Läuft!
von Hans Urbaniak

Es gibt etliche Gründe für Menschen mit dem Laufen zu beginnen. Gewichtskontrolle, Stärkung des Herz-Kreislaufsystems, Kräftigung des Bewegungsapparates, psychische Ausgeglichenheit, um nur einige zu nennen. Aber das Ziel aller Läufer ist immer das Gleiche, den eigenen ausgeglichenen Rhythmus zu finden.
06:30 Uhr. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist kalt und dunkel draußen. Der Nieselregen fällt leise auf die Strasse. Keine Lust nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. Aber ich habe mir etwas vorgenommen. Also, was soll’s? Schuhe schnüren und los. Die ersten zehn Minuten sind die schlimmsten. Die Beine tun weh als würden sie nicht dazu gehören. Alles schmerzt. Ist eine Viertelstunde vorbei, fällt man so langsam in den erlösenden Trott. Die ersten Schweißtropfen rollen von der Stirn und brennen in den Augenwinkeln.

So langsam läuft es. Ich spule meine diensttäglichen 20 Kilometer ab. Das Einzige, was sich am Rande meiner Strecken ändert, sind, je nach Jahreszeit, der Bewuchs der Bäume und Sträucher. Die Gedanken kommen und gehen und ich bin richtig gut drauf. Nach ca. 100 Minuten bin ich dann wieder zu Hause und froh, dass ich mich aufgerafft habe. Der nächste Tag ist trainingsfrei. Gut!
 
