Der 6. Ruhr-Marathon – auch der letzte?
von Wolfgang Seebacher

Gut gelaunt und entspannt fuhren wir am Sonntagmorgen mit der S-Bahn von Dortmund Wickede nach Lütgendortmund. Wir, die vier Läufer vom TVA Wickede mit Ilona, einer gemeinsamen Lauffreundin, die ihr schon aus meinen Schilderungen zum vergangenen Münster-Marathon und Silvesterlauf Werl-Soest kennt. Die Endstelle der S-Bahn liegt ca. 700 Meter vom Startpunkt auf der Provinzialstraße entfernt. Kein Problem, kein Stress bei der Anreise, genug Dixis. Eigentlich alles ok. Hin und wieder ein prüfender Blick zum Himmel, denn die Wetterfrösche haben Regen vorhergesagt. Es ist zwar stark bewölkt, aber es regnet nicht.
Vor dem Start werden noch einige Erinnerungsfotos gemacht, wobei uns ein namentlich leider unbekannter Lauffreund aus Castrop-Rauxel gemeinsam auf den Chip bannte.

Das Team vom TVA Wickede

Der "unbekannte" Fotograf
Uwe drängt, die Kleiderbeutel abzugeben, um rechtzeitig den Check-In-Point zu passieren. Unsere Startnummern sind mit farbigen Punkten versehen. Dies wird am Start auch kontrolliert, obwohl einige die Absperrgitter beiseite schieben und sich so seitwärts Einlass verschaffen können.
Die Spannung steigt. "Two Minutes To Go", verkündet der international erfahrene Moderator an der Startlinie. Klasse, gleich geht es los, und es regnet immer noch nicht.
Ich schalte meine Super-High-Tech-Uhr ein, die Satelliten werden geortet. Doch was ist das? Es ist 10:32 Uhr und es sind keine Anstalten zum Starten erkennbar. Na gut, muss ja mit Oberhausen abgestimmt werden, da kann es sich geringfügig verzögern.
Es wird 10:40, von "Two Minutes To Go" ist keine Rede mehr, stattdessen eine Durchsage des Moderators, die keiner von uns so recht versteht: Hindernis auf der Strecke in Bochum. Wieso konnte niemand die Entstehung dieses Hindernisses verhindern? Es ist doch länger bekannt, dass heute der Lauf stattfindet. Man kann deshalb entsprechende Vorkehrungen treffen. Egal, wer für diese Panne verantwortlich ist, für uns ist diese Verzögerung eine Zumutung.
Inzwischen beginnt es zu regnen. Die Wenigsten haben jetzt noch einen Plastiküberwurf. Viele LäuferInnen kühlen aus. Die Topläufer haben es gut; sie werden wieder weggeführt und halten sich wahrscheinlich in warmen und trockenen Räumlichkeiten auf.
10:50 Uhr: Der Moderator übt sich in Durchhalteansagen nach dem Motto: Ohne Freigabe durch das Ordnungsamt dürfen wir nicht starten, die Sicherheit der Teilnehmer darf nicht gefährdet sein usw. Der DJ beginnt mit dem zweiten Durchlauf der zuvor gehörten Musikstücke. Es werden Plastikplanen verteilt, mit einer schütze ich Kopf und Oberkörper und beginne auf der Stelle zu tänzeln. Viele Läufer verlassen den Startbereich, um sich zu erleichtern. Das Warten wird zu einer Nervensache. Erste Pfiffe sind zu hören. Aber es nutzt alles nichts.
11:00 Uhr: Ich schlage Uwe vor, wieder nach Hause zu fahren. Das wird sowieso nichts mehr. Aber Ihr wißt ja, so einfach ist das nicht. Du stehst tatenlos im Startbereich, es regnet immer stärker, Uwe klagt über nasse Füße, Galgenhumor. Zwischendurch immer wieder tröstende Worte des Ansagers, aber die helfen nicht so wirklich.
11:10 Die TOP-Läufer werden in den Startbereich gebeten. Es scheint sich somit der lang ersehnte Start anzubahnen. Tatsächlich, um 11:18 schickt uns ein Vertreter der Stadt Dortmund auf die Strecke. Ich bin nass, aber froh, dass es endlich losgeht. Kurz nach dem Start treffe ich den Webmaster Frank. Begrüßung, weiter. Auf den ersten zwei Kilometern laufe ich an vielen Freunden und Bekannten vorbei, die als Streckenposten eingeteilt sind. Sie sind über die Ursache der Verzögerung nicht informiert.
