Marathon reloaded (Nur ohne das "reloaded")
von Marion Fladda

Was bisher (in diesem Monat!) geschah:
02. Mai 2010 Düsseldorf-Marathon
08. Mai 2010 Hammer Frauenlauf 10km
09. Mai 2010 Ahlener Haldenlauf 11km
13. Mai 2010 Beckumer Marathon-Staffel 8,4km
15. Mai 2010 Buchenwaldlauf 10km
21. Mai 2010 Lippstädter Altstadtlauf 10km
24. Mai 2010 Friedenslauf Dortmund Halbmarathon
Es ist nun genau vier Wochen her, als ich meinen ersten Marathon gefinished habe. Die Ratschläge mehrerer Lauffreunde lauteten: "Erhol Dich jetzt erstmal."
Gesagt, getan. Oder so ähnlich.
Der Duisburger Rhein-Ruhr-Marathon spukte bereits keine 24 Stunden nach dem Überqueren der Marathon-Ziellinie in Düsseldorf in meinem Kopf rum. Es dauerte weitere zwei Wochen bis dieser Gedanke zu einer Online-Anmeldung und die Sache mit dem zweiten Marathon dingfest wurde.
Mein Zweiter Marathon. Und gleichzeitig auch der zweite Marathon im Monat Mai.
30. Mai 2010
Duisburg - Wedau Stadion
Nach einer endlosen Kurverei durch das wunderschöne Duisburg haben Frank alias Möhneman und ich alias das Gleiche nur mit "-woman" endlich das Stadion gefunden. Dieser Morgen läuft irgendwie unrund. Und aus irgendeinem Grund fühle ich mich lustlos und matt. Ich fühle mich wie das Wetter. Es regnet.
Wir sitzen im Auto und schauen den Tropfen auf der Windschutzscheibe zu, wie sie hinunter strömen. In Duisburg angekommen schlappen wir raus ins feuchte Nass und holen unsere Startnummern. Meine Motivation sinkt immer weiter.
 
Der Start wird um eine halbe Stunde verschoben, was mich eigentlich nicht sonderlich stört. Es wäre doch mal eine schöne Idee, wenn der Start einfach direkt auf das Ziel verlegt würde und wir einfach direkt die Medaille holen und wieder nach Hause fahren könnten. Die Gedanken eines echten Marathonis halt.
 
9:50 Uhr.
Der Startschuss fällt. Meine Beine setzen sich in Bewegung. Das erste Mal seit dem Halbmarathon in Dortmund. Es fühlt sich eigentlich akzeptabel an. Nichts zieht. Kein Muskelkater oder Ähnliches. Doch soll dies anscheinend nicht lange anhalten. Bereits bei km 8 fangen meine Schienbeine an zu schmerzen. Der Schmerz erinnert mich auf unmissverständliche Weise daran, dass ich lebe. Vielen Dank, Schienbein, ich hatte es vergessen.
Die linke Kniekehle möchte auch etwas zu meinem Wohlbefinden beitragen und gibt alles. Was ist denn mit dem linken Bein los? Mir scheint, dass dort sämtliche Muskeln und Sehnen auf Hamster-Beinlänge geschrumpft sind. Ein Ziehen und Zerren. Während ich mit sämtlichen Schmerzempfindungen in meinem Körper beschäftigt bin, nimmt mein Gehör eine Unterhaltung auf: "...es sind nur noch 34 km."
Ich bedanke mich bei meiner einen minderbemittelten Gehirnzelle, die damals die Idee hatte, den Duisburg-Marathon vier Wochen nach meinem ersten Marathon zu laufen.
 
