45 km in 45 Stunden
von Marion Fladda

Der Montag danach: Ich würde gerne über das vergangene Wochenende einen schönen Bericht schreiben. Nur… wenn ich jetzt noch genügend leistungsfähige Gehirnzellen hätte, würde mir das sehr weiter helfen. Ich beginne einfach mal am Freitagabend...

20. August 2010
Der zweite Lauf der Volksbank-Cup-Laufserie führt uns in ein kleines Örtchen im Kreis Warendorf namens Einen. Nachdem das Wetter die letzten Wochen alles dafür getan hat, dass wir uns daran erinnern, dass nach dem Sommer die Jahreszeit Herbst folgt, scheint heute endlich mal wieder die Sonne. Es ist ein schöner Sommerabend und unser Wochenende mit drei Wettkämpfen hat wettertechnisch einen guten Start. Apropos Start. Nachdem wir uns die Startnummern angelegt und uns im Startfeld eingereiht haben, fällt auch schon der Schuss. Wir setzen uns in Bewegung.
 
Es kommt nicht häufig vor, dass ich mir im Vorfeld den Streckenverlauf anschaue, aber heute hab ich genau dieses getan. Wald- und Wiesenwege, sowie ein Abschnitt über ein Fahrradweg neben einer Landstraße warten darauf, von einem Haufen Läuferschuhe überpflügt zu werden. Ich weiß genau Bescheid. Heute gibt es keine Überraschungen. Dachte ich.
Unser Zeit-Ziel haben wir uns heute bei 4:45 pro Kilometer gesteckt. Bereits auf den ersten Metern entscheiden wir uns, auf Grund meiner gummiartigen Beinkonsistenz einen getrennten Lauf zu absolvieren. Frank zieht ab. Ich schnaufe hinterher und bemühe mich irgendwie, im Zeitlimit zu bleiben. 4:45 kann ich die ersten Kilometer sogar halten. Von Frank ist nichts mehr zu sehen.
 
Die Strecke schlängelt sich nun durch einen Wald. Der Untergrund ist voller Löcher und Wurzeln. Seit ich vor 1 1/2 Jahren auf so einem Boden meinen linken Fuß um 90° verdreht habe und aus ihm ein so derart lautes Krachen zu vernehmen war, als würde ein dicker Ast zerbersten, bin ich ausgesprochen aufmerksam. Manchmal so sehr, dass ich vergesse zu laufen und förmlich stehen bleibe. Ich werde immer langsamer.
Ich denke an morgen. Auf keinen Fall darf ich mir hier mein Fahrgestell versemmeln. Morgen wartet noch die grüne Hölle des Nürburgrings auf mich.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Immer schön konzentriert. Rechts, links, rechts, links. Wir verlassen den Wald und spüren wieder blanken Asphalt unter den Füßen. Nun könnte ich ja rein theoretisch ein wenig Zeit rausholen. In der Ferne kann ich das königsblaue Möhnemännchen sehen. Hoffentlich hat er nicht mit seiner gemeinen Allergie zu kämpfen. Ich komme immer näher an meinen Superhelden heran. Hinter mir hängt ein "Schwarzer", also ein Läufer in schwarz. Er hat es sich die letzten Kilometer in meinem Windschatten schön bequem gemacht. Ich ziehe nach einigen Minuten neben Frank und blicke ihn an. Die Luft macht ihm etwas zu schaffen. Auch ein Superheld kann mal mit Allergien zu kämpfen haben. Wir laufen zusammen weiter, der Schwarze immer noch im Windschatten. Die Strecke führt uns entlang einer Straße über Feldwege und wieder zurück über Sandböden Richtung Ziel. Der Sandboden lässt die Kraft verpuffen und mit ihr die Beschleunigung. Unsere „unglaublich gewaltige Geschwindigkeit“ wird herunter gebremst. Wir staken durch den Sand, weichen Pferdeäppeln aus und genießen die schöne Landschaft. An einer Getränkestation zieht der Schwarze vorbei. Wir folgen ihm in einem Abstand von einigen Metern und nähern uns dem Ziel. Mit einer Zeit von 51:45 fliegen wir durch das Ziel, nur ohne fliegen. Weit langsamer als das, was wir uns vorgenommen haben. Mit Gummibeinen und asthmatischen Beschwerden in unseren Möhne-Organismen. Zeit zum Trauern bleibt uns nicht, denn jetzt heißt es erstmal Ruckzuck nach Hause. Auftanken, Regenerieren und um 3:30 Uhr aufstehen, um in die Eifel zu reisen. Die grüne Hölle wartet...

