Der
Muh-Marathon von Welver
von Frank Pachura |
3.
Oktober 2008. Heute findet in Welver der „5 am Tag“-
Familienmarathon statt. „5 am Tag“ … das heißt
nicht 5 mal am Tag laufen oder was man noch so denken könnte.
Nein. Es geht um Gemüse. 5 Portionen Obst und Gemüse sollen
es sein, damit der Mensch und auch der Läufer gesund bleiben.
Diese Kampagne ist der Hauptsponsor für den Welver-Marathon.
„Familien-Marathon“ bedeutet nicht, dass man mit Mann
und Maus antreten muss, aber kann. Es gibt vier Streckenlängen
über 10 km, 21,1 km, 30 km und natürlich 42,195 km. Mit
allem, was keinen Motor hat, darf man auf die Strecke: Per Rad,
per Inliner und zu Fuß. Walkend mit und ohne Stöcken
und natürlich laufend. Die Starts verteilen sich über
den ganzen Vormittag und so ist im Start- und Zielbereich immer
etwas los. Außerdem ist diese schöne Veranstaltung inzwischen
für Welver ein Tag geworden, an dem sich jeder Betrieb und
fast jeder Verein in irgendeiner Form darstellt. Es gibt eine große
Eventfläche vor der Bördehalle, auf der es vom Bungeetrampolinspringen
bis zur Bratwurst und natürlich zum Gemüseteller alles
zu sehen gibt, was Welver zu bieten hat. Immer mehr Teilnehmer kommen
aus Nah und Fern, um an diesem schönen Landschaftslauf teilzunehmen.
Ich habe ihn direkt vor der Haustür. Und in diesem Jahr laufe
ich zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren wieder die volle Distanz,
den Marathon. |
Über
mein Training der letzten
10 Wochen habe ich bereits berichtet. Es war nicht so anspruchsvoll
wie früher. Ich bin in der Regel nur dreimal pro Woche gelaufen,
davon einmal einen Long-Jog, in den letzten Wochen immer über
30 km. Wer sich schon mal ambitioniert auf einen Marathon vorbereitet
hat, wird über mein Training geschmunzelt haben. Aber die wichtige
Einheit – der Long-Jog – war in jeder Woche vorhanden.
Und ich wollte nicht mehr Zeit für das Training investieren. |
Wenn
ich meine beiden Ultras mitzähle, ist das mein 14. Marathon.
Da sollte so etwas wie Routine aufkommen. Eigentlich. Aber die dreieinhalb
Jahre Marathonpause bewirken, dass ich am Vorabend total aufgedreht
bin, nicht einschlafen kann und am Marathonmorgen viel zu früh
aufwache und meinem Umfeld mit meiner ununterbrochenen Quasselei
gehörig auf den Nerv gehe. Aber nur so kann ich meine Aufgeregtheit
in den Griff bekommen. Ich rede sie mir einfach raus. |
Nach
geschätzten 14 Toilettengängen und einem kleinen süßen
Frühstück mit Rübenkraut- und Nutellabroten gehe
ich zu Fuß zum Start. Hier verbringe ich noch ein Stündchen
mit der nötigen Marathonvorbereitung. Dazu gehören noch
mal 14 Toilettengänge (fürs Gewissen) und das Begrüßen
bekannter Laufkollegen. Es wird gefachsimpelt und ich erzähle
überall, dass ich ohne Zeitambitionen nur gesund die Strecke
schaffen will. Aber jeder Marathonläufer wird es kennen. So
insgeheim hat man doch noch einen Zeitwunsch. Einen, den man nur
für sich behält. Einen, den man schaffen kann, wenn alles
perfekt läuft. Einen, den man als Überraschung aus dem
Hut zaubert. Einen, mit dem man alle anderen verblüfft. Bei
mir ist das heute das Unterbieten des neuen Weltrekords von Haile
Gebrselassie. Der muss doch zu knacken sein. |
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Das
Startfeld |
Jetzt geht's
los |
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Am letzten Sonntag ist er in 2:03:59 h in Berlin ins Ziel gelaufen
und hat seinen eigenen Weltrekord um 27 Sekunden unterboten. Was
wird der Veranstalter vom Welver-Marathon wohl sagen, wenn ich ihn
hier heute knacke. Welver wird weltweit berühmt. Und ich auch.
Fernsehauftritte, Millionen von Werbeeinnahmen … Ach ja. Das
wird schön.
Am Start werden noch viele Fotos geschossen. Und dann einmal die
Pistole. Es geht los. Nach langer Marathonpause wird mir nun erst
richtig klar, dass ich mich jetzt wieder auf der langen Königsdisziplin
befinde. Mit allem, was dazu gehört. Mit schmerzenden Beinen
und ordentlicher Quälerei am Ende. Mit Jammern und sich selbst
Verdammen. Eben mit Marathonfeeling. |
Nach
100 Metern stelle ich fest, dass ich mich im hinteren Drittel des
Läuferfeldes befinde und dass das heute mit dem neuen Weltrekord
wohl nichts mehr wird. Also hake ich das Geheimziel schon mal ab.
