einen regenerativen 30-km-Lauf
durch unser beliebtes Ruhrtal mit all seinen Steigungs- und Gefällstrecken.
Wir liefen konsequent einen 6er-Schnitt und hatten das Gefühl,
die restlichen Kilometer für einen Marathon auch noch zu
schaffen. Ich hatte insbesondere nach diesem Lauf den Eindruck,
dass Wolfgang bei seinem zweiten Marathon problemlos die vier
Stunden unterschreiten könnte.
Das
Trainingsprogramm in Woche 40 umfasste neben der leicht erweiterten
Vereinsrunde am Feiertag einen Lauf von 23 Kilometern. Dabei liefen
wir einen von mir vor Jahren „erfundenen“ Kurs durch
mehrere Dortmunder Vororte. Unterwegs trafen wir Ilona (s. Münster),
die mit einer Bekannten ebenfalls lief.
Den
letzten Vorbereitungslauf über 20 Kilometer liefen, nein
genossen wir am Sonntag auf unserer innig geliebten Berg- und
Talstrecke nach Billmerich mit einem Schnitt etwas unter 6Min/km.
Den
Abschluss der Vorbereitung bildete ein 17,5 km Lauf am Dienstag
in Woche 41. Für die restlichen Tage bis zum Marathon war
innere Vorbereitung angesagt, d.h. Auftanken der Kohlehydratspeicher
und dosierte Zuführung von Mineralien.
Am
Samstag vor dem Lauf fuhren Wolfgang und ich mit der Bahn entspannt
zum Veranstaltungsort, um die Startunterlagen abzuholen. Das Wetter
war wunderbar, vielleicht ein Tick zu warm. Für Sonntag waren
ähnliche Gegebenheiten prognostiziert. Uns sollte es recht
sein, findet doch der Lauf am Wasser statt, und da weht immer
eine leichte Brise. Nach der Anmeldung genossen wir den selbstgebackenen
Kuchen des Vereins, sahen den Start der (Nordic)Walker und waren
beizeiten wieder zu Hause, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Sonntagmorgen
fuhren wir noch unter dem Eindruck des Fußballspiels Deutschland-Russland
nach Essen. Ursprünglich wollte Berit, Wolfgangs Frau, mitfahren,
musste aber schweren Herzens wegen einer Erkrankung der jüngsten
Tochter zu hause bleiben. Liebe Berit, ich weiß, Du wärst
gern dabei gewesen und hättest die Veranstaltung auch als
Zuschauer sehr genossen.
Wir
erreichten unser Ziel bei empfindlicher Kühle und hatten
ausreichend Zeit, uns vorzubereiten. Wie üblich führte
man Gespräche mit einigen Leuten, merkte schnell, wer sich
überbewertete oder tiefstapelte. Mit einem Läufer kamen
wir näher ins Gespräch, er wollte mit uns unser Tempo
laufen.
Nach
den üblichen Spielchen vor dem Start schickte uns ein Vorstandsmitglied
des Hauptsponsors auf Kurs, d.h. zweimal um den See. Diesmal hatte
ich wohlweislich meine Super-High-Tec-GPS-Uhr erst unmittelbar
vor dem Start scharf geschaltet, damit mir nicht das gleiche Missgeschick
wie im Vorjahr passieren konnte.
Unser
Unternehmen mit Ziel, unter vier Stunden zu finishen begann. Der
erste Kilometer war leicht abschüssig und lädt zum Schnelllaufen
ein. Nicht ganz ungefährlich, so früh schon Körner
zu verbrauchen, die am Ende fehlen könnten. Wir liefen die
ersten 10 etwa im 5:20er Schnitte, so dass wir die Marke in 53
Min passierten. Wir hatten das Gefühl, etwas zu schnell angelaufen
zu sein und versuchten, das Tempo leicht zu drosseln. Aber wie
das so ist: Wenn man sich wohl fühlt, und das taten wir zu
diesem Zeitpunkt, ist man geneigt, das Tempo höher zu halten
als ursprünglich geplant. Hinzu kam, dass wir in die Gruppe
3:45 geraten waren und uns deren Geschwindigkeit, die nicht unbedingt
die unsere sein sollte, anpassten.
