Die Geschichte von Charlie Banker
von Frank Pachura

Es ist Sommer. Endlich. Urlaubszeit. Zeit für die Familie. Zeit, sich auszuruhen. Zu faulenzen. Mal nichts zu machen. Einfach nichts. Nur herumhängen und ausruhen. Den lieben langen Tag. Die Arbeit ist schnell vergessen. Und Trainingspläne lasse ich mal Trainingspläne sein. Wettkämpfe habe ich zurzeit keine vor der Brust. Aaaach ist das schön.

Ich liege im Garten und döse vor mich hin. Die Sonne brennt vom Himmel. Die Kinder streunen mit Freunden herum. Ich genieße es, einfach mal allein zu sein. Einfach herrlich! Was für eine Ruhe.

Während ich so auf meiner Liege herumfaulenze, denke ich an die vergangenen Wochen. Einen Marathon bin ich gelaufen und einige 10er Wettkämpfe. Dafür habe ich fleißig trainiert und viel Zeit geopfert. Jetzt ist erstmal Urlaub und ich mache lauffrei. Schließlich müssen der Körper und der Geist sich auch mal erholen. Ich strecke mich und gähne mit weit aufgerissenem Mund in den Himmel.

Plötzlich brummt direkt hinter der Hecke ein lauter Motor. So laut, dass ich mich sehr erschrecke und dabei fast von der Liege falle. Meine Güte. Was ist das denn? Ich stehe auf, schaue durch die Hecke und sehe einen Nachbarn beim Rasenmähen. Ein Blick auf die Uhr: 15 Uhr. Die Mittagszeit ist vorüber. Mann. Jetzt ist die schöne Ruhe vorbei.

Ich lege mich wieder hin. Der Nachbar mäht und mäht und mäht. Jeden Grashalm einzeln. Er hört gar nicht mehr auf mit der Mäherei. Ich drehe gleich durch. Nach einer halben Stunde ist dann endlich wieder Ruhe. Er hat ausgemäht. Jetzt aber wieder schnell wegträumen. Aaaach. Herrlich. Endlich wieder Ruhe.

Sie wärt nur eine Minute. Der Kindergarten in unmittelbarer Nähe meines Gartens hat jetzt Spielplatzzeit. Gefühlte tausend Kleinkinder strömen in den Kindergartenaußenbereich und spielen mit lautem Geschrei herum. Einer nervt ganz besonders. Ein Junge schreit etwas, was sich für mich anhört wie „Charlie Banker“. „Charlie Banker.“ „Charlie Banker.“ Immer weiter. „Charlie Banker.“ Dann quiekt er lauthals und schreit weiter „Charlie Banker, Charlie Banker.“ Was soll das sein? Ein Spiel?

Ich frage mich, was das wohl heißen soll, komme aber zu keinem Ergebnis. Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich gleich durchdrehe. Ich will doch nur hier liegen. In meinem eigenen Garten. Und einfach etwas dösen und meinen Gedanken nachgehen. Stattdessen werde ich mit Überlautstärke mit „Charlie Banker“ beschallt. Es ist zum aus der Haut fahren.

Ich stehe wieder auf und schaue zum Kindergarten herüber. Der kleine Junge sitzt auf seinem Dreirad und schreit in die Gegend „Charlie Banker“. Er spielt ganz allein und niemand nimmt Notiz von ihm. Was immer das bedeuten soll. Charlie Banker?

Jetzt reicht es. Ich gehe ins Haus, ab in den Keller, ziehe meine Laufsachen und -schuhe an, einen Schluck Wasser und ab in den Wald. Ihr habt gewonnen, ihr Rasenmäher und Charlie Bankers. Ich gebe mich geschlagen. Ich haue ab. Jetzt seid ihr mich los. Ich gebe auf. Ich gehe laufen!

Und so trabe ich langsam und gemütlich durch den Wald. Der leichte Wind rauscht durch die Blätter. Die Sonnenstrahlen tanzen auf dem Boden. Ein paar Vögel zwitschern. Eine Fliege summt ... direkt in meinen Hals. Hust! Spuck! Würg!

Während ich mitten im Wald einen Husten- und Würgeanfall bekämpfe, kommt mir ein Spaziergänger entgegen. Er fragt mich, ob er mir helfen kann. Aber ich will kein Mitleid. Auch keine Hilfe. Ich will nur Ruhe. Sind denn heute alle gegen mich? Selbst die Fliegen?

Als ich nach einiger Zeit das Kratzen im Hals erfolgreich bekämpft habe (die Fliege ist übrigens nicht wieder raus gekommen), laufe ich langsam weiter. Weiter durch den Wald. Ich reiße meinen Mund nicht mehr so weit auf und atme mehr durch die Nase. Jetzt kann ich es genießen. Aaaach. Herrlich. Endlich Ruhe.

Nach einer Stunde bin ich wieder zu Hause. Der Nachbarrasen ist gemäht. Charlie Banker ist wohl von seiner Mutter Banker abgeholt worden, denn das Dreirad steht verlassen im Außengelände. Jetzt ist es hier auch ruhig. Kurz geduscht und dann schmeiße ich den Grill an.

Das habe ich mir heute aber redlich verdient: Schweinesteak nach Charlie Banker Art und als Vorspeise gewürgte Fliege mit frisch gemähtem Rasensalat. Hmmmm! Lecker!

Bis bald im Wald

Frank

 
 
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