55 Minuten und 26 Sekunden rund um die Jahrhunderthalle
von Marion Fladda

4. Juni 2010
Möhneman und ich machen uns auf den Weg. Wir wollen heute das erste Viertel der 42,195 km des Run’n’Rock-Split-Marathons 2010 absolvieren, während sich Lance Armstrong im fernen Frankreich auf die erste Etappe der Tour de France begibt und die Nationalelf sich nach dem Sieg über Argentinien die erschöpften Beine locker kneten lässt. Sommerliches Wetter sorgt für tropische Temperaturen… zumindest im Möhnemobil. Wir erreichen schon stark schwitzend Bochum, die Stadt unserer heutigen, "ersten Etappe". Die Stadt, zu der die Welt aufschaut, denn dies ist heute der Ort der Eliteläufer und der Weltstars.
Auf dem Parkplatz steigen wir aus dem Auto und atmen sie tief ein: die warme, drückende Ruhrgebiets-Luft.
Die Atmosphäre der Jahrhunderthalle und der Umgebung ist mal wieder sehr eindrucksvoll. Wir kennen dies zwar noch aus dem letzten Jahr, aber es ist immer wieder eine wunderbare Abwechslung zu "normalen" Wettkämpfen. Bei diesen huscht man durch diverse Städte oder schleicht über Feldwege, was natürlich auch seinen Reiz hat.
An der Anmeldung holen wir erstmal unsere Startnummern und unsere "Überraschungs-Tüten" mit Spiel, Spannung, und... Duschgel-Pröbchen und machen uns dann bereit zum Kampf.
 
 
14 Uhr. Der Start. Wir flitzen los. Los geht’s auf die vier Runden um die Jahrhunderthalle. Aus dem letzten Jahr weiß ich noch, dass es direkt zu Beginn eine steile Rampe hinauf geht. Und sie ist immer noch da ;-( Ich spüre bereits auf den ersten Metern, wie mir das Wasser nur so aus dem Körper verdampft.
Wir laufen ein für mich recht flottes Tempo um die 4:40 min pro km. Das ist für die heutige Hitze viel zu schnell und es wird voraussichtlich nicht lange gut gehen. Aber nun denn, vielleicht ja doch und mein Körper registriert das für ihn zu hohe Tempo auf Grund der hohen Temperatur nicht.
Die Strecke führt uns durch einen kleinen Waldabschnitt, über eine Gitterrost-Brücke und über Aschewege. Die flirrende Luft über der Asche erinnert mich an Bilder aus der Wüste, wo die Luft über dem Boden heiter vor sich hin wabert. Ich verspüre schnell immer mehr Durst und freue mich über die Tatsache, dass wir durch die Aufteilung der Strecke auf vier Runden auch satte viermal an der Getränke-Station auftanken können.
Wir spurten einen kleinen Berg hinunter, um dann direkt wieder den letzten steilen Anstieg zum Ende der ersten Runde hinauf zu nehmen. Dabei laufen wir immer noch ein recht schnelles Tempo und ich quäle mich die Steigung des letzten Aufstiegs hinauf. Oben an der Halle angekommen stürze ich mich auf die Wasserbecher und genieße die Bewässerung von innen. Von außen erfrischt uns eine Dusche, die hinter dem Getränkestand aufgebaut ist. Jetzt noch drei Runden.
Ich spüre nun das zu hohe Tempo, bekomme ein Brennen in der Lunge und muss nun doch meine Geschwindigkeit reduzieren. Mit einem Lauftempo von knapp über 5 min pro km überwinden wir aus allen Poren schwitzend die nächsten drei Runden.
 
 
500 m vor dem Ende der letzten Runde blickt Möhneman zu mir rüber und will wissen, ob noch ein kleiner Endspurt drin ist. Ich horche rein in meinen total ausgetrockneten, schnaufenden Organismus. No. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, auch nur einen Hauch schneller zu laufen. Mir fehlt einfach zurzeit die Fähigkeit, mich mehr zu quälen. Ich denke darüber nach. Warum habe ich keinen Biss mehr? Warum kann ich nicht noch einen ordentlichen Zielspurt rein hauen? Lance hat sich immer bis zur Bewusstlosigkeit gequält. Und ich trotte durch die Asche und mir ist vollkommen egal, dass noch zwei Frauen vor mir in Reichweite sind. Die könnte ich aber doch eigentlich noch überholen.
Wir biegen um die letzte Ecke und stürzen uns in den Anstieg. Bilder von Lance blitzen in mir auf, wie er im Stakkato-Tritt die Berge Frankreichs hoch steigt und dabei die anderen Fahrer wie Kleinkinder auf ihren Bobby-Cars stehen lässt. Ich erhöhe die Schrittfrequenz. Alles, was der Körper hergibt. Wir fliegen an den Läufern vorbei, die sich vor uns den Berg hoch quälen. Auch die beiden Frauen werden „gefressen“. Auf den letzten Metern vor dem Ziel drehe ich mich noch einmal um und sehe genügend Abstand zu den anderen Läufern. Keine Gefahr. Aber plötzlich stürzt von der rechten Seite noch ein Läufer kurz vor der Linie an uns vorbei. Den hatte ich wohl übersehen. Wir stoppen die Uhren und fallen sofort über die üppige Verpflegung her.
 
Ein wunderschöner Lauf mit einem fast perfekten Endspurt. Wir haben zwar weder einen Etappen-Sieg errungen noch das gelbe Trikot verteidigt, dafür aber einen ganz kleinen, persönlichen Sieg erkämpft.
Nun freuen wir uns auf Gelsenkirchen. Zieh dich warm an, Gelsenkirchen. Wir werden deine Getränkestationen an die Leistungsgrenzen bringen.
von Marion Fladda

Alle Fotos in dieser Geschichte sind von Josef Maria Diepmans. Dafür unseren herzlichen Dank.
Sein komplettes Fotoalbum findet ihr hier.
 
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