Eine Lauf-Trilogie - Zweiter Tag
von Wolfgang Seebacher

Schon wieder die halbe Nacht wach gelegen. Wie hat mein Körper die zwar recht kurze, aber dennoch sehr anstrengende Einheit überstanden? Zaghaft bewege ich weit vor dem eigentlichen Zeitpunkt des Aufstehens meine Beinmuskulatur. Alles im grünen Bereich. Wolfgang, auf was hast du dich eigentlich eingelassen? Als du dich vor einigen Wochen für diese Veranstaltung gemeldet hast, ja, da war alles noch so weit weg. Doch jetzt, heute, in wenigen Stunden begibst du dich in wirkliches Abenteuer. So etwas hast du in deinem Läuferleben noch nie mitgemacht. Puh, mir wird ganz anders. Der Höhepunkt des Events steht an. 35 Kilometer ertragen, vielleicht sogar erleiden. Im Gespräch mit Mitläufern fiel gestern der Begriff „Überlebenskampf“. Ich finde etwas übertrieben. Aber der nötige Respekt vor der Strecke soll dennoch vorhanden sein.

Vor der Fahrt mit S-und U-Bahn nach Hörde ist Frühstück mit der besten Ehefrau der Welt angesagt. Zum Brötchen holen benötige ich eine Regenjacke, es regnet Bindfäden. Au Backe, wenn es so bleibt, gibt’s eine richtige Schlammschlacht.

Am Bahnhof Hörde treffe ich auf Frank, den Webmaster, und seinen Laufkumpel Helmut. Gemeinsam fahren wir zu Phönix-West.

Auch heute wieder eine perfekte Organisation. Da der Start für die zweite und dritte Einheit am Augustinum in Lücklemberg stattfindet, werden wir mit Bussen vom Veranstaltungsgelände dorthin gefahren. Fast so wie beim Hermannslauf, nur dauert die Fahrt ca. 15 Minuten. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, der Himmel ist aber nach wie vor dunkelgrau, da kann noch was kommen.

Ich finde es unglaublich nett, dass wir uns vor dem Start im warmen Foyer des Augustinum aufhalten und sogar die sanitären Einrichtungen benutzen dürfen. Vielen Dank dafür den Verantwortlichen, das tat wirklich gut.

Dieter Baumann tänzelt in Zivil im Startbereich auf und ab. Er teilt mit, gerne mitlaufen zu wollen, da Trail eigentlich schon immer sein Ding gewesen sei, aber dummerweise zwickt’s in der Wade und deshalb tut es ihm sehr leid, dass wir ohne ihn laufen müssen. Luminita wiederum tritt an.

Der Start ist für 12 Uhr vorgesehen. Bei der Bekleidung entscheide ich mich für eine Regenjacke, darüber das von einem Laufkollegen gestiftete Shirt mit seinem Firmenlogo. Als Kopfbedeckung wähle ich eine Mütze und darüber eine Kappe mit Schirm, damit kein Regen in die Augen laufen kann.

Ich starte aus Block B, da ich nicht unter den ersten 70 Zeitschnellsten von gestern bin. Pünktlich, wirklich auf die Sekunde pünktlich, startet Oberbürgermeister Sierau den Lauf und schickt das Feld auf die Langdistanz. Ich merke rasch, dass die Kilometerangaben in schwarzer Schrift auf gelbem Grund dargestellt sind. Ein Hinweis auf den BVB? Ständig begleitet werden wir von vier Ersthelfern aus dem Rescue-Team auf geländegängigen Motorrädern. Deren Motorengeräusche sind andauernd zu vernehmen.

Wir laufen, wie schon beschrieben, den linken Weg, der uns am Denkmal Bittermark vorbei hoch zur Brücke über die B 54 führt. Kurz danach queren wir die Brandisstraße, um auf verschlungenen Pfaden durch die Vinklöther Mark und das Niederhofener Holz zur B 234 (Wittbräucker Straße) zu gelangen. Mein Lieber, auf diesem ersten Stück hast du schon fast 180 Höhenmeter auf dem Tacho. Ich laufe verhalten, um nicht frühzeitig meine Körner zu verbrauchen. Was soll’s auch, ich habe nichts zu verlieren, will nur am Sonntagnachmittag vor den Augen der besten Ehefrau der Welt finishen.

Bald weiß ich gar nicht mehr, wo ich eigentlich bin, ohne die zahlreichen, freundlich aufgelegten Streckenposten und der vorbildlichen Markierungen hätte ich mich, wie bei meinem Trainingslauf zwei Wochen zuvor, hoffnungslos verlaufen. Und das in meiner Heimatstadt, unglaublich.

