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Eine
neue Adventstradition?
von Thomas Kühnen |
Es
begann mit einer Ausgabe der Runner’s World im Spätsommer.
Meiner Claudia gefiel der Bericht vom Ameland ADVENTure Run
– einem Halbmarathon über die niederländische
Insel Ameland – die östlichste der westfriesischen
Inseln. Auch mir gefielen der Artikel und die Aussicht, zum
Jahresabschluss noch einmal am Strand entlang zu laufen. Also
suchten wir mal nach Unterkünften auf der Insel. Aber
die Hotelpreise waren ziemlich verdorben und Ferienwohnungen
für zwei auch zu teuer für ein Wochenendspäßchen.
Aber irgendwie gefiel mir der Lauf, also startete ich schnell
eine Facebook-Anfrage, wer denn Lust hätte, uns zu begleiten.
Michael und Angelika von der TG Witten waren sofort Feuer
und Flamme. Schnell hatten wir uns getroffen, eine Ferienwohnung
für 4 gebucht und uns angemeldet. Immer nur Weihnachtsmärkte
in der Adventszeit sind ja auch langweilig! |
Abgemacht
war aber, dass wir gemütlich alle zusammen laufen, was
für uns dann etwa eine 2:15er Zeit bedeutet hätte. |
Der
ereignisreiche Herbst ging rasend schnell vorüber. Angelika
fand in der Zwischenzeit einen wunderschönen Grund, nicht
mitlaufen zu müssen und das Wochenende des dritten Advents
war gekommen. Wir konnten erst am Samstag anreisen, weil wir
am Freitagabend noch eine Feier nicht verpassen durften, so
machten sich Michael und Angelika als Quartiermacher auf den
Weg. Die wurden prompt vom Navi aufs Glatteis geführt,
verfuhren sich und verpassten die Fähre auf die Insel
– zum Glück war es die vorletzte. |
Wir
starteten am Samstag um 5:30 Uhr. Unser Navi erwies sich als
zuverlässig und knapp eine Stunde vor Abfahrt der Fähre
trafen wir in Holwerd ein. In einer typisch niederländischen
Strandbude gab’s einen Kaffee, während langsam
Läufer über Läufer eintrudelten. |
Die
Fähre war überfüllt, fast alle in Laufklamotten.
Ameland hat in etwa soviel Einwohner (3500) wie der Lauf Teilnehmer
zusammen bekommt. Die wohnen halt lange nicht alle auf der
Insel. |
Nach
einer Stunde Überfahrt empfingen uns unsere Freunde bereits
am Fähranleger und gemeinsam machten wir uns die 1,5
km zu Fuss nach Nes zu unserer Ferienwohnung. Die erwies sich
als gut ausgewählt, man konnte die Lautsprecheransagen
von dort hören und war in gut 5 Minuten am Start und
Ziel auf der Hauptstraße des Örtchens Nes. Das
Ziel war wirklich aufwändig aufgebaut, ein Bogen, mehrere
hundert Meter beidseitig mit Zuschauergittern abgesperrte
Straße. In typisch holländischem Flair. Wir holten
unsere Startunterlagen, konnten uns super auf deutsch verständigen
und beklatschten auf dem Rückweg noch den soeben gestarteten
Bambini-Lauf. |
Zurück
in unsere schöne und zweckmäßige Ferienwohnung
(auch wenn Heizungsrohre in Kupfer-Natur über Putz und
mit schlecht verschraubten Metallwinkeln selbst gebaute Terrassentür-Rahmen
für das deutsche Auge ungewöhnlich sind), umgezogen
und schon auf den Weg zurück zum Start. Claudia und ich
hatten lange überlegt – Regenjacke ja oder nein.
Wir hatten uns dafür entschieden. Angelika wollte zwischendurch
noch mal an die Strecke kommen, zur Not konnten wir die da
abgeben. |
Start
des 10 km-Laufes – dann waren wir dran. Das Feld war
bereits voll wie bei einem Stadtmarathon. Wir kletterten über
die Absperrgitter, dann ertönte schon der Startschuss.
