Tag 3
Die Uhr, der Pferdeweg und die Leute

von Wolfgang Seebacher

Früh, sehr früh, weit vor der auf dem Wecker gestellten Uhrzeit, blicke ich in das von der vor meinem Schlafzimmerfenster befindlichen Straßenlaterne erzeugte Halbdunkel. Kann noch nicht Aufstehenszeit sein. Gleichmäßiges Rauschen, wie wir es von Niederschlägen kennen, ist nicht zu hören. Geräuschlos, die beste Ehefrau der Welt wird später das Gegenteil behaupten, drehe ich mich auf die Seite, um den Autotest wie gestern, jetzt aber bei vollem Bewusstsein, durchlaufen zu lassen. Nix passiert. Ist alles in Ordnung? Ich weiß es nicht, doch so einfach wie gestern scheint es diesmal nicht zu sein. Irgendetwas stimmt. Stimmt, ich verspüre ein leichtes Kribbeln in den Beinen. Schlagartig ist es mit der Nachtruhe vorbei. Blöde Gedanken schießen mir durch den Kopf. Bloß nicht das schon wieder. Gestern wähnte ich noch alles im grünen Bereich. Kann ich mich denn so getäuscht haben?
Ich beginne zu analysieren und komme zu dem Schluss: Bis jetzt ist alles gut abgelaufen, da kannst du doch die gut 21 Kilometer auch noch hinkriegen. Durch dieses „autogene Training“ ermutigt, stehe ich auf und treffe die Vorbereitungen für den Lauf.

Da meine Schuhe von gestern noch nicht wieder einsatzfähig sind, müssen die Salomon, die ich ja bekanntlich schon beim Sprint trug, die Bittermark zu bewältigen helfen.
 
Unter den kritischen Blicken der besten Ehefrau absolviere ich Test um Test. Es geht, es wird gestartet, es wird gelaufen, ich will dieses Finishershirt haben.
Über Nacht habe ich meine Super-High-Tec-GPS Garmin bis zum Anschlag aufgetankt. Ralf wird mich wieder abholen, damit wir gemeinsam zum Gelände fahren können. Kurz vor der vereinbarten Zeit schalte ich, nein will ich die Uhr einschalten. Das Display bleibt dunkel. Kann ja mal passieren, also noch einmal. Gleiches Ergebnis. Ich wiederhole diesen Vorgang x-Mal, keine Reaktion seitens der Uhr. Hektische Aktivität. Eine zweite Stoppuhr besitze ich zwar, aber deren Akku ist schon seit Urzeiten nicht mehr geladen worden.
Ich beschließe, mit normaler Armbanduhr zu laufen. Die zeigt zwar nur die Uhrzeit an, ist aber besser als gar nichts. So habe ich, denke ich sarkastisch, Lauf- und Uhrzeit in einem. Zur Not komme ich damit zurecht. So ein Mist, aber keine Zeit, sich darüber einen Kopf zu machen. Du hast andere Gedanken, Gedanken, die sich mit dem bevorstehenden Abschlusslauf beschäftigen.
Ralf nimmt mich wieder mit nach Hörde, the same procedure as yesterday. Da es über Nacht nicht geregnet hat, ist das Gelände um die Phoenix-Halle auch nicht so verschlammt wie gestern.
In der Halle treffen wir auf unsere komplett versammelte Gruppe, also kein Ausfall, ich hatte auch keinen erwartet, so gut sind wir drauf. Das gilt natürlich insbesondere für Carmen und Günter, wobei sich Carmen berechtigte Hoffnung auf eine Gesamtplatzierung unter den ersten drei in ihrer Alstergruppe machen kann. Günter ist auch nicht chancenlos, har aber drei richtige Kracher vor sich.
Werner, dem ich von meinem Mißgeschick mit der Uhr erzähle, bietet mir spontan seine Ersatzuhr an. Die hat zwar keinen Komfort, aber eine Chrono-Funktion, so dass ich immer meine Laufzeit feststellen kann. Ich bin Werner sehr dankbar für diese Unterstützung.
Derzeit findet noch das Briefing für die Helfer und Streckenposten statt. Mit einigen, vor allem meinen Lauffreunden Karl-Heinz und Frank, dem Vereinskollegen, kann ich noch einige Worte wechseln, bevor sie auf die Strecke müssen.
Die Stimmung ist bestens, wir alle freuen uns auf den abschließenden Lauf. Ich gehe mal davon aus, die Parcoursbauer werden ihn mit einigen schwierigen Passagen gespickt haben. Auf meine Fragen an Uwe und Dirk erhalte ich nur sibyllinische Antworten, die alles oder nichts bedeuten können.
Die Luft ist klar, der Himmel wolkenverhangen, es weht eine frische Brise, Regen ist nicht in Sicht und auch für die nächsten Stunden nicht zu erwarten. Ideale Vorrausetzungen, um in der Bittermark, einer der grünen Lungen Dortmunds, zu laufen. Das Aufstellen und Einreihen zum Start wird wieder penibel überprüft.