Uwe hat sich verabschiedet und läuft sein Rennen. Auf den ersten Kilometern laufe ich gleichmäßig bis zur ersten Steigung in Bochum, die uns zum ersten Highlight führt: Durchlauf durch das Opel-Werk. Dies ist für mich angesichts der politischen Umstände eine sehr emotionale Angelegenheit. Gänsehaut pur. Ich freue mich, dass die T-Shirts der Zuschauer mit dem Aufdruck "Wir sind Opel" u.a. die Farben Schwarz-Gelb beinhalten. Und das in Bochum. Und das bei dem 6:0 gegen Bielefeld vom Vortag.
Inzwischen hat der Regen nachgelassen und wir erreichen das Stadtgebiet Bochum. Dirk überholt mich, er ist in einer anderen Gruppe gestartet. Ein kurzes Hallo. Ich bemerke, dass nur wenige Zuschauer die LäuferInnen anfeuern, das schlechte Wetter und die unzumutbare Startverzögerung sind wohl schuld. Bewundernswert sind diejenigen, die an der Strecke ausharren sowie die freiwilligen Helfer an den Verpflegungsstationen.
Ich erreiche Herne und erinnere, dass bei meiner letzten Teilnahme hier das Ziel für die Halbmarathonis war und die Zuschauer Spalier standen. Diesmal ist die Resonanz wesentlich geringer, auch verständlich, da der Halbmarathon an anderer Stelle stattfindet.
Zwischen Kilometer 23 und 24 - ich habe mir gerade ein Powergel in den Mund geschoben - begrüßt mich Johannes, ein alter Bekannter, am Straßenrand und läuft einige Meter neben mir. Ich freue mich, ihn mal wieder zu sehen. Unsere Begegnungen beschränken sich seit Jahren auf solch kurze Augenblicke. Danke, Johannes.
Das Gelände wird allmählich hügeliger. Mir fällt die Aussage des Pressesprechers des Veranstalters ein, der den Verzicht auf die Veröffentlichung des Streckenprofils damit begründet, dass die einzig nennenswerte Steigung eine Brückenpassage in Gelsenkirchen sei. Weit gefehlt, Herr Pressesprecher. Warum scheuen Sie sich, das Profil zu publizieren? Haben Sie Angst, dass sich noch weniger Starter anmelden?
Sei's drum. Die Gegend wechselt von Herner Stadtteilen zum Grünen. Wir nähern uns Gelsenkirchen, der Stadt des Ruhrgebietsrivalen. Wie werden mich die Leute empfangen? Zum Glück steht unser Vereinsname mit dem Präfix Dortmund auf dem Rücken meines Trikots. Aber alles geht gut.
Bei Kilometer 31 ist der Come-Together-Point, d.h. der Zusammenschluß der beiden Laufäste von Dortmund und Oberhausen. Na gut, die letzten 11 Kilometer kriegst du auch noch hin. Aber diese verflixten kleinen Steigungen setzen mir doch zu und meine Geschwindigkeit leidet darunter.
Als weiterer Höhepunkt kündigt sich bei Kilometer 36 der Durchlauf durch das Gelände der Zeche Zollverein an. Beeindruckend, dass hier früher Kohle gefördert wurde und dies nun zum Kulturdenkmal mutiert ist. Mein Blick geht aber nun immer mehr zur Uhr als zur Umgebung, für mich ein untrügliches Zeichen, dass ich zu übersäuern beginne. Mach langsam, Wolfgang, nimm Tempo raus, unter vier Stunden schaffst du allemal. Es schleichen sich kurze Gehpausen ein. Wirklich kurze, Wernfried, du weißt schon.
Bei Kilometer 39 läuft Ilona zu mir auf. "Komm, ich zieh Dich", ruft sie mir zu. "Davon haben wir beide nichts", antworte ich. Eine Zeitlang sehe ich sie vor mir, dann verliere ich sie aus den Augen.
Kilometer 41, trostloses Gebiet, Baustelle, Schutt, halbfertige Umgebung. Macht nichts, gleich bist du da.
Was ist das denn? Meine Name wird laut gerufen. Ok denke ich, steht ja auf der Startnummer. Aber es rufen nicht unbekannte Zuschauer, nein, am Streckenrand stehen meine Frau, meine Tochter und Uwes Frau. Klasse, habt ihr prima hingekriegt. Gut, dass ich meine Gehpausen vorher beendet habe.
