Schon
wieder die halbe Nacht wach gelegen. Wie hat mein Körper
die zwar recht kurze, aber dennoch sehr anstrengende Einheit
überstanden? Zaghaft bewege ich weit vor dem eigentlichen
Zeitpunkt des Aufstehens meine Beinmuskulatur. Alles im
grünen Bereich. Wolfgang, auf was hast du dich eigentlich
eingelassen? Als du dich vor einigen Wochen für diese
Veranstaltung gemeldet hast, ja, da war alles noch so weit
weg. Doch jetzt, heute, in wenigen Stunden begibst du dich
in wirkliches Abenteuer. So etwas hast du in deinem Läuferleben
noch nie mitgemacht. Puh, mir wird ganz anders. Der Höhepunkt
des Events steht an. 35 Kilometer ertragen, vielleicht sogar
erleiden. Im Gespräch mit Mitläufern fiel gestern
der Begriff „Überlebenskampf“. Ich finde
etwas übertrieben. Aber der nötige Respekt vor
der Strecke soll dennoch vorhanden sein.
Vor
der Fahrt mit S-und U-Bahn nach Hörde ist Frühstück
mit der besten Ehefrau der Welt angesagt. Zum Brötchen
holen benötige ich eine Regenjacke, es regnet Bindfäden.
Au Backe, wenn es so bleibt, gibt’s eine richtige
Schlammschlacht.
Am
Bahnhof Hörde treffe ich auf Frank, den Webmaster,
und seinen Laufkumpel Helmut. Gemeinsam fahren wir zu Phönix-West.
Auch
heute wieder eine perfekte Organisation. Da der Start für
die zweite und dritte Einheit am Augustinum in Lücklemberg
stattfindet, werden wir mit Bussen vom Veranstaltungsgelände
dorthin gefahren. Fast so wie beim Hermannslauf, nur dauert
die Fahrt ca. 15 Minuten. Inzwischen hat es aufgehört
zu regnen, der Himmel ist aber nach wie vor dunkelgrau,
da kann noch was kommen.
Ich
finde es unglaublich nett, dass wir uns vor dem Start im
warmen Foyer des Augustinum aufhalten und sogar die sanitären
Einrichtungen benutzen dürfen. Vielen Dank dafür
den Verantwortlichen, das tat wirklich gut.
Dieter
Baumann tänzelt in Zivil im Startbereich auf und ab.
Er teilt mit, gerne mitlaufen zu wollen, da Trail eigentlich
schon immer sein Ding gewesen sei, aber dummerweise zwickt’s
in der Wade und deshalb tut es ihm sehr leid, dass wir ohne
ihn laufen müssen. Luminita wiederum tritt an.
Der
Start ist für 12 Uhr vorgesehen. Bei der Bekleidung
entscheide ich mich für eine Regenjacke, darüber
das von einem Laufkollegen gestiftete Shirt mit seinem Firmenlogo.
Als Kopfbedeckung wähle ich eine Mütze und darüber
eine Kappe mit Schirm, damit kein Regen in die Augen laufen
kann.
Ich
starte aus Block B, da ich nicht unter den ersten 70 Zeitschnellsten
von gestern bin. Pünktlich, wirklich auf die Sekunde
pünktlich, startet Oberbürgermeister Sierau den
Lauf und schickt das Feld auf die Langdistanz. Ich merke
rasch, dass die Kilometerangaben in schwarzer Schrift auf
gelbem Grund dargestellt sind. Ein Hinweis auf den BVB?
Ständig begleitet werden wir von vier Ersthelfern aus
dem Rescue-Team auf geländegängigen Motorrädern.
Deren Motorengeräusche sind andauernd zu vernehmen.
Wir
laufen, wie schon beschrieben, den linken Weg, der uns am
Denkmal Bittermark vorbei hoch zur Brücke über
die B 54 führt. Kurz danach queren wir die Brandisstraße,
um auf verschlungenen Pfaden durch die Vinklöther Mark
und das Niederhofener Holz zur B 234 (Wittbräucker
Straße) zu gelangen. Mein Lieber, auf diesem ersten
Stück hast du schon fast 180 Höhenmeter auf dem
Tacho. Ich laufe verhalten, um nicht frühzeitig meine
Körner zu verbrauchen. Was soll’s auch, ich habe
nichts zu verlieren, will nur am Sonntagnachmittag vor den
Augen der besten Ehefrau der Welt finishen.
Bald
weiß ich gar nicht mehr, wo ich eigentlich bin, ohne
die zahlreichen, freundlich aufgelegten Streckenposten und
der vorbildlichen Markierungen hätte ich mich, wie
bei meinem Trainingslauf zwei Wochen zuvor, hoffnungslos
verlaufen. Und das in meiner Heimatstadt, unglaublich.