Es war trocken, wir hofften, dass es so bliebe. |
Zu
Beginn herrschte tolle Stimmung, schnell waren wir aus Nes
hinaus und bogen in einen Wald ein. Hier zeigte sich bereits,
dass der Name „Adventure“ Run auch so verstanden
werden konnte. Ein schlammiger Weg, nur durch Tannennadeln
in gewisser Weise seine Konsistenz haltend, der zudem nur
hinauf und hinunter führte. Dazu enge Kurven, eben alles
– nur nicht geradeaus. Und ich bleib sofort an meiner
Startnummer hängen, deren oberes Befestigungsloch prompt
ausriss. Das nervt. |
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Ich
ließ Claudia und Michael laufen und versuchte, ein neues
Loch in die niederländische Startnummer zu bekommen.
Leider erwies sich die Qualität als überragend –
stich- und reißfest! Und in der Nummer die Induktionsschleife
zur Zeitmessung. Nach langem Fummeln gelang es mir, sie irgendwie
zu befestigen und ich sprintete hinterher. Das war gar nicht
so leicht, wie gesagt, schlammig und hügelig. Dann ging
es raus aus dem Wald – und schon war der Strand in Sicht.
Aber davor hatten die Holländer zuerst mal die Dünen
gesetzt! Ich sprintete hoch, hatte Claudia und Micha gerade
noch auf dem Dünenkamm verschwinden sehen. |
Endlich oben, ging es durch den feinen Sand hinunter zum Wasser
– zum Glück war Flut, da war es nicht so weit.
Und zum Glück war das Geläuf da wieder halbwegs
hart, es ging wieder. Dennoch war ich froh, die beiden wieder
erreicht zu haben. |
Der
Wind kam dankenswerterweise zunächst on hinten, was bei
Claudia dazu führte, dass Ihre Haare ständig vor
die Augen wehten. Aber es lief gut, eine Pace zwischen 5:30
und 5:40. Wir quatschten locker – hoffentlich hält
Claudia das Tempo!
Schnell war Km 5 und der erste Verpflegungspunkt erreicht.
Eine Strandbude am Strandabschnitt von Nes – serviert
wurde das angewärmte Iso-Getränk in „Bier-Metern“,
jenen Holz-Konstrukten, die von örtlichen Schützenzelten
allseits bekannt sein dürften. Was stellen die auch den
Verpflegungstisch so weit weg – natürlich, das
Wasser kam näher. Die Flut war scheinbar nicht ganz am
Ende. „Achtung, Wasser!“ Und alle Läufer
beschreiben einen rasanten Rechtsbogen. |
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Vor uns Strand bis zum Horizont, neben uns die graue See,
die in schäumender Gischt der brechenden Wellen immer
mehr Strand verschlang. Und wir inmitten eines endlosen Lindwurms
von Läuferinnen und Läufern. Gut, die Läuferinnenquote
war hier bereits nicht mehr so hoch. Angelika machte noch
Fotos, dann waren wir wieder fort. |
Unterwegs
überholten wir noch einen Läufer der „Stolperer“,
eines Lauftreffs aus Moers, die alljährlich den schönen
3-Halden-Lauf organisieren. Ein wenig gequatscht, dann ging
es weiter. Und wir sahen bereits die Läufer wieder über
den Dünenkamm abbiegen. Wir hatten schon fast 10 km hinter
uns. Der Weg durch den Sand auf die Düne verlangte kurz
alle Kraft der Waden, dann ging es hinunter über einen
geschotterten Fahrradweg in die Dünenlandschaft im Osten
Amelands. Hier blies der Wind erstmals von vorne und gab einen
kleinen Vorgeschmack, was später am Deich auf der Wattenmeerseite
der Insel folgen sollte. |
Michael
und ich versuchten, für Claudia den Windschatten zu bilden.
