Endlich wieder in Münster
von Wolfgang Seebacher

Liebe Lesergemeinde, ich habe Euch vor einigen Wochen geschildert, wie mein Lauffreund Uwe Appel und ich den 100er in Biel gelaufen sind. Auch im Nachhinein befällt uns Gänsehaut, wenn wir uns den Ablauf noch einmal vor Augen führen. Es war schon ein tolles Erlebnis. Ich habe Euch auch von meinen Leiden in der Vorbereitungszeit berichtet. Kaum zu glauben: Seit Biel bin ich schmerzfrei, ich benötige keine Salben oder dergleichen mehr. War alles nur eine psychische Reaktion des Körpers auf etwas Ungewisses, ein Schutzmechanismus? Ich weiß es nicht. Eigentlich müsste mein Körper wissen, was ich ihm zumute. Ich verlange nichts Unmögliches, sondern nur das, was viele, viele LäuferInnen schon vor mir getan haben, nämlich zu versuchen, an die Belastungsgrenze heranzugehen. Ich muss sagen, durch unser sehr diszipliniertes Laufen war ich zumindest in der Nähe dieser Grenze, so richtig gespürt habe ich sie aber eigentlich nicht. Vielleicht ist die nunmehr positive Reaktion des Körpers der Dank dafür.
Genug der Spekulation und der Mutmaßungen, hinein in die Realität. Uwe und ich liefen zunächst locker mit unseren Vereinsfreunden, begannen aber doch zügig mit der Planung für Herbst/Winter. Uwe entschied sich, am 14.9.08 in Münster Marathon zu laufen. Einige werden erinnern, dass Uwe und ich genau diesen Lauf im Jahr 2007 absolvieren wollten, ich aber krankheitsbedingt absagen musste. Uwe lief dabei eine Superzeit. Ich habe die Vorbereitungszeit und Durchführung am Wettkampftag in einer Wochenchronik über 10 Wochen beschrieben.
In diesem Jahr beabsichtigten meine Frau und ich, genau zu der Zeit, in der der Münstermarathon stattfand, mit einem TEE, einem Zug im Originalzustand aus den 60er Jahren, eine Woche Urlaub in Österreich zu verbringen. Ich entschied mich deshalb dafür, als Alternative zusammen mit meinem Lauffreund Wolfgang Steiger im Oktober den Marathon am Baldeneysee zu laufen.
Leider konnten wir die Reise nicht antreten, so dass ich begann, mich auch für den Münstermarathon zu interessieren. Nun hatte ich einen Trainingsplan gemeinsam mit Wolfgang erarbeitet und diesen auch umzusetzen begonnen, so dass sich die Vorbereitungen auf zwei Marathonläufe bezogen. Wie sollte ich damit umgehen? Ein geschachteltes Training absolvieren? Für Münster Training in einem fortgeschrittenem Stadium, während die Laufeinheiten sich für Essen noch im Anfangsbereich befanden?
Ich riskierte diese Art von Training. Ich will auch vorweg sagen, dass diese Vorgehensweise nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen ist. Man muss schon laufverrückt sein, um das durchzuziehen.
Aber ich hatte mich nun mal entschieden und begann mit der Umsetzung. Eine erste Standortbestimmung nach Biel sollte der HM am 9.8.08 im Fredenbaum sein. Es handelt sich um eine schnelle, flache Strecke innerhalb des Parks, die insgesamt viermal zu durchlaufen ist.
Uwe, Wolfgang und ich liefen somit an einem herrlichen Sommertag diesen hervorragend organisierten Lauf in einem Dortmunder Park. Der Lauf ist trotz seiner Runden sehr kurzweilig und abwechslungsreich. Uwe und ich finishten in guten Zeiten während Wolfgang verletzungsbedingt leider aufgeben musste. Ein wenig ärgerte mich, dass ich in meiner Altersklasse nur den vierten Platz belegte, während ich im letzten Jahr noch AK-Sieger war. Naja, man wird halt älter und die „Jugend“ drängt nach vorn.

