Ein feiner Marathon in Münster 2009
von Wolfgang Seebacher

Sonntagmorgen, 13.9.09, ist wieder einmal frühes Aufstehen angesagt. Was mir sonst unter der Woche oftmals schwer fällt, ist heute kein Problem. Denn es ist Marathon-Tag. Der Münster-Marathon, an dem ich schon dreimal das Vergnügen hatte teilzunehmen, steht auf dem Terminplan. Peter, der Freund meiner Tochter – er möchte in absehbarer Zeit zum besten Schwiegersohn der Welt avancieren – trifft ein, wir warten auf Uwe, der uns gegen sieben Uhr abholen möchte. Es ist stark bewölkt, Schauer sind prognostiziert.
 
Alles klappt, alles im grünen Bereich. Die Fahrt verläuft von einigen stimmungsdrückenden Regenschauern abgesehen unspektakulär, so dass wir gegen 7:45 Uhr schon vor Ort sind. Uwe parkt traditionsgemäß in einem Parkhaus gegenüber dem Paulinum, einem Gymnasium, in dem die Organisation, Kleiderbeutelabgabe und Duschen untergebracht sind.

Entspannt und gutgelaunt bereiten wir uns auf den Start vor. Wir treffen einige Bekannte und sprechen über den bevorstehenden Event.
Kurz zurück beim Auto machen wir uns lauffertig. Ein Foto mit uns muss noch her. Da sehen wir Till, einen Jungen, der mit seinen Eltern auch an der Laufveranstaltung teilnehmen möchte. Er macht ein prachtvolles Foto von uns – der Lange in der Mitte ist Peter.
Gegen 8:40 gelangen wir in den Startbereich. Doch welch ein Schreck: Peter hat seine Startnummer verloren. Jetzt geht der Stress aber richtig los. Wo kann sie denn nur sein? Peter läuft zurück zum Auto, Uwe will schon einchecken, und ich will auch einchecken, aber auf Peter nicht verzichten. Nur blöde, Peter hat wie die meisten Starter eine Folie übergestreift, die mit der Maus, und die Leute sehen somit alle gleich aus. Wie soll ich ihn finden?

8:52: Menschen, hunderte Menschen hasten vorbei, Gelächter, Aufmunterung, Zweckoptimismus. Aber Peter ist noch nicht dabei.
8:54: Ich sehe Peter, aber er mich nicht. Ich mache mich lauthals bemerkbar, puh, er sieht mich, wir gehen in den Startbereich
 

