Silvester in der Wanne
von Frank Pachura

Silvester, früher Abend.
Ich liege in der Wanne und wärme mich wieder auf. Heute habe ich richtig stark gefroren, obwohl die Sonne vom blauen Himmel schien. Es war knapp unter Null Grad, gefühlt noch wesentlich kälter. Nun entspanne ich meine Muskeln in einem Schaumbad. Ich liege so in der Wanne und döse vor mich hin. In Gedanken lasse ich den Tag an mir vorüberziehen. Langsam sinkt mein Kopf ins Wasser bis nur noch die Augen und die Nase herausschauen. Alle Geräusche verschwinden. Ich höre nur noch meinen eigenen Herzschlag und das leise Zerplatzen der Badeschaumblasen.
Meine Gedanken fliegen zurück …
 
Heute Mittag fahre ich mit meinen Lauffreunden vom TV Flerke nach Werl zum Start des Silvesterlaufs. So gegen viertel nach zwölf kommen wir an und müssen noch eine gute Stunde mit Herumstehen, Aufwärmübungen und Reviermarkieren verbringen. Wir Männer haben es dabei viel einfacher. Uns reicht eine Hinterhofecke, ein Baum oder eine Laterne. Trotz der Rumhüpferei kriecht die Kälte durch die Winterlaufkleidung. Zum Laufen ist das Wetter für einen Silvesterlauf fast ideal. Zum Warten auf den Start ist es einfach zu eisig. Da hilft auch der Wärmeschutzmüllsack nicht.
 
Als wir uns um kurz vor halb zwei dann endlich in den Startblock stellen dürfen, wird es aber sofort angenehmer. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Wärme so eine Menge von rund 5000 Läufern ausstrahlt. Um mich herum sehe ich nur fröhliche Gesichter. Alle warten gespannt auf den Startschuss. Wir zählen von 10 rückwärts und dann kracht es. Da ich recht weit hinten im Block stehe, merke ich vom Start erst mal nichts. So nach zwei Minuten bewegen wir uns dann aber endlich in Richtung Startlinie. Billy Idol begleitet uns über die Lautsprecheranlage mit seinem „White Wedding“.
Und los geht’s.
Ich möchte heute einen entspannten Silvesterlauf abspulen. Ohne Zeitambitionen. Obwohl er genau genommen noch im alten Jahr stattfindet, ist es für mich der Beginn der neuen Laufsaison und nicht das Ende der alten. So laufe ich nun auch los. In lockerem Tempo kurz durch Werl und dann auf der B1 in Richtung Soest. Es beeindruckt mich immer wieder, wenn ich vor und hinter mir die Läufermassen sehe. Die B1 ist mit tausenden von bunten Menschen bevölkert. Wir Läufer stehen bei der Farbwahl unserer Sportkleidung gerne im Gegensatz zu jedem bisschen Geschmack und ästhetischem Empfinden. Möglichst bunt ist In.

Langsam wird der Körper nun warm und wir Läufer sind uns einig darüber, dass das Wetter fast nicht besser sein könnte. Unterwegs lerne ich einen Läufer aus Neheim kennen, der mir durch seinen StrongmanRun-Wärmeschutz-Poncho auffällt. Wir beide sind schon zweimal zusammen durch den Strongman-Schlamm gerobbt, haben uns vor lauter Dreck aber wohl nicht gesehen.

In Westtönnen steht der erste Sambatrommler am Straßenrand und trommelt sich die Finger wund. Einige Teilnehmer geben ihm Applaus und das spornt ihn noch mehr an. In den folgenden Orten an der B1 gibt es später noch mehr musikalische Untermalung. Ein Orchester, noch einige Trommler und viele jugendliche Wanderer, die mit ihren laut beschallten Bollerwagen die Strecke entlang ziehen.
Unterwegs sehe ich viele Bekannte am Streckenrand: Nachbarn, Freunde und Kollegen. Erstaunlich viele Menschen aus der Region kommen an Silvester zum Lauf, nur um Bekannte oder Verwandte zu beklatschen oder einfach, um die Läufermassen zu bestaunen. Danke an die vielen Klatscher, Rasseldreher und die vielen Kinderhände, die ich unterwegs abklatschen durfte.

Ich trabe locker weiter und erreiche nach gut anderthalb Stunden die Soester Innenstadt. Hier stehen noch viel mehr Zuschauer am Rand und bejubeln uns. Die roten Zeitmessmatten trillern uns zu: Angekommen! Im Ziel bekommen wir unsere schönen Medaillen und dann geht es sofort weiter in den Versorgungsbereich. Schnell merke ich, dass die Kälte sofort wieder durch die inzwischen nass geschwitzte Kleidung kriecht. Brrr. Ich hüpfe schon wieder auf der Stelle, um Wärme zu erzeugen.

Zwei Becher warmen Tee gönne ich mir, ein Rosinenbrötchen und einen Becher Cola. Dieser ist die Härte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Cola ist nämlich durch die Minusgrade gefroren. Kleine Eisbrocken schwimmen darin. Crush-Cola mitten im Winter. Das wäre eine herrliche Erfrischung, wenn wir jetzt 30 Grad plus hätten. Aber so ist es noch eine zusätzliche Abkühlung. Ob mein Magen die Frostcola schafft, weiß ich auch nicht. Ich friere nun noch mehr und mache mich sofort auf den Weg zum Versorgungswagen des TV Flerke. Hier ziehe ich mir endlich die nassen Laufklamotten aus. Nach einer Bratwurst geht’s dann schnell nach Hause. Ich werde aber einfach nicht mehr richtig warm. Die Crush-Cola hat mir wohl den Rest gegeben.

Zu Hause geht es dann nur noch um Wärmeerzeugung. Nach zwei Tassen heißem Kaffee hüpfe ich in die Wanne. Und hier genieße ich jetzt die Badezimmerruhe. Ich döse vor mich hin bis … ja bis mir etwas Wasser in die Nase läuft. Da bin ich wieder im Bad angekommen und pruste das Wasser aus der Nase. Nies, prust, hatschi.

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr, viele gesunde Kilometer und ganz viel Spaß beim Laufen.

Bis bald – im Wald.

von Frank Pachura
 
 
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