Im Bild sind neben uns noch Günter Bunzel (re) (Altersklasse M70) und Uwes Schwager zu sehen.
Im Bild sind neben uns noch Günter Bunzel (re) (Altersklasse M70) und Uwes Schwager zu sehen.

Nach Fredenbaum begann eigentlich das „Doppeltraining“ Münster - Essen. Uwe hatte sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, in Münster unter 3:30 zu laufen, während für mich die eigentliche Teilnahme „mit einer 3 vorn“ im Vordergrund stand. So ergab es sich fast zwangsläufig, dass Uwe sehr viele schnelle Einheiten absolvierte, während Wolfgang und ich – abgesehen von den obligatorischen Tempoeinheiten – moderate Geschwindigkeiten liefen. Wir begannen zwar zu dritt die Läufe, aber Uwe verabschiedete sich nach einer Einlaufphase, um Tempo zu „bolzen“ und somit die Grundschnelligkeit zu erhöhen und Stehvermögen zu gewinnen.
Für den 29.8.08 stand ein ganz besonderer Lauf für Uwe und mich im Programm. Wir durften an der Staffel teilnehmen, die aus Anlass des NRW-Tages Wasser vom Veranstaltungsort des Vorjahres (Paderborn) zum Austragungsort dieses Jahres (Wuppertal) in einem Staffelstab transportierte. Dafür liefen wir morgens die Etappe von Unna Bahnhof nach Hörde Clarenberg. Der Lauf war sehr gut organisiert; wir wurden mit Shirt und Hose ausgestattet und unterwegs ausgezeichnet verpflegt. Zudem begleitete uns noch eine Projektleiterin aus dem Team des Veranstalters mit dem Fahrrad, um plötzlich auftretende Durstattacken abzufangen. Die Strecke hatte eine Länge von etwa 18,5 Kilometer, die wir in fast genau zwei Stunden zurücklegten. Wir übergaben den Staffelstab an zwei Läufer des LT Wischlingen.
Uwe und ich nahmen kurzfristig noch einen weiteren Wettkampf als Test für Münster in unser Programm auf. Wir entschieden uns für den 30er in Bertlich am 31.8.08. Wir ahnten nicht, was da auf uns zukommen sollte. Der Wetterfrosch in Gestalt des Herrn Kachelmann hatte tropische Temperaturen bis 30° prognostiziert. Auf der Hinfahrt nach Bertlich ließ sich alles noch gut an, und wir überlegten kurzfristig, einen Marathon zu laufen. Aber wir meldeten dann doch für den 30km-Lauf. Dies sollte eine weise Entscheidung sein.

Stolz präsentieren wir uns vor dem Start in Bertlich dem selbstgewählten Fotografen
Stolz präsentieren wir uns vor dem Start in Bertlich dem selbstgewählten Fotografen