In der Woche laufe ich regelmäßig vier Einheiten mit insgesamt 80 bis 100 Kilometer und absolviere pro Jahr zwischen vier und sechs Marathonläufe. Da kommen gut 4000 km im Jahr zusammen. In Dortmund kenne ich mittlerweile fast jede Strasse und jeden Wald, denn ich habe schon fast alles abgelaufen.
Ein ambitioniertes Marathonpensum hatte ich mir für 2009 selber verordnet. Sechs volle Marathons sollten es schon werden, dann hätte ich insgesamt 20 Marathons geschafft. Angefangen hat das Jahr dann nicht so gut, denn ich musste krankheitsbedingt den Steinfurt-Marathon kurzfristig absagen.
Im Oktober 2008 bin ich am Baldeneysee meine persönliche Bestzeit von 03:28 Stunden gelaufen. Diese sollte dann auch für das Marathonjahr 2009 das Maß aller Dinge darstellen. Diese Zeit galt es in 2009 zu unterbieten.
Nach der unfreiwilligen Absage in Steinfurt war mein erster Marathon dann in Hamburg. Sommerliche Temperaturen, 25 Grad, es war deutlich zu warm, wolkenloser Himmel, kaum Schatten und viel zu schnell angegangen, das konnte nicht gut gehen! Die ersten zehn Kilometer habe ich in 48:27 Minuten absolviert, danach hatte sich der „Stau“ auf der Strecke aufgelöst und die Beine waren eingelaufen. Bis Kilometer 32 lief es dann absolut nach Plan. (HM: 1:42:40 Stunden; 30 km: 2:27:52 Stunden). Ich war auf Kurs für eine Zeit unter 3:30 Stunden. Dann musste ich zum ersten Mal Tempo rausnehmen. Etwa bei Kilometer 37 kam dann der berüchtigte Mann mit dem Hammer. Und der hat ordentlich zugeschlagen. Ich versuchte jetzt mich nur noch auf den Bewegungsablauf zu konzentrieren. Es ging jetzt nur noch ums „Überleben“! Bei Kilometer 40 (3:23:36 Stunden) war mir klar, dass ich mein persönliches Ziel nicht mehr erreichen konnte. Für die letzten, etwas mehr als zwei Kilometer, habe ich elend lange 13 Minuten gebraucht. Da ist mir dann auch auf der Strecke rausgerutscht: “Scheiße, ist das weit!“ Die Ziellinie auf der Glacischaussee kam nur langsam näher. Aber sie kam! Also, Kopf hoch und durch! Mit der erreichten Zeit von 3:36:42 Stunden kann ich leben. Mein Ergebnis vom Hamburg Marathon 2008 konnte ich um ca. zwei Minuten verbessern. An meiner persönlichen Bestzeit bin ich allerdings weit vorbei gelaufen. That’s life!
Der Karstadt-Ruhr-Marathon am 17. Mai 2009 war dann eine einzige Katastrophe. Man hat uns Teilnehmer im Startbereich in Dortmund sage und schreibe 50 Minuten bei Starkregen „festgehalten“. Grund, Streckenstörung in Bochum. Als es dann endlich losging waren alle Läufer durchgefroren und bis auf die Knochen nass. Insgesamt war die neue Streckenführung nicht besonders spektakulär. Die Halbmarathonies starteten diesen Jahr nicht von Dortmund sondern von Gelsenkirchen nach Essen. Das hat dazu geführt, dass das Starterfeld in Dortmund sehr übersichtlich war. Die Stimmung entlang der Laufstrecke war „schlapp“. Da kann man auch morgens bei Regen im Winter am Hengsteysee laufen, dort ist genauso viel los. Die erreichten 03:38 Stunden waren unter den gegebenen Umständen als eine gute Leistung einzustufen. Abhaken!
Am 07. Juni 2009 habe ich am Rhein-Ruhr Marathon in Duisburg teilgenommen und mit 03:36 Stunden abgeschlossen. Ein toll organisierter Lauf mit guter Stimmung entlang der Strecke. Klar gibt es Passagen, an denen weniger los ist. Dies wird durch den Zieleinlauf im Wedau Stadion allerdings mehr als kompensiert. Empfehlenswert!!
Dann folgte im September 2009 das Marathon Highlight des Jahres. Der 36. Berlin Marathon stand an. Die Nacht vor dem großen Lauf habe ich kaum geschlafen. Ich hatte „Muffe“. Der Respekt vor der enormen Entfernung von 42,195 Kilometern ist bei mir auch nach meinen zahlreichen Marathonläufen immer noch ausgeprägt. Aufgrund meiner guten Marathonzeit aus dem Jahr 2008, konnte ich in Berlin aus Block E heraus starten. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass man relativ nah an der Startlinie steht und kaum zu Beginn langsamere Läufer überholen muss. Kurz vor dem Start setzte ich mich bei sommerlichen Temperaturen im Startbereich auf den Bordstein, schloß die Augen und bin in Gedanken die gesamte Strecke noch einmal durchgegangen. Es war mein sechster Start in Berlin und für mich der wichtigste Lauf des Jahres. Hunderte gelbe Ballons stiegen mit dem Startschuss in die Luft und tolle Musik trieb die fast 50.000 Läufer an.
Die ersten Kilometer waren holprig. Meinen geplanten Durchschnitt von 04:57 Min/km hatte ich bereits bei Kilometer 1 überschritten und musste den zweiten Kilometer deutlich schneller angehen. Bei Kilometer drei war ich dann wieder synchron mit meiner Marschtabelle, die ich als Armband dabei hatte. Bei Kilometer 11 hatte ich einen kleinen Motivationshänger, der aber schnell wieder verflog. Danach lief alles wie am „Schnürchen“. Die Kilometer gingen dahin und die Stimmung war an der gesamten Strecke unbeschreiblich. In Berlin wird man für seine Trainingsmühen belohnt. An den Verpflegungsstationen war das Gedränge mal wieder sehr groß. Ich habe an allen Verpflegungspunkten Wasser zu mir genommen, da es schon ab 10 Uhr sehr warm war. Bis Kilometer 20 hatte ich einen komfortablen Vorsprung von gut vier Minuten auf meine Marschtabelle herausgelaufen. Den Halbmarathonpunkt passierte ich nach 1:40:36 Stunden. Deutlich zu schnell. Würde ich das durchhalten?! Zweifel kamen auf. Nutzt nichts, Augen zu und durch! Es fiel mir aber auch in der zweiten Rennhälfte nicht wirklich schwer. Einen richtigen Einbruch hatte ich nicht. Ab Kilometer 25 fingen die ersten Teilnehmer an zu gehen. Mir ging es nach wie vor gut. Bis Kilometer 30 hatte ich meinen „Vorsprung“ um weitere zwei Minuten ausbauen können. Immer mehr Menschen bewegten sich jetzt nur noch gehend. Unaufhörlich näherte ich mich dem Ziel und überholte Läufer um Läufer. Mir wurde klar, dass eine neue Bestzeit greifbar war. Die folgende Kilometermarkierung passierte ich weiter in konstantem Tempo. Als ich dann nach 03:12:22 Stunden „Unter den Linden“ einbog, hatte ich die sechs Minuten immer noch im „Sack“. Die letzten zwei Kilometer waren dieses Jahr für mich ein einziger Triumpflauf mit dem absoluten Höhepunkt des Durchlaufens des Brandenburger Tores. Grandios! Die Gefühle, die man dabei durchlebt sind unbeschreiblich. Allein dafür lohnt sich dieser tolle Lauf in Berlin. Eigentlich ist dieser Moment viel zu kurz. Die Ziellinie überquerte ich in neuer persönlicher Bestzeit nach genau 3:22:55 Stunden (4:48 min/km) und bin somit knapp 6 Minuten unter meiner Planung geblieben. 2010 bin ich auf jeden Fall wieder dabei!
Am 11. Oktober 2009 stand dann noch der RWE Marathon „Rund um den Baldeneysee“ an. Ein Landschaftslauf mit flachem Profil. Gut von Dortmund aus zu erreichen, professionell organisiert und tolle Stimmung. Empfehlenswert! Insgeheim hatte ich gehofft, meine noch so junge Bestzeit nochmals zu unterbieten. Wäre der Lauf nur 37 Kilometer lang gewesen, wäre mir das auch gelungen, denn bis dahin war ich ca. eine Minute schneller als in Berlin unterwegs. Zu Ende hin musste ich meinem hohen Tempo und dem kurzen Abstand zum Berlin Marathon jedoch Tribut zollen. Nach 03:24 Stunden bin ich am Regattahaus zufrieden über die Ziellinie gelaufen.
Das war’s dann wohl für 2009. Wenn ich mich richtig regeneriert habe, werde ich mich demnächst intensiv mit meiner Marathonplanung für 2010 beschäftigen. Vielleicht kann ich ja meine persönliche Bestzeit weiter verbessern. Wir werden sehen…
von Hans Urbaniak
 
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