Noch 300 Meter bis zum Ziel. Ich höre den Ansager, laufe locker durch: 3:55. Geschafft, aber schwerer als gedacht.
Im Zielbereich sehe ich einen sehr korpulenten Herrn, der wohl irgendwann einmal Fußballmanager gewesen war. Viele Teilnehmer begrüßen und beglückwünschen ihn. Ich kann mich diesem Unterfangen nicht anschließen. Für mich ist jeder Finisher zu beglückwünschen, da braucht keiner herausgehoben zu werden. Jeder hat für sich eine Leistung erbracht, auf die er stolz sein kann und die anzuerkennen ist. Da spielen Namen oder Funktionen keine Rolle.
Ich denke, ich bin im Ziel. Aber es geht in die Verlängerung. Nach dem Medaillenempfang will ich eigentlich Flüssigkeit zu mir nehmen und etwas essen. Doch ich suche in Zielnähe vergeblich nach der Verpflegung. Nach geschätzten 300 Metern tauchen die Versorgungstische auf. Gut, es gibt reichlich: Obst, Frikadellen, Fleischwurst, belegte Brote, Cola, Sprite, Wasser. Soweit in Ordnung. Hinweisschilder geben die Richtung für die Gepäckbeutel an. Mir schwant Unheilvolles. Doch nicht schon wieder. Doch, schon wieder. Wir werden auf den unwirtlichen Platz geleitet, vorbei an überfüllten Massagebänken, auf dem am Vortag die Messe stattfand. Eine Beschreibung des Platzes hab ich im Blog gegeben. Vorher sehe ich noch einmal Johannes. Er steht am Rand des Platzes, blickt auf die Finisher hinunter. Zunächst nehme ich ihn gar nicht wahr. Dann ein kurzer Zuruf, noch einmal danke Johannes. Damit rechne ich natürlich gar nicht.
Auf dem Platz schenkt eine namhafte Brauerei alkoholfreies Bier aus. Aber erst mal dahin kommen. Mir scheint, der Brauereiwagen steht auf einer Insel, umgeben von Wasser. Mühsam erkämpfe ich mir den Weg dorthin und schenke mir zur Belohnung gleich zwei Flaschen Bier.
Nun beginnt die Suche nach meinen Freunden. Uwe war vor mir, muss also schon im Ziel sein, Dirk und Ilona haben mich überholt, deshalb ebenfalls im Ziel. Zu Wolfgang habe ich keinen Kontakt, wahrscheinlich ist er hinter mir. Also bewege ich mich bei einsetzendem Muskelschmerz in Richtung Duschzelt. Die Duschekomposition besteht aus einem Umkleidebereich, dessen Grundmaße sich wohl an einer sehr geringen Teilnehmerzahl orientieren, m.a.W. es ist brechend voll, und den eigentlichen Duschen, die über eine Art Vorhof zu erreichen sind. Somit besteht ein ständiger Pendelverkehr zwischen beiden Bereichen. Vor dem Duschbereich treffe ich Dirk, im Duschbereich Uwe. An Duschen ist wegen der Enge nicht zu denken, also beschließe ich, dies zu Hause nachzuholen. Später wird Uwe mir erzählen, dass das Wasser weder warm noch kalt und nur als Sprühnebel wahrzunehmen war.
Frau und Tochter mit Freund, der allerdings den Marathon von Oberhausen aus gelaufen ist, sowie Uwes Frau erwarten mich. Im Lauf der Zeit gesellen sich Dirk, Uwe, Ilona sowie Wolfgang und seine Frau Beritt zu uns. Es gibt ein tolles Hallo, wir beglückwünschen und freuen uns, diesen denkwürdigen Lauf hinter uns zu haben.
Fazit: Eigentlich bin ich als Marathoni geduldsam und leidensfähig. Jeder, der mich kennt, wird das sicherlich bestätigen. Aber das, was uns an diesem denkwürdigen 17.5.09 beim 6. Ruhr-Marathon widerfahren ist, bringt selbst mich in Rage.
Die Organisatoren sollten dringend erfahrene Laufveranstalter einbeziehen. Die Verantwortung für die Startverzögerung wird sicherlich zwischen den Beteiligten, der Stadt Bochum und dem Orga-Team, hin und her geschoben, so dass wir uns am Ende glücklich schätzen dürfen, überhaupt gelaufen zu sein.
Die Zielumgebung muss dringend überarbeitet werden. Lange Wege sind zu vermeiden.
von Wolfgang Seebacher
 
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