Gewonnene Teilnahme, gemeistertes Training, genossene Trails
Die Windstopper Trailrun Worldmasters 2010 erlebt von Kordula Ciprina/ Dortmund

Was David Nilsson in Malmö am Dienstag vor dem entscheidenden Wochenende tat, wurde er nach seinem überragenden Sieg bei den WTW nicht gefragt.
Ich jedoch folgte an jenem Dienstag in der Woche der körperlichen Ruhe dem Grundbedürfnis nach Abschalten und Verwöhnprogramm, sprich: Frisörbesuch. Als Zeichen der äußeren Einstimmung auf das Ereignis gab es - als hätte ich es gewusst - ein paar frische Strähnchen in natürlich schwedenblond!

Phoenix-Sprint, Freitag, 05. November 2010 gegen 16.00 Uhr, 5 km
Da standen wir nun beim Einzelstart zum Phoenix-Sprint bei Nieselregen und Wind: Ich mit der Startnummer 183 ganz schön weit hinten. Die Favoriten waren sicherlich mit einstelligen Nummern behaftet und schon wieder im Ziel, so vermutete ich.
Nun endlich durfte ich los, vorbei am aufmunternd schauenden Uwe, den zunächst noch festen Weg hinab bis zum ersten Graben und den ersten rutschigen Lehmhügel hinauf. Hier kamen auch die Hände zum Einsatz. Oben auf dem schmalen Pfad angekommen, sich jetzt schon wie ein Gipfelstürmer fühlend, hörte ich (schwedischen) Atem hinter mir und machte dem großen Blonden sofort Platz.
Das vorbeirauschende rote Trikot verlieh auch mir Flügel. Trug ich nicht auch heute das rote Laufshirt unserer Schule? So nahm ich die nächste Matschhalde, setzte mich auch nicht beim steilen Bergab wie befürchtet auf den Po, fetzte mit Wonne durch die Pfützen, lief vorsichtig die 60 Stufen auf den gigantischen Hochofen hoch und wieder herunter, freute mich auf die bekannte Schlackehalde und rief beim Aufstieg noch einem schwächelnden Läufer zu: „Nur ein kurzer Anstieg“. Jener Läufer fühlte sich wohl gedemütigt und überholte mich ohne Kommentar bergab. Jeder weiß halt, was er kann. Ich kann nicht bergab laufen. So zeigte die Uhr beim Zieleinlauf 25:13 min. Viel zu schnell, dachte ich. Hoffentlich rächt sich das nicht am zweiten Tag.
 
In dem kleinen Raum für die Wechselsachen hockte ich mich auf den Boden, um die durchnässten Schuhe loszuwerden. Dasselbe tat auch ein blonder Läufer neben mir, derselbe, der mich so rasant überholt hatte, die Startnummer 211. „Beeindruckend gelaufen“, sagte ich. „Sorry, I don’t understand!“ Das Kompliment über den tollen Lauf reichte ich nun auf Englisch nach und erfragte neugierig auch noch die Zeit. „15:34“ gab es als Antwort, „I can’t believe - I’m the winner“.
Als Gewinner fühlte ich mich trotz der fast 10 Minuten mehr auch. Gute persönliche Zeit und dieselbe Frisur wie David Nilsson. So konnte es weitergehen.

Ruhrklippentrail, Samstag, 06. November 2010, 11.00 Uhr, 36 km, 684 HM
Es hat aufgehört zu regnen, die Frisur sitzt und wie alle anderen Läufer bin auch ich gespannt, was uns nach der durchregneten Nacht auf der Königsetappe erwartet. Die Ruhrpott-Männer Pitt und Carsten wollen ihre Teamkollegin die ersten Kilometer moralisch unterstützen und gut auf den Weg bringen. Ingo startet vorne und hat nachher viel mehr Zeit zum Duschen und Regenerieren. Eigentlich haben es die Schnellen und Schweden ja viel besser.
Startschuss! Erst ein bisschen Straße, dann endlich das Gelände. Wir sind alle dicht zusammen: Heide, Silke, der Chef, Wolfgang, Hans Peter und ich. Erstmal auf Nummer sicher gehen.
 
Durch den Wald kommt ein Läufer schon zurück. Der Zweite des Vorjahres - aufgegeben! Kein Halt! Die ersten Matschgräben, Laub, Wurzeln, der erste Getränkestand und verlockende Essensdüfte am Haus Overkamp.
Das Feld zieht sich auseinander. In seinem netten Kuhflecken-Shirt läuft Hans Peter vor mir. Beide können wir noch gut sprechen. Macht richtig Spaß. Über umgefallene Bäume, an Ilex und anderem stacheligen Grün vorbei, platzieren wir unsere Schuhe gekonnt in die Zwischenräume der Wurzeln. Die Schuhfarbe ist nicht mehr zu erkennen. Tiefer Schlamm, Pfützen, keine Ausweichmöglichkeit - also durch!
Hans Peter ist auf und davon, aber ich habe neuen Anschluss gefunden: eine junge Läuferin aus Berlin (sie lässt Qi Gong-mäßig die Energie zwischendurch fließen) und der laufverrückte Master-Man Hans aus Stuttgart, der spannende Marathon Erlebnisse zum Besten gibt.
 

