BIG25 – schön und interessant, leider ohne Publikum
von Wolfgang Seebacher

Tja, nun ist es soweit. Was vor einigen Wochen als Wahnsinnsidee in meinem Kopf herumgeisterte und in eine Online-Meldung mündete, wird Realität: Mein Start beim BIG25 in Herne. Die üblichen, allen Läufern hinreichend bekannten Selbstzweifel kommen auf: 25 Kilometer, ein ganz happiger Haken, dazu zwei Runden. Schaffe ich das mental? Hast Du Dich mit der Anmeldung nicht übernommen? Ehrlich gesagt, eine große Runde ist mir natürlich lieber, aber was soll’s. Die Strecke zumindest scheint flach zu verlaufen, nennenswerte Steigungen sind auf dem Plan nicht erkennbar. Als Versicherter beim Hauptsponsor und Titelgeber wird die Meldung durch einen saftigen Preisnachlass versüßt.
 
Das Training der letzten Tage besteht u. a. aus einigen Tempoeinheiten über verschiedene Distanzen im 5:20er-Schnitt. Da kann ich jedenfalls mitlaufen, und so werde ich ganz mutig versuchen, diesen Schnitt anzugehen und solange wie möglich zu halten. Der Lauf dient mir damit als schnelle, lange Tempoeinheit auf dem Weg nach Hamburg.

Da ich mich gerne wenn möglich am Vortag des Events um die Abwicklung der Formalitäten, sowie Erwerb von Ortskenntnis und Abholen der Startunterlagen kümmere, fahren am Samstagmorgen die beste Ehefrau der Welt und ich zunächst mit der S-Bahn S4 bis Dortmund-Dorstfeld und dann mit direktem Anschluss am selben Bahnsteig weiter mit der S2 nach Herne. Dieser Ort gehört zum VRR, für uns als stolze Monatskarteninhaber deshalb kein Problem, denn unser Ticket gilt am Wochenende im gesamten Verbundraum. Die beste Ehefrau der Welt begleitet mich ganz gerne, will sie doch wissen, an welchem Ort ich mich denn so am Sonntagmorgen aufhalte.
In Herne angekommen, sind wir als ortsunkundige Besucher zunächst orientierungslos. Kein Hinweis am Bahnhof, der uns den Weg zum Veranstaltungsgelände zeigt, lediglich ein rudimentärer Stadtplan aus der Internet-Ausschreibung dient uns als Wegweiser. Nun zählt Herne sicher nicht zu den zehn flächenmäßig größten Städten der Welt, und die Einwohnerzahl ist auch sehr überschaubar. Ein kleiner Hinweis am Bahnhof hätte dennoch gut getan, zumal in der Ausschreibung empfohlen wird, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Da jeglicher Anhaltspunkt fehlt, versuchen wir unser Glück, da es sich um einen Ort der kurzen Wege handeln muss. Wir gehen deshalb zunächst die Fußgängerzone hinauf und richten uns nach einem Wegweiser – also doch - zum Rathaus aus. Es fällt auf, dass eben diese Fußgängerzone, vorsichtig formuliert, für unsereins wenig attraktiv ist. Viele Billiganbieter und Leerstände bieten sich dem Betrachter ähnlich wie - beliebig austauschbar - in vielen Städten und Gemeinden des Ruhrgebietes: Hohe Arbeitslosigkeit und damit verbunden eine geringe Kaufkraft bedingen eben solche Zustände. Hinzu kommt, dass einige Großzentren auf der grünen Wiese entstanden sind und die noch schwach vorhandene Kaufkraft aus den Innenstädten abziehen. Ich glaube, Stadtplaner sprechen auch von einer zunehmenden Verödung der Innenstädte. Leider scheint man noch kein Rezept gefunden zu haben, um diese Entwicklung aufzuhalten.
Nun gut, wir erreichen schließlich das Rathaus. Die gesamte Veranstaltung wird auf dem Platz vor diesem abgewickelt, auf dem – eben – reichlich Platz vorhanden ist. Eine Zeltstadt ist aufgebaut. Verschiedene Anbieter von Laufschuhen und -bekleidung warten auf Kunden, die Krankenkasse ist omnipräsent und verteilt u. a. Balsam, auf dass die geschundenen Füße nach dem Lauf wieder für den Alltag fit gemacht werden. Ansonsten wird aufgebaut und abgesperrt, es sieht nach perfekter Vorbereitung aus. Die Schlange vor der Startnummernausgabe ist gar keine, schnell händigt mir eine junge Dame den Kleiderbeutel mit den erforderlichen Hinweisen und der Startnummer aus.
 