Die erste Versorgungsstelle mit Getränken erwartet mich an der Wittbräucker Straße. Ein, zwei Schluck Wasser, kein isotonisches Getränk, ich weiß nicht, wie mein Magen reagiert, weiter geht’s in Richtung Schorveskopf, eine in der hiesigen Laufszene sehr bekannte Steigung. Hier ist gehen angesagt, wieder nach dem Motto: Körner sparen. Zwischendurch, so auch hier am Scheitelpunkt, einige bekannte Gesichter am Wegesrand.

Die Strecke verläuft nun über einige Trampel- und Pferdepfade in Richtung Wannebachtal, hin zum nächsten Verpflegungsstand. Hier gibt es neben Getränken auch feste Nahrung, wie Nüsse, Kekse oder Riegel. Klasse dargeboten. Wir erreichen auf einem Waldweg Buchholz, durchqueren den Ort und nähern uns der Hohensyburg. Nicht auf dem breiten Fußweg, nein, auf einem danebenliegenden Waldpfad. Ist ja auch einleuchtend, du sollst ja bei dieser Veranstaltung durchs Gelände laufen. Knapp unterhalb des Denkmals sind noch 20 Kilometer zurückzulegen. „Ist ja noch nicht mal mehr ein Halber“, bemerkt ein Mitläufer.

Doch dann geht es richtig zur Sache. Die erste sehr schwierige Bergabpassage steht bevor. Wir passieren das Casino Hohensyburg. Verspiegelte Scheiben, wohl dazu, uns den mitleiderregenden Gesichtsausdruck der von Gram und Verluststrähnen geprägten Spieler zu ersparen. Aber sind wir nicht auch irgendwie Spieler? Spielen wir nicht mit unseren Talenten und Möglichkeiten? Versuchen wir nicht auch, das Optimum aus uns rauszuholen?

Puh, sehr schwierig, auf einem holperigen Pfad hinunter zum Campingplatz an der Naturbühne. Bekannte Gegend für mich, laufen doch Uwe und ich häufig in diesem Gebiet.

Frank hat mich längst überholt, jetzt läuft sein Laufkollege zu mir auf. Kann der mich doch tatsächlich bei aller Anstrengung noch fotografieren. Gut gemacht, Helmut. Wir laufen einen ruhigen und entspannenden Kilometer den Ruhrtalradweg entlang. Kurz vor Serpentinenanfang am Hengsteysee weist uns unser Lauftreffleiter Peter Keil als Streckenposten wieder den Berg, also die Klippen, hinauf. Jetzt hat der Trail seinen Namen verdient. Ich verfalle in einen Wiegetritt. Bloß nicht stehen bleiben müssen oder gar auf dem feuchten steinigen und von Baumwurzeln durchzogenen Untergrund ausrutschen. Da kommst du nie wieder in Gang. Der Weg, nein Pfad, windet sich bergan. Noch eine Kehre, ist es jetzt geschafft? Nein, es wird noch steiler. Der Puls ist schon lange im roten Bereich, denn du gehst ja nicht wirklich, sondern steigst, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, wie ein Kletterer hoch.

Nach schier endlos erscheinenden Kehren und Wenden ein flacheres Stück. Sollte der Scheitelpunkt erreicht sein? Tatsächlich, aber wenn du denkst, es wird jetzt einfacher, muss ich dich leider enttäuschen. Diesen Weg bergab zu laufen ist genau so schwierig, ich meinte natürlich gehen.

Am Fuß der Klippen natürlich wieder Fotografen, die auch schon an anderen spannenden Stellen Fotos gemacht haben und ein Versorgungsstand mit köstlichen Getränken.

Einen Kilometer laufe ich in Richtung Köppchen-Werk. Da überrascht mich meine eigene Idee, die beste Ehefrau der Welt anzurufen. Gedacht, getan. Wir verabreden, dass sie sich nun auf den Weg zum Ziel macht.

Wer den Lauf „Rund um Dortmund“ kennt, weiß, dass du das Ruhrtal irgendwann hoch zum Klusenberg verlassen musst. Und das auf einer wiederum ekligen und sich lang hinziehenden Steigung. Ich versuche, im Zockeltrab hoch zulaufen, entscheide mich aber sehr schnell für den bekannten Wiegetritt, da mein Puls zu explodieren droht. Es schließt sich zu Beginn des Klusenbergs eine sanftere Steigung an. Ich kann somit wieder beschleunigen. Geht aber nicht lange gut. Zufällig befinden sich noch eine Läuferin und zwei weitere Läufer in meiner Nähe, und wir können eine Art Bus bilden. Der Kenner weiß natürlich, dass damit eine Erscheinung aus der Tour de France gemeint ist, bei der sich mehrere Fahrer zusammenschließen, um gemeinsam zu fahren. Wir übertragen dies auf das Laufen, es funktioniert.