Ich versuche an irgendwas Schönes zu denken und rede mir ein, dass alles ganz locker läuft. Aber die Schmerzen bleiben. Die Motivation schrumpft genau wie die Sehnen und Muskeln meiner Beine. 10 km sind geschafft. Nur noch 32 km. Ich denke an den Düsseldorf-Marathon zurück. Dort lief es bis km 25 wie Butter. Nun habe ich bei km 8 schon den Status, den man eigentlich bei km 26 hat. Ich sinke immer mehr in ein Motivationsloch. Ich rede mir immer mehr ein, dass es schlauer wäre, einfach aufzuhören und zuzugeben, dass es ein Fehler war. Die gut gemeinten Ratschläge im Vorfeld wollte der Möhnewoman-Dickkopf nicht annehmen. Superhelden laufen eben auch schon nach vier Wochen ihren zweiten Marathon. Alles ganz locker.
Mir kommen Tränen. Ich will nicht aufgeben. Die Unlust wächst jedoch und mit ihr auch die Schmerzen beim Laufen. 16 km. Wäre dies ein Halbmarathon, wäre ich mir an dieser Stelle noch nicht einmal sicher, ob ich diesen packen würde. Aber ein Marathon? Absolut unmöglich!
Mein Möhneman versucht mich moralisch aufzubauen. Er sagt mir, dass ich versuchen soll, zu lächeln. Auch wenn ich mir dabei blöd vorkomme. Es gibt dem Hirnchen ein positives Feedback und das hebt die Stimmung. Ich kann es aber nicht. Ich will jetzt weinen. Ich will jetzt wie ein Mädchen in irgendeiner Ecke sitzen und heulen und nicht debil grinsend einen Marathon laufen.
 

Ich bekomme durch mein Gewimmer nun auch noch schlechter Luft. Die Bronchien haben keine Lust mehr, sich das Gejammer anzuhören, und rebellieren. Ich pfeife nun beim Atmen. Alles nur der Kopf. Das größte Problem ist diese Zentrale da unter der Schädel-Kalotte. Hat die keinen Bock und miese Laune, kann der Rest gucken, wo er bleibt. Frank versucht mich immer wieder aufzubauen. Wir erreichen die Halbmarathon-Marke.
Ich will nicht mehr. Es reicht. Schluss. Aus. Ich gebe auf.

Wimmernd schlürfe ich weiter. Und weiter. An allen Ecken meines Körpers taucht ein neues Schmerzempfinden auf. Es reicht. Ich will nicht mehr. Ich habe nicht das geringste Interesse daran, heute ein Medaille um den Hals zu bekommen. Und das will was heißen. Ich habe nun endgültig aufgegeben. Wie ein Lotto-Spieler, der irgendwann endlich mal einsieht, dass es sehr sehr unwahrscheinlich ist, dass er gewinnt. Es fängt auch immer wieder an zu regnen. Mal stärker, mal schwächer. Wir kommen an einem Wagen vorbei, in dem schon zwei Marathonis mit hengenden Köpfen und Startnummern sitzen. Ich bleibe stehen. Das kann ich nicht. Ich kann unmöglich den Klipp meines Nummernbandes lösen und mich zu den Beiden setzen. Jammernd und meckernd laufe ich weiter. Und weiter. Aber irgendwann höre ich mit den langsam verstreichenden Metern auf zu wimmern und laufe nur noch. Meine Oberschenkel fangen immer mehr an zu brennen. Aber mit dem Schmerz im Bein verschwindet der moralische Schmerz. Und mit dem kann ich leben.
Ich fange mich endlich wieder. Wir laufen weiter. Ich höre auf einmal die Zuschauer wieder. Sie jubeln und feuern uns an. Ich nehme andere Marathonis wahr, die nur noch gehen oder einen schmerzverzerrten Laufstil angenommen haben. Auch andere müssen beißen. Ich bin nicht alleine. Das tut gut. Wir durchlaufen immer wieder Schneisen aus Menschen, Musik und guter Stimmung. Es fühlt sich unheimlich gut an, dies alles wieder wahrzunehmen und aufzusaugen.
Wir passieren die 30. Und die 35. Und die 40. Und? Ja, auch die 42,195 mit einem schönen Endspurt.
 
 
Mein eigentlich schon aufgegebenes Ziel habe ich schließlich doch noch erreicht. Ich hatte schon sehr früh resigniert und bin dann lange Zeit mit dem Gedanken gelaufen, es nicht bis ins Ziel zu schaffen. Ich habe eingesehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte auf die Ratschläge hören sollen, denn selbst wenn man einen Marathon nicht mehr spürt, braucht der Körper doch noch Nachbereitung. Sowohl körperlich wie auch geistig.
Aus diesem Mararthon habe ich viel gelernt. An ihn werde ich wahrscheinlich noch viel länger denken als an meinen Ersten.
Und da ich ja aus meinen Fehlern gelernt habe, denke ich nun über meinen nächsten Marathon nach... Und das Wetter soll ja auch ab dem nächsten Wochenende besser werden. ;-)

von Marion Fladda
 
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