Am BIG-Stand lasse ich mir die für den 5:20er-Schnitt erforderlichen Zwischenzeiten ausdrucken und auf ein Armband kleben. Das ist eine gute Kontrolle, wie sich später bestätigen sollte.
 
Eigentlich hält uns nichts mehr an diesem Ort, deshalb schnell zurück nach Dortmund, denn es erwartet uns Fußball. Der BVB spielt in Hamburg, und alles andere als ein Sieg wäre eine herbe Enttäuschung, da davon auszugehen ist, das Leverkusen gegen St. Pauli am Sonntag gewinnt. Dass es für den BVB nicht so erfreulich lief, ist hinreichend bekannt und braucht hier nicht kommentiert werden.
Stellt sich nun die Frage nach dem Outfit. Morgen wird es warm, da sind sich alle Wetterpropheten einig. Aber wie warm? Es weht am Vortag ein frischer, kühler Wind, und das bei strahlendem Sonnenschein.
Ich entscheide mich für ein „long-sleeves-Shirt“ sowie ein Achselhemd. Das muss reichen. Auch wenn der Wind auffrischen sollte, produziert der Körper immer noch genügend Energie, um dies auszugleichen.
Am Sonntagmorgen bin ich natürlich weit vor dem Wecktermin putzmunter. Mein erster Blick gilt dem Thermometer: 4° Außentemperatur. Ok, das passt zu meiner Kleidung. Der Ischias, den ich bislang bewusst nicht erwähnt habe, ruht. Er weiß ja nicht, welche Bewährungsprobe ihm in Kürze bevorsteht.
Beschwingt und guter Laune ob des Starts nach langer Zeit der Enthaltsamkeit fahre ich nach einem Läuferfrühstück in der gleichen Weise wie gestern nach Herne. Dort ist es noch trister und monotoner als gestern, obwohl doch ein großes Laufereignis angesagt ist. Wo sind die Menschenmassen, die an den Absperrgittern stehen und uns anfeuern werden? Oder halten sich die Menschen noch in ihren warmen Wohnungen auf, denn bis zum Start ist noch etwas Zeit?
Derart optimistisch erreiche ich heute problemlos den Rathausplatz, an dem buntes Treiben in einem unüberschaubaren Wirrwarr herrscht. Viele Schülerinnen und Schüler, an ihren farbigen Startnummern als StaffelläuferInnen erkennbar, beherrschen die Szenerie. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass ich Hans-Peter und Ulrike, zwei Bekannte aus Dortmund treffe, die zusammen mit einigen Freunden ebenfalls teilnehmen werden. Ein kurzes Hallo, Smalltalk, dann ist jeder mit dem ihm eigenen Ritual der Vorbereitung beschäftigt.
Der Start ist um 10:00 Uhr. Ich glaube, die Bürgermeisterin von Herne gibt den Startschuss. So genau ist das bei dem Trubel nicht auszumachen. Das Starterfeld für die 25er-Läufer ist nicht sehr groß, ich schätze etwa 400 Teilnehmer. Ich treffe noch drei Läufer aus Wischlingen, schon geht es los. Zu laufen sind zwei identische Runden von 12,5 Kilometern. Was das für die Kilometerangaben bedeutet, wird mir nach Kilometer 1 klar: Unter der großen Kilometerangabe der ersten Runde ist die kleine Kilometerangabe der zweiten Runde, allerdings, genau, mit Angabe ,5. Das heißt, unter Kilometer 1 steht 13,5.
Gut zu wissen, denn ich habe mein Armband und eine aufgetankte Garmin Super-High-Tec-GPS-Uhr am Handgelenk. Da kann nix passieren. Die Kilometerangaben, vor allem die der zweiten Runde, stellen für mich nur einen groben Richtwert dar. Zu Beginnlaufe ich schnell, zu schnell, ich lasse mich mitziehen. Nach einem Kilometer die erste Zeit: unter 5. Ich reduziere meine Geschwindigkeit auf 5:15-5:20, fühle mich wohl.