Die
erste Versorgungsstelle mit Getränken erwartet mich
an der Wittbräucker Straße. Ein, zwei Schluck
Wasser, kein isotonisches Getränk, ich weiß nicht,
wie mein Magen reagiert, weiter geht’s in Richtung
Schorveskopf, eine in der hiesigen Laufszene sehr bekannte
Steigung. Hier ist gehen angesagt, wieder nach dem Motto:
Körner sparen. Zwischendurch, so auch hier am Scheitelpunkt,
einige bekannte Gesichter am Wegesrand.
Die
Strecke verläuft nun über einige Trampel- und
Pferdepfade in Richtung Wannebachtal, hin zum nächsten
Verpflegungsstand. Hier gibt es neben Getränken auch
feste Nahrung, wie Nüsse, Kekse oder Riegel. Klasse
dargeboten. Wir erreichen auf einem Waldweg Buchholz, durchqueren
den Ort und nähern uns der Hohensyburg. Nicht auf dem
breiten Fußweg, nein, auf einem danebenliegenden Waldpfad.
Ist ja auch einleuchtend, du sollst ja bei dieser Veranstaltung
durchs Gelände laufen. Knapp unterhalb des Denkmals
sind noch 20 Kilometer zurückzulegen. „Ist ja
noch nicht mal mehr ein Halber“, bemerkt ein Mitläufer.
Doch
dann geht es richtig zur Sache. Die erste sehr schwierige
Bergabpassage steht bevor. Wir passieren das Casino Hohensyburg.
Verspiegelte Scheiben, wohl dazu, uns den mitleiderregenden
Gesichtsausdruck der von Gram und Verluststrähnen geprägten
Spieler zu ersparen. Aber sind wir nicht auch irgendwie
Spieler? Spielen wir nicht mit unseren Talenten und Möglichkeiten?
Versuchen wir nicht auch, das Optimum aus uns rauszuholen?
Puh,
sehr schwierig, auf einem holperigen Pfad hinunter zum Campingplatz
an der Naturbühne. Bekannte Gegend für mich, laufen
doch Uwe und ich häufig in diesem Gebiet.
Frank
hat mich längst überholt, jetzt läuft sein
Laufkollege zu mir auf. Kann der mich doch tatsächlich
bei aller Anstrengung noch fotografieren. Gut gemacht, Helmut.
Wir laufen einen ruhigen und entspannenden Kilometer den
Ruhrtalradweg entlang. Kurz vor Serpentinenanfang am Hengsteysee
weist uns unser Lauftreffleiter Peter Keil als Streckenposten
wieder den Berg, also die Klippen, hinauf. Jetzt hat der
Trail seinen Namen verdient. Ich verfalle in einen Wiegetritt.
Bloß nicht stehen bleiben müssen oder gar auf
dem feuchten steinigen und von Baumwurzeln durchzogenen
Untergrund ausrutschen. Da kommst du nie wieder in Gang.
Der Weg, nein Pfad, windet sich bergan. Noch eine Kehre,
ist es jetzt geschafft? Nein, es wird noch steiler. Der
Puls ist schon lange im roten Bereich, denn du gehst ja
nicht wirklich, sondern steigst, die Hände auf die
Oberschenkel gestützt, wie ein Kletterer hoch.
Nach
schier endlos erscheinenden Kehren und Wenden ein flacheres
Stück. Sollte der Scheitelpunkt erreicht sein? Tatsächlich,
aber wenn du denkst, es wird jetzt einfacher, muss ich dich
leider enttäuschen. Diesen Weg bergab zu laufen ist
genau so schwierig, ich meinte natürlich gehen.
Am
Fuß der Klippen natürlich wieder Fotografen,
die auch schon an anderen spannenden Stellen Fotos gemacht
haben und ein Versorgungsstand mit köstlichen Getränken.
Einen
Kilometer laufe ich in Richtung Köppchen-Werk. Da überrascht
mich meine eigene Idee, die beste Ehefrau der Welt anzurufen.
Gedacht, getan. Wir verabreden, dass sie sich nun auf den
Weg zum Ziel macht.
Wer
den Lauf „Rund um Dortmund“ kennt, weiß,
dass du das Ruhrtal irgendwann hoch zum Klusenberg verlassen
musst. Und das auf einer wiederum ekligen und sich lang
hinziehenden Steigung. Ich versuche, im Zockeltrab hoch
zulaufen, entscheide mich aber sehr schnell für den
bekannten Wiegetritt, da mein Puls zu explodieren droht.