Der Start war für 12 Uhr – High Noon sozusagen – angesetzt. Unsere Befürchtungen hinsichtlich der Hitze wurden durch die Realität noch übertroffen. Ein etwa 15km-Kurs wurde zweimal durchlaufen. In der ersten Runde erreichten wir noch einen akzeptablen Kilometerschnitt, während in der zweiten Runde der Blick weniger der Uhr und den Kilometermarkierungen als der Suche nach den zahlreich aufgestellten Wasserbehältern galt. Wir tranken viel, viel Wasser und gossen uns eine Menge über den Kopf. Sogar die zur Streckensicherung eingesetzten Polizisten bemitleideten uns. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass wir mit unseren Zeiten nicht so richtig glücklich waren. Jeder interessierte Leser mag sie im Internet nachlesen. Meine Tastatur verweigert hier die Eingabe in das Dokument. Einziger Trost: Die Hitze traf alle.
Ich holte mir zwei knackige Sonnenbrände an den Schultern; eine schmerzhafte Erinnerung an einen strahlenden Tag.
Nun hatten wir noch zwei Wochen Zeit, um uns nach dieser Strapaze wieder aufzubauen und unser Training zu einem vernünftigen Abschluss zu führen. Wolfgang hatte in dieser Zeit ein eigenes Trainingsprogramm durchlaufen. In der letzten Woche verspürte ich ein leichtes Zwicken im rechten Oberschenkel verbunden mit Halsschmerzen. Mich befiel eine düstere Vorahnung: Sollte es mir so wie im Vorjahr ergehen? Nun, das Zwicken verflüchtigte sich, und die Halsschmerzen verharrten auf dem Status Quo.
Am Vortag des Laufes fuhren Uwe und ich mit unseren Familien nach Münster, um die Startunterlagen abzuholen und ein wenig durch die sehenswerte Innenstadt zu schlendern. Uwe machte auf mich einen leicht nervösen Eindruck. Man merkte die Anspannung. Ist ja auch nicht so einfach, die 3:30 zu unterbieten. Wie wird die Form am Sonntag sein? Wie fühle ich mich? Spielt das Wetter mit? Nach den Prognosen des bereits erwähnten Herrn sollte es sonnig bis 18° warm werden. Uwe klagte auch über leichte Kniebeschwerden. Mal sehen, was der Wettkampftag bringt.

Herrliches Wetter genießen wir auf dem Prinzipalmarkt
Herrliches Wetter genießen wir auf dem Prinzipalmarkt

Am Sonntag fuhren wir mit Ilona, einer gemeinsamen Bekannten, zeitig nach Münster. Eine gute Stunde vor Startbeginn ereichten wir den Veranstaltungsbereich, so dass wir uns sorgfältig und konzentriert vorbereiten konnten.

Drei Marathonis vor dem Start
Drei Marathonis vor dem Start

Es war unangenehm frisch und ein leichter Wind fegte über den Hindenburgplatz. Ich sah die Anspannung in Uwe Gesicht, verbunden mit dem festen Willen, die 3:30 zu knacken. Mein Ziel war es, gut zu laufen und unter vier Stunden ins Ziel zu kommen. So starteten wir gemeinsam, aber Uwe setzte sich nach wenigen Metern ab und entschwand meinen Blicken.
Ich konnte mein Rennen optimal gestalten, zumal die Strecke sehr abwechslungsreich ist und sich immer neue Perspektiven – zunächst innerstädtisch und dann in den Vororten – ergeben. An der Strecke herrschte eine Superstimmung, die Zuschauer feuerten uns Läufer phantastisch an. An mehreren Stellen hatten sich Bands postiert, die im Wechsel mit Musik aus der Konserve für die korrekte Untermalung auf der Strecke sorgten.
Kurz vor dem Ziel standen mit Jutta und Siggi zwei gute Bekannte aus unserem Verein an der Strecke. Als sie meinen Namen riefen, kam ich nicht umhin, zu ihnen zu laufen und sie zu umarmen. Im Ziel traf ich Ilona, die kurz nach mir den Prinzipalmarkt erreicht hatte.
Nach kurzer Erfrischung im Zielbereich begaben wir uns zu unserer Wechselkleidung und den Duschmöglichkeiten. Dort traf ich Uwe wieder, der vor Freude über seine Laufzeit schier außer sich war: 3:22; welch ein Sprung, fast ein Quantensprung, obwohl ich mit derartigen Attributen ansonsten sehr zurückhaltend bin.
Eine sehr gute Leistung von Uwe; in der ewigen Bestenliste unseres Vereins belegt er nun einen der vorderen Plätze. Herzlichen Glückwunsch, lieber Uwe, Du hast ein großes Ziel erreicht.
Ein Dank gebührt unseren Ehefrauen, die unser häufiges Fernbleiben von zu Hause wieder einmal mit viel Verständnis ertragen haben.

von Wolfgang Seebacher

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