„Fünf am Tag“ oder „Einer reicht auch“
von Wolfgang Seebacher

Als ich vor einigen Wochen – noch immer verletzungsbedingt, aber voller Laufdrang – entlang der S-Bahn in Richtung Innenstadt trabe, begegne ich meinem Lauffreund Karl-Heinz Schmeissing, der in seinem Kleingartenverein Tätigkeiten verrichtet. Ich erzähle von meinem weiteren Vorhaben, u. a. von dem Wunsch, mal wieder einen Halben unter die Laufwerkzeuge zu nehmen. Er macht mich auf eine kleine, aber feine Veranstaltung am Tag der deutschen Einheit, also am 3. Oktober, aufmerksam. Die soll es in sich haben. Überschaubare Teilnehmerzahlen, perfekte Organisation und schnelle Erreichbarkeit. Na gut, denke ich und beginne, mich mit dem Projekt „Fünf am Tag“ in Welver, in der Soester Börde, zu beschäftigen. Hm, fünf am Tag, so viele Läufe auf einmal habe ich eigentlich gar nicht vor. Wie viel Zeit geht dabei drauf? Habe ich überhaupt Erfahrung mit einer solchen Serie? Meines Wissens nicht. Kann ich die beste Ehefrau der Welt so lange allein lassen? Sie, die doch immer bereit ist, sich meine Nörgeleien über meine Wehwehchen anzuhören und (fast) immer meine Lieblingsgerichte kocht. Ich denke, ein Lauf wird reichen.
Des Rätsels Lösung könnt Ihr Euch sicher vorstellen. Da werden Äppel und Birnen miteinander verglichen. „Fünf am Tag“ bedeutet ganz einfach, Du sollst ebenso oft Obst und/oder Gemüse essen, und nicht fünf Läufe am Tag hinter Dich bringen.
Das ist also klar. Na gut, einen halben will ich schon laufen. Ich möchte nach langer Zeit, mal abgesehen vom Dortmunder Citylauf, einen längeren Wettkampf durchstehen. Und was bietet sich besser an als ein preiswertes Rennen in der Nachbarschaft. Du hast keinen langen Anfahrtsweg, brauchst nicht zu früh zu fahren und bist schnell wieder daheim.
Ich spreche Uwe an. Er ist bekanntlich immer für derartige Unternehmungen zu haben. Nach umfangreichem Studium des Internet-Auftritts kommen wir ins Grübeln: Ein halber oder doch ein 30er? Wir schieben die Entscheidung mehrere Tage vor uns her. Dann die Wahnsinnidee: Warum nicht einen Marathon? Einen Marathon der besonderen Art? Landschaft pur? Wir lassen den Gedanken erst mal sacken. Ist doch nicht so einfach, mal eben einen Marathon zu laufen. Zumal ich mich gerade auf dem Weg der Genesung befinde. Ich bin zwar schmerzfrei, aber ist der Kopf bereit? Dies treibt mich doch um. Vorsichtig taste ich mich an höhere Leistung heran. Ich laufe über mehrere Wochen jeweils dienstags einen 10 Kilometer Tempolauf sowie sonntags einen 30er. Da müsste eigentlich fürs Durchkommen reichen. Bestzeiten strebe ich eh nicht mehr an. Uwe denkt genau wie ich. Und so wächst in uns ein Wunsch, mehr ein Verlangen, eine Gier nach einem Marathon.
Frank bietet auf "Laufen-in-Dortmund.de" drei Teilnehmern die Chance, einen Freistart für eine Disziplin freier Wahl zu gewinnen. Wir beteiligen uns an der Verlosung, gewinnen zwar nix, das heißt, so ganz stimmt das nicht. Ich nehme nicht ohne Hintergedanken die beste Ehefrau der Welt mit ins Boot, ködere sie mit Aussicht auf einen Freistart. Und was passiert? Sie gewinnt eine von drei WildCards. Bescheiden wie sie ist, entscheidet sie sich für den Lauf mit den geringsten Kosten, also 10 KM Walking. Es nützt deshalb nichts, sie muss mit nach Welver.
Besorgt und erleichtert zugleich hören wir den Wetterbericht, genauer gesagt die Wettervorhersagen. Es wird am Tag des Ereignisses warm, sehr warm werden. Mitunter ist leichte Bewölkung zu erwarten. Wir hoffen auf die leichte Bewölkung.
Da der Start erst für 10:20 Uhr (Marathon) bzw. 10:30 Uhr (Walking 10 KM) vorgesehen ist, können wir noch in Ruhe frühstücken. Dann nimmt Uwe uns mit nach Welver. Es ist bei unserer Ankunft schon mächtig viel los. Aktuelle Hits gemischt mit Durchsagen zur Organisation hallen über den Rathausplatz. Die beste Ehefrau der Welt erfährt als Gewinnerin eine VIP-Behandlung durch den Organisator Helmut Klauke. So etwas genießt sie natürlich.