Dann kann ich es ja auf den letzten 42.095 Metern locker angehen.
Und das mache ich nun auch. Ich suche mein Tempo, bin wie üblich
beim ersten Kilometerschild viel zu schnell, bremse ab und trabe
nun locker durch die Soester Börde. Es geht durch fast alle
Ortschaften, die zur Gemeinde Welver gehören. Dazwischen liegen
immer lange Stücke mit wunderschöner Landschaft, allerdings
ohne Zuschauer. Wer hier läuft, weiß das aber vorher. |
Nach
knapp 2 Kilometern die erste Überraschung. Wir kommen um eine
Straßenecke und entdecken direkt vor uns eine Kuhherde, die
gerade die Straße überquert. Der Bauer, der dabei steht,
bekommt leichte Panik in den Augen und versucht seine Kühe
anzutreiben. Zwei lassen sich von uns anstecken und gehen mit uns
auf die Marathonstrecke. Leider habe ich sie im Ziel nicht wieder
gesehen und weiß nicht, welche Zeit sie geholt haben. Aber
im Ernst. Wir laufen mitten durch die Kühe hindurch. In eiliger
Hetze treibt der Bauer sie weiter auf die Weide und zwei laufen
wirklich mit uns die Straße entlang. Ob sie wieder zurück
gefunden haben, weiß ich nicht genau. Aber der Bauer wird
sie schon wieder eingefangen haben.
Alle 4 bis 5 Kilometer gibt es Verpflegungsstände mit Wasser,
Cola, Iso, Bananen, Schmalzbroten, Energieriegeln und Bratwürsten,
was ich erst nicht wirklich verstehen kann. Welcher Marathonläufer
schiebt sich denn mal ganz gerne bei Kilometer 30 eine Bratwurst
rein? Häh? Aber dann fällt mir ein, dass das ja eine Familienveranstaltung
ist. Nach uns kommen noch ohne Ende Radler und Wanderer. Die gönnen
sich zum Mittag gerne mal ein Würstchen. Alle Verpflegungsstände
werden von Freiwilligen der umliegenden Orte betreut. Danke an alle,
die uns unterstützt und sehr gut versorgt haben. |
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Es
geht weiter. Ich laufe mich langsam auf ein Tempo ein, mit dem ich
ziemlich genau nach knapp 4 Stunden ins Ziel kommen könnte.
Dabei fühle ich mich sehr wohl und trabe so vor mich hin. Das
Marathonstarterfeld von gut 50 Teilnehmern ist inzwischen so weit
auseinander gezogen, dass man vor und hinter sich nur in der Entfernung
andere Läufer wahrnimmt. Auf den kürzeren Distanzen ist
viel mehr los. Hier sind die Startfelder natürlich viel stärker
besetzt. Auf der Marathonstrecke ist man viel mit sich alleine und
geht seinen Gedanken nach. Willkommene Unterbrechungen sind dann
immer die fröhlichen Menschen an den Verpflegungsstellen, die
uns mit viel Applaus und Gejohle begrüßen.
Ich trabe so Stunde um Stunde vor mich hin. Da ich den kompletten
Überblick verloren habe, wo ich mich im Starterfeld befinde,
mache ich mir langsam Gedanken, ob ich nicht eventuell Letzter bin.
Hinter mir ist niemand mehr zu sehen. Weit vor mir ein Roter, also
ein Läufer mit rotem T-Shirt. Langsam arbeite ich mich an den
Roten ran und nach ein oder zwei Kilometern überhole ich ihn.
Also Letzter bin ich nun nicht mehr. Irgendwo vor mir entdecke ich
einen Gelbgrünen. Auch ihn kassiere ich nach einiger Zeit ein.
Der Nächste, ein Violetter. Auch geschnappt. Das wäre
doch gelacht. |
Auf
einer Landstraße laufe ich - wie es sich gehört –
auf der linken Straßenseite. Vor mir auf der rechten Seite
marschiert ein Walker, der eineinviertel Stunden vor uns gestartet
ist. Er ist noch ungefähr 20 Meter vor mir und von vorne kommt
ein Traktor mit großem Anhänger. Hinter uns brummt ein
weiterer Motor. Als ich mich umdrehe, sehe ich einen weiteren Traktor,
der sich uns von hinten nähert. Wir werden alle ungefähr
gleichzeitig aufeinander treffen. Das kann nicht passen. Der vordere
Traktor bremst, der Walker walkt weiter, ich laufe weiter. Schließlich
sind wir hier in einem Wettkampf. Der hintere Traktorfahrer lässt
seinen Motor aufheulen, hupt, gibt Gas, bremst wieder ab, hupt wieder.
Meine Güte. Ist das hier die Startaufstellung bei einem Formel1-Rennen?
Ich drehe mich um und sehe den Fahrer, einen typischen gelassenen,
nicht aus der Ruhe zu bringenden, ostwestfälischen Bauern,
der wie bekloppt in seinem Führerhaus mit den Armen herumfuchtelt.