Nach
der Verpflegung in Kupferdreh wurden wir mit dem live gespielten
Red River Rock – für mich als altem Rock-Fan ein Supergenuss
– auf die Wendepunktstrecke, die in der ersten Seeumrundung
als Ausgleich eingebaut ist, geschickt. Uns kamen hier die ersten
Läufer, die schon lange den Wendepunkt bei km 15 passiert
hatten, entgegen. „Nicht hinsehen“ bemerkte ein Mitläufer;
„Nicht unsere Welt“ gab Wolfgang zurück.
Nach
dem Wendepunkt, den wir in 1:19 erreichten und bei dem eine Zeitnahme
erfolgte, änderte sich der Blickwinkel. Nun sahen wir die
LäuferInnen hinter uns. Was die wohl über uns gesagt
oder gedacht haben?
Wir
aßen einen Kohlehydratchip, um neue Energie zu tanken. Immer
unser großes Ziel vor Augen, liefen wir ziemlich konstant,
manchmal eine Idee zu schnell, auf die HM-Marke zu und erreichten
diese in 1:53. Uns blieben somit noch zwei Stunden für die
zweite Hälfte. Machbar, darüber waren wir uns einig.
Ab hier gab es auch Cola zu trinken, aber wir hatten uns vorgenommen,
erst ab km 25 davon Gebrauch zu machen.
Wir
waren gut drauf und kamen zügig voran, immer mit dem Blick
zur Uhr, um die Zeiten zu kontrollieren. Inzwischen gelangten
wir auf dem Rundweg in den Zielbereich, die Zuschauerzahlen nahmen
zu und wir konnten die Ansagen zum Beiprogramm hören. Die
zweite Runde begann. Bei km 25 ein Verpflegungsstand, wir tranken
Cola und Wasser. Wir sahen nun Kilometermarkierungen aus längst
vergangener Zeit, uns interessierten jetzt nur noch die höherwertigen
Täfelchen.
So
ganz allmählich, ab km 32 begannen wir, die Belastung zu
spüren. Die Geschwindigkeit nahm etwas ab und aus dem Gefühl
heraus, gut in der Zeit zu liegen und unser großes Ziel
auf jeden Fall zu erreichen, legten wir einige Gehpausen ein.
Gepuscht durch Cola, begannen wir bei km 35 wieder zu laufen.
Jetzt immer häufigere Blicke zur Uhr und den ach so weit
auseinander liegenden Kilometerangaben, Hochrechnen der Zielzeit,
Wechsel zwischen schnellem Gehen und nun doch langsamem Laufen.
Kilometer 38, freundliche Zuschauer bieten Snickers und Schokolade
sowie Wasser an. Dankbar greife ich zu, Wolfgang verzichtet.
Noch
eine gute halbe Stunde bleibt uns, wir machen uns dies immer wieder
klar, das beruhigt. Kilometer 40, noch 15 Minuten, das muss doch
zu schaffen sein. Aber die letzten beiden Kilometer haben es in
sich. Sind die Abstände denn so lang geworden? Hat jemand
Kilometer und Meilen verwechselt? Uns kommt es jedenfalls so vor.
Noch
ein Kilometer, uns verbleiben noch neun Minuten, eine Zeitspanne,
die Dir unter den Füßen zerrinnt wie Eis in der jetzt
leuchtenden Sonne. Der Weg führt unmittelbar am Ufer entlang,
vorbei an Menschen, die in den Restaurants zu Mittag essen, undefinierbare
Gerüche, Leiden, unseren Mitläufern geht es wie uns,
jetzt bloß nicht gehen müssen, könnte ja ein Bekannter
sehen, wäre nicht so prickelnd.
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