Startschuss
 
Pünktlich um 11 Uhr ertönt der Startschuss, wir setzten uns in Bewegung.
Ich laufe anfangs mit Kordula, Jörg und einigen anderen bekannten Läufern in einem Pulk. Der Kurs verläuft flach und auf normaler Straße!! durch das derzeit für High-Tec-Schmieden zu erschließende Gebiet des ehemaligen Stahlwerks in Richtung Rombergpark, einem Naherholungsgebiet, das sich vornehmlich durch seine Artenvielfalt im Baumbestand auszeichnet. Hier sind oft auch die beste Ehefrau der Welt und ich beim gemeinsamen Spaziergang anzutreffen.
Wir laufen, immer noch flach, durch den Park, lassen den Dortmunder Zoo links liegen, begrüßen mich da etwa die Schimpansen? und nähern uns in umgekehrter Richtung dem letzten Etappenstück von gestern. Da vor mir, den Streckenposten kennst Du doch? Klar, da steht Frank und passt auf, dass wir an dieser Stelle richtig abbiegen und uns niemand behindern kann. Er zückt seinen Fotoapparat, ein Bild, ein kurzes Hallo, schon biegen wir ab, Frank sieht uns nach.
In Lücklemberg müssen wir die Olpketalstraße queren. Ich bemerke, wie sich ungeduldige Autofahrer mit dem Streckenposten anlegen. Der kann ja nichts dafür, dass wir nicht schneller sind und somit diesen leidgeprüften, bedauernswerten Zeitgenossen Zeit genommen wird. Zeit, die sie an anderer Stelle vermutlich ohne Murren vor einer roten Ampel verbringen würden. Ach ja, aufregen lohnt nicht, Konsens ist eh nicht zu erreichen.
Lauffreund Karl-Heinz sichert den Laufweg in der Siedlung Lücklemberg. Ich höre ihn Kordula, Jörg, Hans-Peter und all die anderen begrüßen. Karl-Heinz, von uns nur „Kalla“ gerufen, ist ein erfahrener Läufer. Mit ihm habe ich schon viele, viele Wettkämpfe bestritten. Dazu zählt insbesondere eine Reihe von Silvesterläufen „Werl-Soest“. Kalla hat bislang alle, wirklich alle, erfolgreich abgeschlossen.

Hinter dem Wohnstift Augustinum aus dem Vorort Lücklemberg heraus geht es ins Gelände. „Wolfgang, ab in die Trails,“ rufen mir Uwe und Dirk zu, als ich mich in den Wald begebe.
 

Durch die Bittermark
Doch zunächst erfrische ich mich an der ersten Verpflegung, die zu Beginn des Waldes auf mich wartet. Dann geht es wirklich los. Ich bin schon im Training sehr viel in diesem Gebiet unterwegs gewesen, teils auch mit meiner Trainingspartnerin Kordula, und wir sind auch nach den Streckenplänen, die wir aus dem Internet heruntergeladen haben, gelaufen, aber hier war ich noch nie. Der Pfad ist kein Pfad, wir winden uns um Baumgruppen, springen über kleine Gräben und traben kurze, giftige Anstiege hinauf. Der Ischias meldet sich wieder, ich muss das Tempo reduzieren. Ankommen lautet jetzt die Devise.
Nach langer, für mich sehr langer Zeit kenne ich mich wieder aus. Aha, hier bin ich jetzt also. Gut, dass jeder einzelne Kilometer markiert ist. So kann ich in etwa Distanz und gelaufene Zeit vergleichen und den Schnitt berechnen.
Der Kurs gleicht immer einem Fahrtspiel, trailig ohne Ende. Es macht Spaß, durch die Bittermark zu rennen, begrüßt und beklatscht von den immer freundlichen Streckenposten, die auch heute wieder zahlreich vertreten sind.

