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Der
Mülheimer Rennbahncross
von Marion Fladda |
22.
November 2009, 10:10 Uhr
A40 Richtung Mülheim zum Mülheimer Crosslauf.
3200mg (In Worten -Dreitausendzweihundert Milligramm-) Norfloxacin,
ein Breitbandantibiotikum unter anderem zur Behandlung von
komplitzierten Harnwegsinfekten, haben dazu beigetragen, dass
sich mein Harn farblich wieder von "Blutorangensaft-mit-Fruchtfleisch-farben"
in mildes "wässrig-gelb" verändert hat.
Versagt hat das Antibiotikum allerdings bei der Prävention
einer Erkältung. Seit Donnerstag handhabe ich es so,
dass ich mit weit aufgerissenem Mund, schnorchelnd unter massiver
Schweißproduktion meine Nächte verbringe. Und das
aus Überzeugung.
Letzte Nacht hat mir - glaube ich - jemand Watte in Ohren,
Nase und Nasennebenhöhlen gestopft. Die Skleren meiner
Augen haben die gleiche Farbe, wie mein Harn unmittelbar vor
der Antibiotikatherapie und meine Stimme klingt bezaubernd
dumpf und verrotzt. Erläuterungen zu der Farbe meines
Nasensekrets werde ich aus Nächstenliebe zum Leser weglassen.
So sitze ich nun neben Frank im Auto auf dem Weg zum 8,3 km
langen Crosslauf auf der Mülheimer Pferderennbahn und
röchle vor mich hin. Ein stechender Schmerz durchzieht
meine Brust.
Mein Kopf glüht.
"Frank..... ich werde heute nicht laufen."
Ich blicke traurig runter auf meine leuchtend gelben Nike
free im Fußraum am Ende meiner in einer Laufhose steckenden
Beine und ziehe mir schon mal den linken Schuh aus....
"Das ist eine sehr erwachsene Entscheidung....!"
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13:01
Uhr
Eine 34 mm dicke Schlammpanade aus Rennbahnschlamm pappt an
meinen nun nicht mehr strahlenden, sondern eher stinkenden
Nike free.
Wir gehen in die dritte Runde auf der Rennbahn und meine Bronchien
haben sich dazu entschieden, zu verkrampfen, um die Sauerstoffausbeute
zu optimieren.
Die gefühlte Ausbeute ist ähnlich hoch, wie die
Vitaminausbeute einer Schale Pommes mit Mayo. |
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Mein
Puls hämmert und ich stolpere über den weichen Rasen
der Pferderennbahn und sehe vor meinem inneren Auge - im Fieberwahn
oder aber auch als unerwünschte Nebenwirkung des Antibiotikums
- ein paar zweijährige Vollblüter auf der Tribüne
sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen und einem
Fernglas in den Hufen. Über meine unbeholfene und träge
Art und Weise mich über ihre Rennbahn zu schleppen schütteln
sie ihre Mähne und schnauben entnervt.
Noch zwei Runden habe ich vor mir. Vor gut einer Stunde war
mir das alleinige Sitzen auf einem Beifahrersitz zu Kräfte
zehrend. Und jetzt?
Die unglaublich schöne Atmosphäre hat meinen miserablen
Zustand überlagert und hat mich alles vergessen lassen.
Die Runde geht einmal komplett um die Rennbahn und führt
dann durch Stallungen, vorbei an Wettbüros und anderen
Pferdeaufenthalts- und -unterhaltungseinrichtungen.
Dann gehts wieder auf die Rennbahn. Das Ganze vier Mal. Auf
der Zielgeraden liegen dann als krönender Abschluss zum
Verpulvern der letzten Körner zwei Strohballenreihen.
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Während unserer dritten Runde werden wir laufend von
den Läufern an der Spitze überrundet. Schnaubend
und stöhnend ziehen sie in gefühlten "Mach
drei" an uns vorbei.
Bei dem einen oder anderen würde jedes Pferd vor Neid
erblassen, mit welch einer Lautstärke man schnaufen kann.
Meine Beine verlieren mit jedem Meter immer mehr an Substanz.
Sie fühlen sich nun so an, wie der Boden aussieht. Sie
scheinen nur noch aus Bindegewebe zu bestehen. Und meine Lunge
klingt wie ein Auspuffrohr mit Lochfraß. Aber gut, ist
ja nur noch eine Runde ... |
Das Läuferfeld ist weit auseinander gezogen. Vereinzelte
bunte Punkte, die sich über eine Rennbahn fort bewegen,
über die sonst eine Traube aus dicht aneinander gedrängten
Pferden lang jagt. Wir laufen ein letztes Mal durch die
Stallungen und nehmen die letzte Runde in Angriff.
Und schon wieder denke ich:" Nur noch eine!"
Das ist unheimlich motivierend, wenn man sich von Anfang
an überzeugend sagt, dass man nur noch eine hat, ganz
egal wie viele es noch sind ... das machen die Pferde sicher
auch so.
Ich kann das Stroh der Ziellinie bereits wittern. Wir kommen
auf die letzte Hälfte der Runde und werden von zwei
Frauen überholt.
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Mein
Ehrgeiz flackert einen kurzen Moment auf. Der Bereich, der
bei anderen Menschen durch Verstand gefüllt wird, meldet
sich und verbietet mir auf Grund des maroden Gesundheitszustand
das Tempo zu erhöhen. Die Beine fühlen sich auf
einmal wieder stark an. Ich lasse sie ziehen. Zähneknirschend.
Frank zieht auf einmal los.
Egal.
Er will bestimmt noch ein Foto machen.
Ich bleibe jetzt - egal was kommt - in meinem rollatorgerechten
Tempo. |
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Frank
hält vor dem ersten Ballen und kniet sich mit seinem
Fotoapparat davor. Ich ziehe ein paar Meter vor dem Ballen
an und hüpfe elefantengleich - wie eine Feder - drüber.
Die Frau vor mir ist bereits über dem zweiten Ballen.
Die könnte ich rein theoretisch noch bekommen ... NEIN!
Ich nehme den Zweiten.
Die letzten Meter.
Hinter mir höre ich Frank im Kampf mit einem "Orangen".
Die Geräuschskulisse reicht vollkommen aus, um meinen
kranken Organismus auf Instinkt und Trieb zu schalten. Ich
fange an, zu sprinten.
Durch den Schlamm.
Den Zielkanal.
An der Läuferin vorbei.
Ins Ziel.
Freude.
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Es
vergehen ein paar Sekunden und ich stelle fest, dass sich
meine Sehqualität verschlechtert. Es wird alles ein wenig
schwarz.
Ich bekomme schlecht Luft. Es brennt.
Ich kann es kaum erwarten, was zu trinken und irgendwann wieder
zu atmen. Das sind zwei wirklich befriedigende Dinge.
Trotz meiner etwas angeschlagenen Verfassung bin ich froh,
den Lauf gelaufen zu haben. Es war ein sehr schöner Lauf
in einer mal ganz anderen Umgebung mit zugegeben etwas matschigem
Boden, auf dem man die Dehnkapazität der Sehnen und Bänder
gut testen kann. |
So
fern ich in einem Jahr wieder Luft bekomme, gesund bin und
keine Antibiotika mehr nehme, werde ich wieder dabei sein.
:-)
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