Münster – wie immer ein Top-Ereignis
von Wolfgang Seebacher

In diesem Jahr gilt der Lauf für Uwe und mich als etwas Besonderes. Es finden nämlich gleichzeitig die Westdeutschen Marathonmeisterschaften statt. Insofern bietet er uns eine willkommene Gelegenheit zu einem Vergleich mit der heimischen Konkurrenz. Denn hier treten die ambitionierten Marathonis, die Du sonst nie in dieser Dichte und Anzahl bei Laufevents triffst, gebündelt und in hoher Konzentration auf.
Am Vortag fahren wir wie in jedem Jahr nach Münster, um unsere Startunterlagen in Empfang zu nehmen und einen kleinen Rundgang und Einkaufsbummel durch diese wunderschöne Stadt zu machen. Uwe ist ein sehr vorsichtiger, verantwortungsvoller und umsichtiger Fahrer. Er bringt uns problemlos nach Münster, in das Herz des Geschehens. Wir erreichen Münster um die Mittagszeit, die Stadt ist überfüllt. Du bekommst nur mit Mühe einen Parkplatz und den auch nur am Rand des Innstadtkerns. Macht nichts, wir ertragen es mit westfälischer Gelassenheit. Unsere Stimmung ist gut, das leichte „Vorwettkampfkribbeln“ stellt sich ein, wir gehen auf der bereits vorhandenen blauen Linie und fühlen uns wie heimliche Sieger. Zudem herrscht herrliches Spätsommerwetter, ach hätte ich mein Sakko doch nur zu Hause gelassen. Es stört mich sehr und wandert von Arm zu Arm. Uwe hat es einfacher, er läuft nur im Polo-Shirt.


Die Jacke überm Arm….

… die Jacke weg geworfen.

Wir erhalten unsere Unterlagen im Paulinum, dem wohl ältesten Gymnasium Deutschlands. Die Schule besteht seit 797, allerdings ist dies urkundlich nicht belegt. Heute ist kein Unterricht, die Räumlichkeiten stehen dem Sport zur Verfügung.
Der Gang über die Sportmesse inspiriert uns aufgrund der ausliegenden Ausschreibungen zu Träumereien über Läufe in aller Welt. Da ist der Mehrtageslauf durch die Wüste ebenso präsent wie Marathons durch die sibirische Kälte oder südamerikanische Hitze, durch Millionenstädte oder Einöden. Träumen dürfen wir, argwöhnisch beäugt durch unsere Mitreisenden, darunter der besten Ehefrau der Welt. Tja, was würdet Ihr sagen, wenn wir uns spontan anmelden und, sagen wir in vier Wochen, irgendwo auf der Welt laufen?
Träume sind Schäume, nicht greifbar sowie vergänglich und flüchtig wie das Jetzt, der Augenblick. Und so bleiben uns nur diese Träume zu Läufen, die ohne uns stattfinden und an denen wir auch nie teilnehmen werden. Sei’s drum, wir laufen in Münster in vertrauter Umgebung. Das zeigt sich auch schon bei den „Vorarbeiten“ am Vortag, die immer nach dem gleichen Ritual ablaufen. Bis auf die ungewohnte Fülle in der Stadt wie im letzten Jahr.
Dem Bummel über den Markt am Dom mit dem Genuss einer Bratwurst – und das vor einem Marathon – schließt sich ein Rundgang durch den historischen Stadtkern an. Kulminationspunkt ist das Stadtcafe, in dem wir den leckeren Kuchen bei einer frischen Tasse Kaffee genießen. Derart gestärkt geht es nach Hause.
 

Der Prinzipalmarkt ist am Samstag festlich geschmückt (etwa unseretwegen? Klar!)
Voller Freude genießen wir den bestechenden Sieg des BVB. Er findet schon zu Beginn der Saison zu großer Form, was die blau-weißen aus einer anderen Stadt nicht gerade auszeichnet. Haha, auch Spieler für etliche Millionen bilden nicht immer eine homogene Mannschaft. Und dann kommt es am 19.9. zum großen Duell mit einem Auswärtssieg.
Die Nacht ist kurz, wie immer vor einem Marathon. Diesmal kommen für mich noch die Auswirkungen des Sturzes vor einigen Wochen hinzu. Neben einigen Tagen Laufpause wegen der Einnahme eines Antibiotikums macht mir auch die mentale Seite zu schaffen. Trainingsrückstand lässt sich nun mal nicht wegdiskutieren.
Bevor der Wecker klingelt raus aus den Federn. Draußen ist es noch dunkel, als ich den ersten Blick aus dem Fenster werfe. Das Außenthermometer zeigt magere 6°, zum Glück im Plusbereich. Uwe holt mich pünktlich um 7 Uhr ab und auf geht’s.
 

Zufällig begegnen wir Michael, einem weiteren Läufer aus Wickede.
 
Das ganze ist ein Déjà-vu-Erlebnis, denn genau diese Fahrt haben wir bereits gestern erlebt. Frühzeitig und stressfrei erreichen wir den Ort des Events. Im Schulbereich herrscht ein emsiges Treiben. Wir nehmen Gesprächsfetzen über Vorbereitungen, Bestzeiten und Verletzungen anderer Teilnehmer auf.