Bei meinen Mitläufern kommt nach absolvierten 15 km echter Neid auf („Sag mal, kennst du denn hier alle?“), denn wann immer wir an den treuen Streckenposten vorbei kommen, werde ich mit Begeisterung empfangen. Ein absolutes Heimspiel, nur vertraute Gesichter, persönlich zugeschnittene Anfeuerungsrufe und die Begleitworte „Bis nachher“. Zwar sind hier nicht 80.000, aber so muss es den Borussen auch gehen. Zwischendurch übernehme ich artig den Job des Fremdenführers, erkläre den Zusammenfluss von Ruhr und Lenne und gebe grobe geographische Zusammenhänge. An den Stufen zum Denkmal bleiben die beiden respektvoll hinter mir, denn ich habe angekündigt: „Jetzt geht’s richtig hoch!“
Zu Füßen des Kaisers gibt es Leckerchen, alles vom Feinsten, doch ich nehme nur einen Gel-Beutel und heißen Tee. In ein paar Kilometern werde ich von Arno privat verpflegt, da kann man sich ja nicht schon vorher den Bauch voll schlagen.

Wir sind schon fast bei Dieckmanns. Nur noch einen kleinen Umweg mit, wie soll es anders sein, Matsche, Pfützen, Gestrüpp und pflanzlichen Hindernissen. Das Kuhflecken-Shirt taucht vor mir auf. Super! Hans Peter! Zusammen geht es zum Parkplatz und zur nächsten Getränkestation. Ruhrpott-Arno wartet mit der Banane, denn in unserem Lauftreff wissen alle: Kordi bekommt ab Kilometer 25 mächtigen Hunger.
Ein Hochgenuss! Die Banane aufrecht tragend laufe ich den Berg zur Eiche hoch, der Asphalt tut nicht gut. Oben steht Conni. Sie strahlt, kurze Umarmung. Danke dafür.
 
Jetzt wieder in das heimische Gelände. Doch hat der Veranstalter/LTB noch ein paar Schmankerl eingebaut und ich befinde mich auf Trails, die ich trotz des häufigen Trainings in der Bittermark noch nie gelaufen bin. Überraschung!!!
Im Vorbeilaufen schickt mir der LT Wischlingen Grüße. Nur noch 5 km. Noch 3 km, noch 2 km. Bittermärkerin Claudia steht als Streckenposten bei km 34. Auf sie habe ich mich am meisten gefreut, denn das bedeutet: Gleich drin.
 
Der letzte Kilometer wahrhaftig nicht über die angelegten Wege, sondern über die Äcker mit den Wasserlöchern. Kein Zögern, sondern mit Spaß „hineinplatschen“. Gott sei Dank brauchen wir nicht über den Steingraben springen, meine Gebete wurden erhört.
Nur noch die Treppe hoch und dann ins Ziel, 3:54:19 Std. Unter 4 Stunden - hätte ich nie gedacht.
Meine Freude teilen Kollegin Sabine und die „Familiy and Friends“. Genau so freue ich mich riesig über den Zieleinlauf von Hans Peter, dem Chef, Silke, Heide und Wolfgang mit dem rebellierenden Ischiasnerv. Ingo und der Schwede sind schon geduscht. Übrigens Herr Nilssons Trikot ging heute einen Stich ins Orange - wie ich fand - die Farbe der Ruhrpotts.