Die Startvorbereitungen treffen wir in der überraschend geräumigen Sporthalle des Ortes.
 
Die Wärme ist spürbar. Drückende Schwüle lastet über Welver. Die versprochene leichte Bewölkung hat sich wohl für eine andere Gegend entschieden. Welver ist jedenfalls nicht dabei. Naja, gibt es den „Hamburg-Effekt“?


Kurz vor dem Start treffen wir auf weitere Teilnehmer
aus Dortmund.

Und noch einmal die gesamte Farbpalette: Rot für Marathon,
blau für Halbmarathon und grün für 10 KM.

Pünktlich erfolgt der Start, und wir begeben uns auf den Kurs. Für mich stellt sich die Frage des Durchkommens, zumal von einem wirklichen Training keine Rede sein kann. Einfach nur, aus Spaß am Laufen will ich finishen, die Ziellinie überqueren, meinen inneren Schweinehund besiegen.
Nach wenigen hundert Metern verlassen wir Welver und die Natur empfängt uns. Du hörst nur das Atmen der Läufer und den Auftritt auf dem Asphalt, keine Zuschauer, geschweige denn Zuschauerreaktionen, keine Samba-Band, keine Trillerpfeifen. Aber hast Du nicht genau das gewollt und gewußt, als Du Dich auf dieses Abenteuer eingelassen hast? Jawoll, und genau das willst Du eigentlich haben. Also keine Meckerei, auf geht’s Wolfgang.
Um mich herum nur noch Gegend, ich verliere mehr als einmal den Überblick. Das liegt beileibe aber nicht nur an der Wärme. Glücklicherweise sind die einzelnen Strecken hervorragend markiert. Dies ist vor allem an Kreuzungen und Abbiegestellen trotz Streckenposten sehr hilfreich. Wir durchlaufen kleine, ja kleinste Ortschaften, außer Rindviechern auf der Weide als einzige Zuschauer – treffend gewürdigt in Frank’s Video – und viel, viel Gegend keine Abwechslung. Und die Sonne brennt uns auf die Haut. An jeder Verpflegungsstation trinke ich ausgiebig, gegen meine sonstige Gewohnheit wähle ich auch Schorle. Das tut gut, kostet aber auch Zeit. Dabei hätte die eine oder andere Versorgung zwischen den regulären Ständen gut getan.
Habe ich anfangs noch einen für mich akzeptablen Kilometerschnitt laufen können, beginne ich nach der Hälfte der Strecke doch unter der Hitze zu leiden. Meine verzweifelten Stoßgebete, die prognostizierte leichte Bewölkung auch über Welver hereinbrechen zu lassen, bleiben unerhört. Der liebe Gott meint es heute zu gut mit uns. Er gönnt uns noch einen wunderschönen heißen Herbsttag. Leider für uns Langläufer eine Qual. Doch da, kaum zu glauben, ein leichter Wolkenschleier, eher ein Wölkchenschleier zeigt sich am Himmel. Doch beim Anblick der läuferischen Qualen zieht er sich schleunigst zurück und taucht wahrscheinlich an einem anderen Ort wieder auf.
Meine vor dem Start voll aufgetankte Garmin Super-High-Tec-GPS-Uhr signalisiert mit zunehmender Distanz abnehmendes Renntempo. Eine merkwürdige Korrelation. Kommt es mir doch so vor, als würde meine Geschwindigkeit eher erhöht werden. Da kannst Du mal sehen, zu welchen Vorstellungen ich im vollen Sauerstoffrausch fähig bin. Ich gehe mal davon aus, dass die Angaben der Uhr korrekt sind.