Nach Abgabe unserer Kleiderbeutel schlendern wir die 500 Meter bis zum Start. Da wir an der westdeutschen Marathonmeisterschaft teilnehmen, hat uns der Veranstalter der roten, also der ersten, Startgruppe zugeordnet. Ist für uns ungewöhnlich und zugleich interessant, die Cracks hautnah zu erleben.
Pünktlich startet der Oberbürgermeister von Münster den Lauf und der Lindwurm setzt sich in Bewegung. Nach wenigen hundert Metern fühle ich mich ausgepowert, kein Wunder, ein Blick zu meiner Super-High-Tec-GPS-Uhr zeigt eine Geschwindigkeit von knapp über 4 Min/KM an. Das kommt davon, wenn man ganz vor steht. Ich nehme Gas weg und schon läuft es besser. Die Strecke gleicht der des Vorjahres. Nach 10 Kilometern durch die Stadt umrunden wir den Aasee und nähern uns dem ersten von mehreren zu durchlaufenden Vororten. Es wechseln sich nun pralles, urbanes Leben mit entsprechender Geräuschkulisse durch Disco-Musik sowie Spielmannszügen und ländliche Idylle mit den münsterländischen Pädkes und viel Gegend ab. Ich finde diese Mischung gut, denn da hast Du auch Erholungsphasen. Gesprochen wird unter den LäuferInnen, mit denen ich zusammen laufe, kaum, da hast Du Zeit für Dich und Deine Gedanken, da kann die Seele baumeln. Zeit? Ich blicke immer wieder auf meine Super-High-Tec-GPS-Uhr und beginne hochzurechnen: Wie schnell muss ich sein, um unter 4 Stunden zu bleiben. Alles im grünen Bereich, sagt meine innere Stimme. Ob sie recht hat? Mit zunehmender Distanz merke ich die fehlenden Trainingskilometer. Die Zeit zerrinnt unter meinen Füßen. Ich bin dennoch der festen Meinung, die 4-Std-Marke unterbieten zu können.
Bei Kilometer 36 ereiche ich wieder das eigentliche Stadtgebiet. Gut, das hätte ich geschafft. Die Zuschauerzahl steigt wieder an, jeder Läufer wird begrüßt und angefeuert. Kinderhände recken sich mir entgegen und werden abgeklatscht. Da auf der Startnummer der Vorname ausgedruckt ist, wirst Du auch häufig namentlich angesprochen. "Wolfgang, Du schaffst es" oder "Wolfgang, nur noch x Kilometer", rufen mir die Leute zu. Ob die wissen, dass Du jetzt Schmerzen hast? Brennen in den Oberschenkeln? Nur nicht gehen oder gar stehenbleiben, Du kommst nicht mehr in Gang. Ich meine, immer noch ein zügiges Tempo zu laufen, denn ich überhole nun vermehrt langsamere Läufer.
Ich blicke nicht zur Uhr, um mich nicht unnötig unter Druck zu setzen. Machen kannst Du eh’ nichts mehr, nur versuchen, das Tempo möglichst gleich zu halten.
Kilometer 40: Hier war ich schon einmal, nur in Gegenrichtung bei Kilometer 14. Ich sehe einige bekannte Gesichter. Es wird schon fleißig gegangen. Ich laufe immer noch. Gleich muss 41 kommen. Gab es da nicht immer ein Glas Sekt und eine Rose für die Dame? Den Sekt sehe ich, verkneife mir aber den Schluck, denn ich möchte das Ziel zügig erreichen. Rosen gibt es diesmal keine.
Der Weg führt uns wie zu Beginn Richtung Altstadt. Ich sehe Kilometer 1, lang, lang ist’ her. Mich interessiert das Schild 42, das nicht kommen will. Ich habe es doch nicht übersehen? Die Zahl der Zuschauer steigt. Dichtgedrängt stehen sie in Dreierreihen entlang der Absperrung. Da, 42, also noch 195 Meter. Jetzt schaue ich doch zur Uhr. Passt! Die 4 Stunden werde ich locker unterbieten. Mein Name wird aufgerufen, ich sehe das Ziel, ist doch noch verdammt weit, ich sehe die Uhr, noch wenige Schritte, ich bin durch. Puh, geschafft. Mein 53. Marathon ist Geschichte.
Ich erhalte Medaille und Wärmeumhang und versuche, mich im Zielbereich zu orientieren. Gut, dass dieser Bereich ausschließlich den Teilnehmern vorbehalten ist. So sind wir zunächst unter uns und kommen nicht in Gedränge mit Zuschauern. Da sehe ich Uwe, der vor mir gefinisht hat und sich mit einem leckeren, alkoholfreien Weizen erfrischt. Gute Idee, ich hole mir auch eins, nein zwei müssen es schon sein. Wir sitzen auf einer kleinen Bank und genießen unseren Erfolg.
Frisch ist es geworden, zumal es unterwegs einige kleine Schauer gab. So machen wir uns, nachdem wir unsere tollen Finisher-Shirts bekommen haben, auf den Weg zum Paulinum, um dort zu duschen und uns wieder zivil herzurichten. Das Duschwasser ist wie immer sehr warm und angenehm. Die Feuerwehr produziert mittels Generatoren warmes Wasser ohne Ende, so dass auch die nicht so schnellen LäuferInnen eine ordentliche Dusche genießen können.

Ich informiere die beste Ehefrau der Welt über mein Abschneiden.
 

Das sind wir, stolz auf unsere Leistung
Müde, aber sehr zufrieden und entspannt fahren wir nach Hause. Diese Veranstaltung gehört zu unseren Top-Läufen, Du kannst morgens hinfahren und bist am frühen Nachmittag wieder daheim.
Es kann es nur immer mantrahaft wiederholen: Dieser Lauf gehört zum Muss eines jeden Marathonläufers. Er ist von Läufern für Läufer konzipiert und bestens organisiert.
von Wolfgang Seebacher
 
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