Es schließt sich zu Beginn des Klusenbergs eine sanftere
Steigung an. Ich kann somit wieder beschleunigen. Geht aber
nicht lange gut. Zufällig befinden sich noch eine Läuferin
und zwei weitere Läufer in meiner Nähe, und wir
können eine Art Bus bilden. Der Kenner weiß natürlich,
dass damit eine Erscheinung aus der Tour de France gemeint
ist, bei der sich mehrere Fahrer zusammenschließen,
um gemeinsam zu fahren. Wir übertragen dies auf das
Laufen, es funktioniert.
Wenn
man so zusammen läuft, ergibt sich die eine oder andere
Bemerkung. So komme ich mit meiner Begleiterin, Sabine,
ins Gespräch, denn einfach stumm nebeneinander zu laufen
ist blöd. Sie stammt ursprünglich aus Kamen, ist
jetzt in Köln zu Hause und arbeitet beim WDR. Interessiert
erkundige ich mich weiter und erfahre, dass sie bei 1Live
moderiert. Donnerwetter, bei diesem Thema merkst du gar
nicht, dass schon wieder ein Kilometer absolviert ist. Schuldbewusst
frage ich sie, ob sie mir böse sei, wenn ich ihr offenbare,
dass diese Welle nicht gerade meine höchste Aufmerksamkeit
genießt. Ganz und gar nicht, so Sabine, sie höre
auch wie ich durchaus Sendungen im WDR5. Ich verrate ihr,
dass ich bei einer vor allem bei jungen Menschen sehr bekannten
Behörde arbeite und die Tochter eines Kollegen ebenfalls
beim WDR arbeitet. Kaum zu fassen, aber sie ist gerade mit
dieser Frau sehr gut bekannt. Klein und übersichtlich
ist doch die Welt. Als ich ihr noch gestehe, der drittälteste
männliche Teilnehmer des Feldes zu sein, ist sie doch
mehr als überrascht. Das wird dann auch Thema einer
kurzen Unterhaltung mit einem Motorradfahrer aus dem Rescue-Team
bei der nächsten Verpflegungsstation bei Dieckmann.
Etwa
zehn Kilometer laufen wir gemeinsam, hier die junge, dynamische
Moderatorin, dort der etwas ältere, gesetzte Herr mit
weißem Igelschnitt.
Wir
passieren das Denkmal Bittermark und laufen auf dem gleichen
Weg wie zuvor hoch nun zurück zum Augustinum. An der
Hagener Straße die nächste Versorgung. Sabine
möchte noch etwas Gas geben und verabschiedet sich.
Ich beginne nun doch die Belastung zu spüren. Da ich
morgen noch einmal 20,5 Kilometer laufen muss oder darf,
reduziere ich mein Tempo nochmals.
Ich
laufe um den Tierpark, tangiere den Rombergpark, alles auf
Nebenwegen, die wieder sehr verschlammt sind. Aber das ist
dir nach einem solchen Trail nun wirklich egal.
Plötzlich
mein Handy. Die beste Tochter der Welt meldet sich, sie
habe beim Vorbeifahren irgendwo die Absperrungen gesehen
und dann gedacht, ah, da läuft Daddy. Dann will ich
ihn im Ziel empfangen.
Noch
zwei Kilometer. Ich bin bereits auf dem Gelände Phönix-West.
Mein Lieber, das zieht sich aber noch. Gegenwind kommt auf,
zum Glück regnet es nicht mehr.
Da,
300 Meter vor dem Ziel: meine Tochter. Ein paar Schritte
läuft sie neben mir in einem Schnitt, der keiner mehr
ist. Die letzten Treppenstufen, du hörst den Ansager
deinen Namen rufen, noch 10 Meter, die Ziellinie, drüber,
du bist da. Ein erster Händedruck und Glückwünsche
vom Projektleiter des Events, dann siehst und findest du
die beste Ehefrau der Welt mit Tochter. Glückwünsche,
Umarmungen. Da ist doch noch Sabine. Die Tochter, begeisterte
1Live-Hörerin, kennt Sabine natürlich aus dem
Radio und tauscht sich sofort mit ihr aus. Ach, der Motorradfahrer
aus dem Rescue-Team ist natürlich auch eingetroffen
und freut sich mit uns.
Ich
bin geschafft, kann aber gut gehen. Hoffentlich bleibt das
so, denn mit einem Muskelkater zu laufen ist schwierig.
Wer’s schon mal gemacht hat, weiß wie das ist.
Ich bin den Rest des Tages muskelkaterfrei.
Die
Pasta-Party nach dem Rennen ist wiederum Klasse. Darin eingebettet
die Ehrung der Tagessieger und –platzierten.
Meine
Frau hat zur Vorbeugung ein Entspannungsbad vorgesehen,
das ich auch wirklich gern genieße.