Wenn man so zusammen läuft, ergibt sich die eine oder andere Bemerkung. So komme ich mit meiner Begleiterin, Sabine, ins Gespräch, denn einfach stumm nebeneinander zu laufen ist blöd. Sie stammt ursprünglich aus Kamen, ist jetzt in Köln zu Hause und arbeitet beim WDR. Interessiert erkundige ich mich weiter und erfahre, dass sie bei 1Live moderiert. Donnerwetter, bei diesem Thema merkst du gar nicht, dass schon wieder ein Kilometer absolviert ist. Schuldbewusst frage ich sie, ob sie mir böse sei, wenn ich ihr offenbare, dass diese Welle nicht gerade meine höchste Aufmerksamkeit genießt. Ganz und gar nicht, so Sabine, sie höre auch wie ich durchaus Sendungen im WDR5. Ich verrate ihr, dass ich bei einer vor allem bei jungen Menschen sehr bekannten Behörde arbeite und die Tochter eines Kollegen ebenfalls beim WDR arbeitet. Kaum zu fassen, aber sie ist gerade mit dieser Frau sehr gut bekannt. Klein und übersichtlich ist doch die Welt. Als ich ihr noch gestehe, der drittälteste männliche Teilnehmer des Feldes zu sein, ist sie doch mehr als überrascht. Das wird dann auch Thema einer kurzen Unterhaltung mit einem Motorradfahrer aus dem Rescue-Team bei der nächsten Verpflegungsstation bei Dieckmann.

Etwa zehn Kilometer laufen wir gemeinsam, hier die junge, dynamische Moderatorin, dort der etwas ältere, gesetzte Herr mit weißem Igelschnitt.

Wir passieren das Denkmal Bittermark und laufen auf dem gleichen Weg wie zuvor hoch nun zurück zum Augustinum. An der Hagener Straße die nächste Versorgung. Sabine möchte noch etwas Gas geben und verabschiedet sich. Ich beginne nun doch die Belastung zu spüren. Da ich morgen noch einmal 20,5 Kilometer laufen muss oder darf, reduziere ich mein Tempo nochmals.

Ich laufe um den Tierpark, tangiere den Rombergpark, alles auf Nebenwegen, die wieder sehr verschlammt sind. Aber das ist dir nach einem solchen Trail nun wirklich egal.

Plötzlich mein Handy. Die beste Tochter der Welt meldet sich, sie habe beim Vorbeifahren irgendwo die Absperrungen gesehen und dann gedacht, ah, da läuft Daddy. Dann will ich ihn im Ziel empfangen.

Noch zwei Kilometer. Ich bin bereits auf dem Gelände Phönix-West. Mein Lieber, das zieht sich aber noch. Gegenwind kommt auf, zum Glück regnet es nicht mehr.

Da, 300 Meter vor dem Ziel: meine Tochter. Ein paar Schritte läuft sie neben mir in einem Schnitt, der keiner mehr ist. Die letzten Treppenstufen, du hörst den Ansager deinen Namen rufen, noch 10 Meter, die Ziellinie, drüber, du bist da. Ein erster Händedruck und Glückwünsche vom Projektleiter des Events, dann siehst und findest du die beste Ehefrau der Welt mit Tochter. Glückwünsche, Umarmungen. Da ist doch noch Sabine. Die Tochter, begeisterte 1Live-Hörerin, kennt Sabine natürlich aus dem Radio und tauscht sich sofort mit ihr aus. Ach, der Motorradfahrer aus dem Rescue-Team ist natürlich auch eingetroffen und freut sich mit uns.

Ich bin geschafft, kann aber gut gehen. Hoffentlich bleibt das so, denn mit einem Muskelkater zu laufen ist schwierig. Wer’s schon mal gemacht hat, weiß wie das ist. Ich bin den Rest des Tages muskelkaterfrei.

Die Pasta-Party nach dem Rennen ist wiederum Klasse. Darin eingebettet die Ehrung der Tagessieger und –platzierten.

Meine Frau hat zur Vorbeugung ein Entspannungsbad vorgesehen, das ich auch wirklich gern genieße.



Meine Schuhe nach Tag 2

Vor dem Schlafengehen die größte Sorge: Bleibst du beschwerdefrei?

Im Fernsehen sehe ich noch irgendwas mit Gaga, aber ich bin zu müde, um mich darüber aufzuregen. Ich gehe ins Bett in der Hoffnung, mal wieder durchschlafen zu können. Aber da wusste ich noch nicht……


 
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