Bittermark-Run, Sonntag 07. November 2010, 11.00 Uhr, 21,6 km, 273 HM
Mein Angstgegner. Wie wird der Körper reagieren? Kurze Bestandsaufnahme am Morgen: Das Halskratzen von gestern weg, die Beine komischerweise ganz o.k., es soll trocken bleiben, nicht zu warm anziehen, die leichten Trail-Schuhe vom Sprint wählen.
Start: Die Muskulatur braucht etwa 3 km um sich zu lockern, danach läuft es. Beim Übergang in die Bittermark Aufmunterndes von Trainer Dirk und Uwe. Silke ist in toller Form und zusammen nehmen wir die ersten Ups and Downs. Auch der dritte Tag macht noch Spaß.
Doch plötzlich ein bohrender Druck unter dem großen Zeh. Den Schuh ausziehen? Doch weiterlaufen, um den Rhythmus nicht zu verlieren? Gut, dass es in solchen Momenten jemanden gibt, der dir die Entscheidung des Lebens abnimmt. Bei mir übernimmt das Trainer Dirk mit der Ansage: “Ignorieren - weiterlaufen!“
„Okay!.“
Bei Kilometer 9 rächt sich wohl die Wahl der leichten Schuhe und mein Knie schmerzt wie damals bei den Meniskusproblemen als 14-jährige Handballspielerin. Okay. - also runter vom Gas - jeden Schritt abfedern - Musik auf die Ohren und den Schmerz ausblenden. Ich treffe mal wieder Hans Peter - diesmal im grünen Trikot der Bergwertung. Dankbar für diese Ablenkung fühle ich mich gleich schon etwas besser.
Der „Leuchtturm“ der Bittermark naht: Die Autobahnbrücke, im Training von allen Seiten unterlaufen.
Ein leuchtendes Orange strahlt von oben und saust auf mich zu, während ich mich von unten - doch jetzt etwas gemächlicher - den Berg hoch bewege.
Wer hätte mitten im Wald an so etwas gedacht: Ruhrpott trifft Ruhrpottlerin, Orange meets Orange oder auch echter Ruhrpottschwede trifft Ruhrpottlerin mit leicht schwedischem Gefühl. Ingo ist super drauf. Einmal lachen, einmal winken und dann muss jeder in seine Richtung. Ingos Vorsprung kann ich nur grob schätzen, aber ich weiß, was jetzt auf mich wartet: Der Pferdeweg.
Kurz vorher noch moralische Unterstützung von Dorothee und ihrem Mann und dann geht es schon den von vielen gefürchteten, ausgewaschenen, unebenen, matschigen Pfad hinauf. Das absolviere ich diesmal stramm gehend, mit großem Armeinsatz. Damit bin ich sogar schneller als ein wirklich gut trainierter Läufer neben mir. „Kräfte sparen“ heißt die Devise.
Hatte ich wirklich gedacht die Bittermark zu kennen, werde ich auch an diesem Tag durch Ungeahntes überrascht: Steile, schmale Pfade, mit Laub bedeckt und mit Steinen, Wurzeln unterfüttert, links und rechts nur rutschiges Bergab. Das erfordert noch einmal volle Konzentration. Ein Berg türmt sich wie eine Riesenwelle vor mir auf. Den kenne ich schon aus dem Training und er kündet etwa das letzte Drittel der Strecke an.
Nun geht es - laut Ausschreibung - in suburbanes Terrain.
Kalla, unser Senior-Ruhrpott, steht als Streckenposten in der Nähe der Kirchhörder Straße. Bei ihm muss ich wegen des noch schmerzenden Knies kurz mal Frust ablassen, doch das Ziel kann man ja schon fast riechen. Noch einen Berg hinauf (leider jetzt doch Asphalt) und vor mir erscheint die Kulisse von Dortmund mit dem fröhlichen Gelb des Westfalenstadions. Heimspiel!! Heimspiel!!
Gute Musik und das letzte Gel sorgen langsam wieder für Hochstimmung, sodass ich mich, sogar beim Mitsingen ertappe. Hinter mir kommt der Kommentar: „Wer kann jetzt noch trällern?“
Habe ich mich eben im Wald über das Gesicht von Ingo, Sabine, Silvana und Dorothee gefreut, kann ich nun schon wieder strahlen: Klaus und Udo sind Streckenposten am Ausgang des Rombergpark. Vor mir taucht Silke vom Triathlon-Team Witten auf, mit der ich vor dem Knie-Malheur gelaufen bin. Kurz nach den Treppen auf das Phoenix-Gelände rufe ich sie und will mit ihr weiterziehen, doch sie deutet an, dass sie das Tempo nicht mehr halten kann. Schade - wir tragen doch beide Orange.
So komme ich alleine, am Hochofen begrüßt von Arno und Ulla, zum letzten Mal die Treppen hoch. Die Zeit von 2:05:54 ist nur Formsache.
Ich bin im Ziel, habe die drei tollen Tage ohne Blessuren überstanden, (fast) jeden Moment genossen und schließe nicht aus, Wiederholungstäterin zu werden.
Frisuren- und kleidungstechnisch werde ich mich vielleicht auf den nächsten Champion neu einstellen müssen - aber das ist eine Kleinigkeit! Das hat ja mit dem Schweden auch gut funktioniert.
Es ist schön, alle meine Mitläufer lächelnd ins Ziel kommen zu sehen. Bei der Siegerehrung bin ich daher noch nicht einmal geduscht, doch den Schweden stört das nicht und die Stimmung in der Phoenixhalle ist gigantisch. Anhand der gezeigten Bilder den Lauf Revue passieren zu lassen, ist toll. Bei den Aufnahmen von den Schülerläufen am Samstag sehe ich viele Kinder aus meiner Klasse über den Bildschirm flitzen. Die hatten auch ihren Spaß.
 
Schwedische Gefühle nicht nur bei dem großen Blonden, sondern auch bei mir und sicherlich vielen anderen Teilnehmern der Windstopper Trailrun Worldmasters 2010 in Dortmund.
von Kordula Ciprina / Die Ruhrpotts Dortmund / November 2010
 
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