Und von wegen flache Strecke. Die Soester Börde entpuppt sich dem Läufer gegenüber als ein mitunter sehr welliges Gelände, durchaus zu vergleichen mit den Strecken, die wir von zu Hause in die Ausläufer des Ardey-Gebirges unter die Laufwerkzeuge nehmen. Da muss ein Marathoni wie ich mitunter das Gaspedal verlassen und tief durchatmen.
Die Kilometrierung der Strecke und die Distanzanzeige auf meiner Uhr differieren um 150 Meter. Das zieht sich in etwa gleichbleibend so hin. Ab Kilometer 30 stimmen wie durch ein Wunder beide Angaben überein.
Die Sonne brennt immer weiter unbarmherzig auf uns herunter, getreu dem Motto: Was ich Euch im Sommer schuldig geblieben bin, hole ich hier und heute nach. Aber ausgerechnet in Welver? Kann sie uns denn an diesem Tag nicht für einige Stunden in Ruhe lassen? Nachmittags bleibt noch genügend Zeit zum Scheinen und Wärmen.
Aber wie gesagt, ich habe es so gewollt, hätte ja bei der Abzweigung auf die 30er Strecke laufen können. Ich mache es nicht, und das ist gut so, denn ich hätte mich sofort nach Zielankunft maßlos über die verpasste Chance, einen weiteren Marathon zu finishen, maßlos geärgert.
Kilometer um Kilometer komme ich voran. Sehnlich erwarte oder erlaufe ich die doch nunmehr weit auseinander liegenden Versorgungsstände.
Urplötzlich wie aus dem Nichts sehe ich Frank vor mir. Er streckt den rechten Arm von sich, als wolle er etwas auf Distanz halten. Beim Näherkommen ruft er mir zu: “Mein Bizeps tut ganz schön weh.“ Meiner auch, antworte ich in Gedanken und fühle meine hinteren Oberschenkel. Doch er meint gar nicht die Bizepse der Beine, sondern den des rechten Armes, denn er hält seine Kamera am langen Arm, um ein „Berichtsvideo“ über den Lauf zu erstellen.
Vorweg gesagt: Das ist ihm hervorragend gelungen, das Video ist sehenswert, tolle Eindrücke.
Bei Kilometer 33 bemerkt er, dass wir unter 4 Stunden bleiben, wenn wir die restlichen 9 Kilometer in 27 Minuten laufen. Tolle Idee, wir beschleunigen ungemein, aber so ganz wird es uns doch nicht gelingen. Immerhin reduziert sich mit jedem Schritt die Restdistanz.
Wir nähern uns allmählich wieder dem Ausgangspunkt unseres Abenteuers. Die Zuschauer halten sich vornehm zurück, nur vereinzelt sehen wir Personen am Straßenrand, die aber wohl nur zufällig Zeuge unserer Anstrengungen sind.
Bei Kilometer 40 schütten wir Wasser, Cola und Schorle in uns hinein. Noch gut 2 Kilometer, mit den avisierten 4 Stunden wird es wohl nix mehr. Ist egal, wir haben trotz der Hitze unseren Spaß und genießen die letzten Meter. Vor dem Ziel erwarten mich die beste Ehefrau der Welt, die natürlich schon längst gefinisht hat, und Lauffreund Uwe sowie Rudolf und Karl-Heinz, zwei befreundete Läufer von den Ruhrpotts. Glückwünsche und herzliche Umarmung schließen sich an. Jetzt aber erst was trinken. Aber wo und was? Für uns ist faktisch nichts mehr da. Da haben doch die Teilnehmer der übrigen Wettkämpfe alles verputzt. Schade, ein ordentlicher Schluck wäre nicht schlecht.
Sei’s drum, mir hat es gut gefallen. Und für Läufer, die mal abseits des Mainstreams einen Marathon laufen möchten: Hier seid ihr richtig.
von Wolfgang Seebacher
 
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