Und meine Startnummer ging wieder fliegen. Hier gab es jedoch
Stacheldrahtzäune die mir endlich Gelegenheit gaben,
die Startnummer neu zu lochen und richtig zu befestigen, ehe
mir bei dem Gegenwind die andere Seite auch noch abriss. Und
wieder hinterher sprinten. Der Rückstand bei einer Minute
Fummelpause auf eine 5:30er Pace ist schon erheblich –
und das zulaufen der Lücke dauert. |
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Wir
bogen aus der extrem hügeligen Dünenlandschaft endlich
auf einen geraden Feldweg, der geradewegs zwischen Kuhweiden
auf den Deich im Südosten der Insel zulief. Michael mahnt
mehrfach, das Tempo nicht zu sehr zu forcieren. Dann ein tolles
Bild – die Kette der Läufer vor einem mit grauen
Wolkenfetzen und Sonnenstrahlen dramatisch inszenierten Hintergrund
auf der fernen Deichkrone. Den Kühen rechts und links
unseres Weges waren wir egal, auf meine Animationsversuche
reagierten diese in keinster Weise. Schade!
Auf dem Deich angelangt, ging es endgültig zurück
Richtung Nes. Fast 14 km geschafft, noch ein Drittel. Aber
das schwierigste! |
Der Wind bläst unbarmherzig von schräg vorne. Die
Ermüdung setzt ein. Und die Strecke am Deich erscheint
endlos. Nun geht es hinter den Deich hinunter, weniger Wind
bläst hier aber auch nicht. Und bedrohlich schwarze Wolken
ziehen sich über Nes zusammen. Noch ein Verpflegungsstand,
km 15. Wieder das angewärmte Iso-Getränk, Obst.
Weiter geht es. Claudia kämpft. Die Pace ist auf 5:45
gesunken. Aber es geht weiter. Das Ende des Deiches ist in
Sicht, es geht hinauf, rechts ab sofort wieder hinunter in
Richtung der Ortschaft Buren. Auf der Deichkrone fängt
es an zu hageln. Super, 4 km vor dem Ende muss das nicht mehr
sein! Claudia läuft jetzt vorweg, Michael bleibt zurück.
Er sagt was von „Tank leer“. Ich lasse Claudia
laufen und falle zurück, um Micha wieder heran zulaufen.
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Mir
geht es gut. Nicht ohne meine Claudia zuvor aufgefordert zu
haben, sich an der Läuferin mit der blauen Jacke festzubeißen,
die uns immer wieder mal überholt hatte und dann wieder
langsamer wurde. In Buren herrscht gute Stimmung, das Publikum
feuert die Läufer trotz des Hagels begeistert an. Der
wird auch schon wieder weniger, die fünf Minuten konnte
man überleben! Michael und ich sind fast wieder an Claudia
ran, Claudia hat die Läuferin in der blauen Jacke auch
überholt. Noch drei Kilometer. Vor Nes gibt es einen
See, da müssen wir noch herum. Hier steht ein „Spaßbad“
aus den späten 80er Jahren und verrottet. Wo einst Glasscheiben
unter den Kuppeln den Blick auf tobende Kinder freigaben,
sind Spanplatten eingezogen. Und die Wasserrutsche vom Turm
mit den eingeworfenen Scheiben ist blind vor Grünalgen.
Und das Gras wächst hoch im Eingangsbereich – stummer
Zeuge eines gescheiterten Freizeitprojektes. |
Unser
Freizeitprojekt ist alles andere als gescheitert. Vor uns
ist noch eine Läuferin zu sehen – als Michael und
ich vorbeigehen, reagiert sie noch nicht, als dann Claudia
kommt, versucht sie dagegenzuhalten. Aber Claudia hat schon
auf 5:14er Pace beschleunigt. Wir biegen auf die Hauptstraße
von Nes, es wird eng zwischen den Absperrgittern. Schon zu
Ende! Zum Endspurt ist es zu eng. Angelika ruft uns zu und
fotografiert, schon sind wir da! 1:54:02 Netto – leider
wird die Wertung nach Bruttozeit sortiert - aber auch da ist
Claudia 17. in der AK Frauen 35-45 geworden – ein tolles
Ergebnis für einen „Entspannungslauf“. |
Es
hat uns allen aber riesigen Spaß gemacht, die Laufbegeisterung
der Niederländer ist enorm. Tolle Organisation, ein tolles
Finisher-Shirt und eine wunderschöne Insel, die wir am
Sonntag noch in aller Ruhe zu Fuß erwandert haben, bevor
wir am Montag wieder die Fähre heimwärts nehmen
mussten. Aber warum nicht eine neue Adventstradition begründen? |
Ach
ja, die Startnummer hat gehalten! |
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