Die letzten Meter
 
Nach einigen Kilometern zurück in Richtung Augustinum und abermaligem Anstieg parallel zum Hauptweg biegen wir auf den Pferdeweg ab. Der Name verrät, was das bedeutet: Naturbelassener Weg, steil ansteigend, voller Matsch und Pfützen. Ich gehe wie gestern zur Ruine hoch mit auf den Oberschenkeln abgestützten Händen. Geht besser als gedacht. Zur Belohnung begrüßt mich nach Bewältigung dieses Hakens ein sanft abfallendes Gelände, an dessen Beginn die zweite Verpflegungsstelle wartet.
Nach kurzer Zeit verliere ich wieder jedwede Orientierung, die Streckenrealisierer haben ganze Arbeit geleistet. Das ist das, was unter Trail zu verstehen ist. Rauf und runter, mit Anspannung und Entspannung, immer gut geführt durch Flatterband oder Posten durcheilen wir das Waldgebiet.
Nach etwa 10 Kilometern verlassen wir den Wald und laufen durch Wohngebiete wieder zurück zum Veranstaltungsgelände. Natürlich wird uns dieser Abschnitt wiederum über Wiesen und Pfade führen bis wir auf den letzten 900 Metern wie am Vortag durch Matsch laufen müssen. Zum Glück sind einige Stellen abgetrocknet.
Als ich aus dem Hochofen herauslaufe, um die letzten 300 Meter unter die Schuhe zu nehmen, sehe ich meine Frau und meine Freunde, die mich das letzte Stück Weg begleiten. Kalla eilt mir besorgt entgegen, habe ich ihm doch von meinen Problemen erzählt. Uwe ist mit seiner Frau Ina gekommen.

Spannung vor dem Ziel

Raimund gratuliert mir...

...und Kalla auch
Was bleibt noch? Jeder Finisher erhielt das begehrte Shirt und als Zugabe einen kleinen Miniaturlaufschuh. Mal was anderes als eine Medaille.

Der blonde Schwede hat mit seiner Unbekümmertheit und Spontaneität erwartungsgemäß gewonnen und den arrivierten Läufern die Hacken gezeigt. Ob sie deshalb ausgestiegen sind, Jonathan Wyatt hat heute abgebrochen, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass der Junge nunmehr einen Namen in der Trailer-Szene hat, der den anderen Respekt einflößt. Wir dürfen gespannt sein, wie es mit ihm weitergeht.
 

Zum 2. Mal geschafft!
Die zweite Auflage des Trail-Run stand der vorherigen in nichts nach. Alles war zur vollen Zufriedenheit aller bestens organisiert. Dreimal gab es lecker Essen, Unterwegs- und Zielversorgung waren bis auf das Fehlen des von mir sehr geschätzten Erdinger Alkoholfrei vorbildlich. Die Stimmung unter uns war nicht zu Toppen. Es war sehr schön, neue Freunde gewonnen und alte wieder getroffen zu haben.
Werner hat seine Uhr zurückbekommen, und meine Garmin läuft auch wieder einwandfrei. Scheinbar hatte sich der Akku entleert.
Und um einem etwaigen Missverständnis zu begegnen: Auch wenn wir uns oft quälen mussten, haben wir nie die Lust und den Spaß an dieser Art Laufen verloren. Ihr könnt jeden fragen, der dabei war. Er wird Euch das gleiche wie ich sagen.
Vielleicht fühlt sich der ein oder andere Leser animiert, sich auch mal an einem Geländelauf zu versuchen. Möglichkeiten gibt es genug.

Ach so, ich möchte Euch die Schuhe des dritten Tages nicht vorenthalten. Inzwischen ist alles wieder gesäubert und für neue Aufgaben bereit.
 

Nochmal ohne Worte
von Wolfgang Seebacher
Ende der Wolfgang-Trailogie
Bis in 2011 :-)
 
 
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