Er schreit irgendetwas, was der Walker und ich nicht hören
können. Die beiden Traktoren sind viel zu laut. Ich wechsle
die Straßenseite und lasse den vorderen Trecker durch. Der
hinter uns fahrende überholt uns schließlich mit Vollgas.
Die riesigen Räder rollen nur knapp neben uns her und der Fahrer
schimpft immer noch wie verrückt. Manche hier in der Gemeinde
Welver scheinen noch nicht vom heute stattfindenden Marathon gehört
zu haben. |
Nach
500 Metern kommt der Traktor, der inzwischen gedreht hat, direkt
auf mich zu. Der Walker ist schon weit hinter mir. Der Trecker stellt
sich mit seinem Anhänger quer auf die Straße und kippt
jetzt hier Mais ab. Genau hier und unbedingt genau jetzt. Der Fahrer
schimpft immer noch, obwohl er von vorne doch jetzt meine Startnummer
hätte sehen müssen. Er ist auf 180 und ich muss nun die
Straße verlassen und ein paar Meter über ein Feld ausweichen,
um an dem Trecker vorbeizukommen. Soll er doch weiter herum schreien.
Das Palaver können sich die anderen noch hinter mir kommenden
Läufer anhören. Ich laufe weiter. |
Jetzt
kommen einige Kilometer mit starkem Gegenwind. Da auch die Sonne
für eine halbe Stunde hinter Wolken verschwindet, wird es mir
nun ganz schön kalt. Ich beginne, etwas zu frieren. Leider
werden nun auch meine Beine etwas steif. Die Klumpen in den Oberschenkeln
spüre ich inzwischen auch ganz gut. Ich bin jenseits der 30
Kilometer und immer noch in einem unter 4 Stunden-Tempo. Gewesen.
Jetzt werde ich schlagartig langsamer und nach kurzer Zeit hake
ich auch dieses Zeitziel ab. Jetzt ist es mir egal, wann ich ankomme.
Nichts anderes habe ich vorher erzählt, also brauche ich kein
schlechtes Gewissen zu haben. Das gefällt mir jetzt auch eigentlich
viel besser. Ich laufe entspannt weiter und werde nach ein paar
Kilometern von dem Gelbgrünen wieder eingeholt. Wir wechseln
ein paar Worte und dann läuft er vor mir her. Ich habe ganz
kurz das Bedürfnis, mich an ihn dranzuhängen. Meine Beine
sagen mir aber sofort, dass das Quatsch ist. Sie wollen nur noch
locker weiter laufen. Mehr nicht. |
Es
geht langsam an die letzten Kilometer. Leider müssen wir hier
noch einige Schleifen laufen, um auf die 42.195 Meter zu kommen.
Man kann die Lautsprecherstimme hören und ich bin erst noch
bei km 39. Ich muss mich schon gehörig selbst motivieren, um
nicht geradeaus auf direktem Weg zum Ziel zu laufen sondern auf
der Strecke zu bleiben. Doch auch die letzten Schleifen im Welveraner
Buchenwald sind irgendwann geschafft.
Das Ziel ist in Sicht. Ich fühle mich super. Mein Puls steigt
an. Meine Beine spielen noch mit. Ein Kloß im Hals. Ich reiße
beide Arme hoch. Ein Fotograf blitzt mich an. Da ist die Medaille.
Geschafft!
Das habe ich seit dreieinhalb Jahren nicht mehr erlebt. Das ist
Marathonfeeling. Genau das. Ich bin angekommen. In 4:13 h. Der Hammermann
war nicht da. Und später stelle ich fest, dass ich von weit
über 50 Marathonteilnehmern immerhin 26. geworden bin. Ich
schwebe auf einer Wolke …
Auch hier im Zielbereich ist alles klasse organisiert. Ein Zelt
mit Verpflegung. Alle mögliche Getränke, Käse- und
Wurstbrote. Massagemöglichkeiten. Alles da, was das Läuferherz
begehrt. |
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Nach
einer Stunde werden alle Marathonteilnehmer auf die Bühne zur
Urkundenübergabe gebeten. Ich wuchte mich auf die nur einen
Meter hohe Bühne und humple zu Peter Riechert und Helmut Klauke,
den beiden hauptverantwortlichen Organisatoren. Danke schön,
Jungs. Danke für einen wunderschönen Tag. Danke für
meinen 14. Marathon. Er fühlt sich ähnlich an wie der
Erste.
Viele Informationen über den Welver-Marathon findet ihr hier.
Jede Menge schöne Fotos von fast allen Teilnehmern und von
der ganzen Veranstaltung findet ihr beim FotoTeam-Hamm.
Vielen Dank dafür, dass ich die Bilder hier verwenden darf.
Und wer mehr von meinen Geschichten lesen möchte …
hier ist die Möglichkeit dazu.
Bis bald – im Wald
Frank
Pachura
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