Das ist Till, unser Fotograf
Nach einigen Ehrungen und guten Worten schickt uns ein wichtiger Mann aus Münster um 9:03 auf den Kurs. Ich denke an den Start am 17.5. beim Ruhr-Marathon. Hier ist alles bestens.
Noch ein kurzes Aufmuntern und Abklatschen, dann bewegen wir uns zur Startlinie. Uwe zieht das Tempo sofort an, auch Peter scheint gut drauf zu sein, er beschleunigt ganz gut. Ich versuche, auf den ersten Kilometern meinen Rhythmus zu finden.
Der Kurs geht zunächst durch Altstadt und Universitätsviertel, teils auf Kopfsteinpflaster, gut aufpassen ist angesagt. Einige Passagen kommen mir aus dem letzten Jahr bekannt vor. Nach 5 Kilometern der erste Erfrischungspunkt, trinken, obwohl es empfindlich kühl ist und dauernd Regen aus den dunkelgrauen Wolken zu fallen droht. Bei Kilometer 6 begrüßt uns eine putzmuntere Moderatorin und verabschiedet uns gleichzeitig mit den Worten: Bei Kilometer 36 sehen wir uns wieder.
Der Weg führt uns nun über die Promenade in Richtung Ziel, so sieht es aus. Aber wir streifen den Zielbereich und laufen in entgegengesetzter Richtung, sozusagen vom Ziel weg.
In bewährter Manier begrüßt uns bei Kilometer 10 der Moderator vom WDR, den wir dann wieder bei Kilometer 41 sehen.
Nun führt der Kurs um den Aasee, da war im letzten Jahr der Schwan, der in ein Tretboot verliebt war, und verlassen den eigentlichen Stadtkern in Richtung Nienberge. Hier, bei Kilometer 14, wird es etwas ruhiger, das Feld ist nun doch schon weit auseinander gezogen. Ich habe Platz und genieße den (noch) trockenen Lauf.
Was mich etwas stört, sind die vielen Radfahrer, die den Läufertross begleiten. Sicherlich gut gemeint, irritieren sie uns hin und wieder doch. Ich mache bei Kilometer 19 auch so meine Erfahrungen mit einem radelnden Pärchen. Ist schon schwierig, ich muss aufpassen, dass die Situation nicht eskaliert. Meine Mitläufer stimmen mir aber uneingeschränkt zu.
Eine Steigung hoch zu einer Autobahnbrücke kündigt Kilometer 20 an. Kurze Verschnaufung am Scheitelpunkt der Steigung, dann weiter in Richtung Nienberge. Deutlich ist schon der Signalton des Scanners für die Zeiterfassung Halbmarathon zu hören, mit dem die Chip-Nummer erfasst wird.
So, das ist geschafft. Wolfgang, du hast die Hälfte geschafft. Jetzt noch einmal das Gleiche, und du bist im Ziel. Mich empfängt im Ortskern eine Samba-Band, Cheerleader zeigen ihre Choreographie und eine unüberschaubare Menschenmenge jubelt uns zu.
Ja, was ist das denn. Da winken mir doch die beste Ehefrau der Welt und die beste Tochter der Welt vom Straßenrand aus zu. „Du bist gut in der Zeit“, ruft die Tochter, dann bin ich auch schon vorbei.
Die Strecke verläuft nun auf den sehr windanfälligen Pädkes, das macht mir sofort zu schaffen. Wind kommt immer von vorn, egal in welche Richtung du läufst. Diese alte Läuferweisheit bewahrheitet sich wieder einmal.
Am Wegesrand sitzen hin und wieder Fotografen, die von allen Läufern Aufnahmen machen, die dann über die jeweilige Agentur bezogen werden können.
Nach Nienberge erreiche ich Roxel. Hier wird die 30-Kilometer-Zeit gemessen. Wieder viele Menschen, die uns anfeuern und Mut für die restliche Strecke machen sowie Musik, die noch mal richtig antörnt. Auch hier schon weit hörbar der piepsende Scanner. Naja, noch zwölf Kilometer, eigentlich kann nichts mehr passieren. Ein verschärfter Blick zur Uhr signalisiert mir, dass meine Herzfrequenz zu hoch ist. An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass ich natürlich mit meiner Super-High-Tec-GPS-Uhr laufe. Ich habe dies eigentlich gar nicht bemerkt, aber ein hoher Puls über längere Zeit kann fatale Folgen haben. Also drossele ich meine Geschwindigkeit, ja scheue mich auch nicht, kurze Passagen zu gehen. So komme ich zwar nicht mehr im bisherigen Tempo voran, sehe aber mein Ziel, unter vier Stunden zu bleiben, nicht gefährdet.
Ich laufe nun auf Gievenbeck zu, die dritte und letzte Ortschaft außerhalb der eigentlichen Stadt. Auch hier wieder ein begeisterter Empfang durch eine große Menschenzahl. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Kinderhände ich abgeklatscht habe, überlege ich und schon recken sich mir die nächsten Hände entgegen. Zwischenzeitlich fallen einige Regentropfen, aber alles nicht schlimm, es hört immer wieder schnell auf.
Ab jetzt trinke ich neben Wasser auch Cola, meine Lebensgeister sind hellwach und topfit.
Kilometer 35, noch 7,195, dann habe ich es geschafft. Gleichmäßig trabe ich vor mich hin, wechsle hin und wieder eine Bemerkung mit meinen Mitläufern. Es wird in diesem Bereich schon sehr viel gegangen.
Wieder ein Getränkestand. Wieder genieße ich das gute Münstersche Wasser und kippe danach zwei Becher Cola in mich hinein.
Kilometer 39, die Menschenmenge nimmt allmählich zu. Musik, rhythmisches Klatschen und La-Ola wechseln sich ab. Bei Kilometer 41 erhält jeder Teilnehmer eine langstielige Rose, die ich der besten Ehefrau der Welt übergeben möchte, sofern ich sie bei diesen Menschenmassen überhaupt entdecken kann.
Ich nähere mich dem Ziel, in der Hand die langstielige Rose, keine Ehefrau zu sehen. Ich passiere die 42 KM-Marke, höre den Ansager, höre, wie er meinen Namen nennt, ich bin am Prinzipalmarkt, noch einige Meter, ich muss aufpassen wegen des Kopfsteinpflasters, noch ein paar Meter, ich höre den Piepston, ich bin drüber, ich bin im Ziel. Meine Zeit stimmt, das Ziel war eine Zeit unter vier Stunden, und dieses Ziel ist erreicht. Und in der Hand halte ich diese langstielige Rose. Ich bekomme die Finisher-Medaille umgehängt, sie sieht wieder toll aus.
Meine Augen suchen hinter den Absperrungen nach meinen Angehörigen. Nicht zu sehen. Seltsam denke ich, die müssten doch auch hier sein. Ich lasse mir eine Plastikfolie umlegen, stelle mich nach dem (alkoholfreien) Bier an und genieße dies.
Ich rufe meine Angehörigen an und erfahre, dass Peter verletzungsbedingt leider nicht durchlaufen konnte und sie deshalb schon zurück nach Dortmund gefahren sind. Schade, aber der nächste Lauf passt wieder.
Es ist merklich kühl und ich mache mich auf den Weg zum Paulinum. Und in der Hand halte ich diese langstielige Rose.
An der Schule treffe ich Uwe, der freudestrahlend seine Superzeit genießt. Nach Duschen und kurzer Berichterstattung beginnt es furchtbar zu regnen und wir beschließen, nach Hause zu fahren. Im Parkhaus treffen wir wieder, welch ein Zufall, Till, unseren Fotografen. Prima, dass er bereit war, ein Foto „von danach“ zu machen.
 

So sehen Sieger aus.
Pünktlich zur Kaffeezeit sind wir wieder zu Hause. Ach ja, die langstielige Rose. Ich überreiche sie der besten Ehefrau der Welt.
Insgesamt eine runde, gelungene Sache, der Lauf ist sehr zu empfehlen.

von Wolfgang Seebacher
 
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