21. August 2010
Es ist 5:06 Uhr und wir sitzen im Auto auf dem Weg zum nächsten Einsatz. Meine Beine fühlen sich schwer und steif und der restliche Körper vollkommen übersäuert an. Der Puls hämmert in irgendeinem rasenden, unkoordinierten Takt vor sich hin. Wir sitzen im Auto und starren raus auf eine dunkle Welt. Das Autoradio schweigt. Wir horchen den Fahrgeräuschen und warten darauf, dass das Navi uns mitteilt, dass wir unser Ziel erreicht haben.
Wir erreichen unser Ziel nach über zwei Stunden Fahrt. Die Sonne ist mittlerweile auch aufgegangen und strahlt vom Himmel. In einer riesigen Halle holen wir unsere fünfstelligen Nummern und machen uns danach startklar. Wir checken noch einmal unser Reifenprofil und gehen unsere Renntaktik durch. Die Boxenstops müssen genauestens geplant sein.
8:45 Uhr fällt der Startschuss. Mit „Highway to hell“ werden hunderte von Läufern auf die grüne Hölle losgelassen. Eine unglaublich berührende und mitreißende Atmosphäre lässt mich die schweren Beine und den müden Körper vergessen. Adrenalin fegt durch die Blutbahn und spült uns mit einem riesigen Strom von Läufern über die Rennstrecke, vorbei an vielen Zuschauen, die jubeln und klatschen.
Die Läuferschar strömt in engen Kurven über die Rennstrecke. Mit leichtem Gefälle und leichten Steigungen verlaufen die ersten Kilometer. Immer im Wechsel. Die Sonne brennt immer mehr auf den Asphalt.
 
 
Nach 10 Kilometern wird die Steigung zunehmend steiler. Und nach 13 Kilometern geht’s dann nur noch bergauf. Eine Steigung von bis zu 17 % ist hier zu verzeichnen. Viele Läufer schalten einen Gang runter. Mein Ziel ist es, durch zu laufen. Da Frank viele Fotos macht, habe ich mich etwas abgesetzt und laufe schon mal vor. 500 Höhenmeter und 24,4 km sind heute zu bewältigen. Die letzten Kilometer lege ich noch etwas an Tempo zu. Die Rennbahnatmosphäre ist sogar für einen xx-Chromosomen-gesteuerten Körper sehr mitreißend und beflügelnd. Ich überhole auf der langen Zielgeraden noch einige Läufer und habe einen Zieleinlauf nur für mich. Ich habe ein Läuferloch erwischt und die ganze Straße für mich.
Es ist umwerfend. Mit 2:31:02 beende ich die grüne Hölle. Ein paar Minuten nach mir empfange ich Möhneman und zusammen inhalieren wir noch etwas Rennluft und machen uns auf den Weg nach Hause. Der nächste Lauf steht schon in den Startlöchern...

22. August 2010
11 Uhr. Der Körperstatus hat sich noch etwas verschlechtert. Wir fühlen uns beide etwas überfahren und unsere Superhelden-Hochleistungsgehirne sind von der gestrigen stundenlangen, ungeschützten Sonneneinstrahlung mehr als gar. Wir fahren nach Essen, zum Abschluss von Run 'n' Rock 2010. Die schöne Laufserie nimmt für dieses Jahr ihr Ende. Das Wetter ist etwas bewölkt mit vereinzelten Sonnenlücken.
14 Uhr. Der letzte Startschuss für dieses Wochenende fällt und wir setzen uns in Bewegung. Meine Muskulatur und mein Kreislauf sind allerdings schon fertig. Vorzeitiger Ruhestand. Ich kämpfe mich über die 10,54 km und genieße die Atmosphäre der alten Zeche Zollverein. Zeit genug habe ich ja schließlich, denn mein Tempo passt sich der Hitze an. Schwülwarme Luft fließt nur zögerlich durch meine Luftröhre. Meine Motorik wird immer schwerfälliger. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir das Ziel und fallen über die Getränke und die üppige Obstbar her. Jedes Mal ein absolutes Highlight. Wir haben es geschafft. Unser sehr anstrengendes Dreierwochenende haben wir ohne größere Schäden überstanden.
 

Unser Resümee lautet: Alle drei Veranstaltungen hatten ihren eigenen Charme und sind auf jeden Fall sehr zu empfehlen, allerdings nicht unbedingt an einem Wochenende, denn das ist nur was für Superhelden... ;-)
von Marion Fladda
 
 
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