Kilometer um Kilometer laufe ich durch menschenleere Straßen. Hunderte, nein Tausende Zuschauer mit Tröten und Rasseln, mit Spruchbändern und Bettlaken habe ich erwartet. Aber jetzt nichts außer wenigen Passanten, die wohl mehr zufällig auf dem Weg zum Bäcker oder Kiosk zu Zuschauern mutieren. Und das bei herrlichem Wetter und einer Superveranstaltung. An den Staffelübergabepunkten und im Start-/Zielbereich halten sich mehr Zuschauer auf. Im Wesentlichen handelt es sich wohl um Eltern und Angehörige der Läufer. Lediglich eine Samba-Band kann ich ausmachen.
Die Strecke ist bestens markiert und abgesichert. Es ist für mich ein Genuss zu laufen. Kein Zwicken im Oberschenkel, und Atemprobleme treten auch nicht auf. Ich bin sehr froh über die schnellen Trainingseinheiten, denn ich merke, dass ich auch mental soweit bin, dieses Tempo über eine längere Distanz durchzuhalten. 7, 8, 9 Kilometer, ich nähere mich dem Punkt, an dem in der zweiten Runde die Halbmarathonzeit genommen wird. Locker laufe ich über die Matte, die meine Chip-Nummer scannt und dann in Verbindung mit der gelaufenen Zeit dem Rechner übermittelt.
Um mich herum ist ein dauerhaftes Gewusel, hervorgerufen durch die kleinen Staffelläufer, die sich sehr unrhythmisch bewegen, abwechselnd gehen und laufen. Laufen bis zum Anschlag und dann erholen. Unerfahren eben. Ich versuche, einen solchen Jungen zur Temporeduktion zu bewegen, leider erfolglos. Ob der mal später noch Lust am Laufen verspürt? Ich glaube nicht.
Ich beende die erste Runde leicht unter dem von mir gesetzten Ziel. Einen zeitlichen Puffer habe ich herausgelaufen. Hoffentlich muss ich ihn nicht komplett opfern. Am Straßenrand ruft mir Peter Teuber, ein Freund, mit dem ich jahrelang zusammen gelaufen bin, einen Gruß zu. Ich werde Peter im Ziel wiedersehen.
Bis Kilometer 18, 19 laufe ich entspannt die Umgebung genießend, und es gelingen mir sogar einige Überholvorgänge. Die Halbmarathonmarke überlaufe ich auch noch mit dem kleinen Plus. Der Strecke führt nun auf einem mit Kopfsteinpflaster versehenen Weg in einem Park, gut zum Flanieren, schlecht zum Laufen. Hier beginne ich, Zeit zu verlieren, da ich mich mehr auf den Untergrund als auf mein Tempo konzentrieren muss.
Endlich erreiche ich wieder die Straße. Ich laufe nun in einer langgezogenen, seichten Steigung zurück Richtung Innenstadt. Leicht verschwenkt geht es um die Fußgängerzone, bis ich das letzte Kilometerschild dieses Laufes sehe: 24,5. Puh, gleich ist es geschafft. Ein Blick zur Super-High-Tec-GPS-Uhr zeigt mir, mit der glatten Zielzeit für 5:20 wird es nix. Egal, ich spurte, jedenfalls meine ich das, erblicke Hans-Peter am Streckenrand, der mich noch einmal aufmuntert, renne um eine Linkskurve, noch 20 Meter, noch einmal Tempoverschärfung, dann ist es geschafft. Uhr abgedrückt, Medaille umgehängt bekommen, trinken. In dieser Reihenfolge.
Ich setze mich auf eine Holzbank im Nachzielbereich, genieße alkoholfreies Weizen und die Sonne. Es ist doch warm geworden, meine langen Ärmel sind hochgeschoben. Ich treffe die Wischlinger, wir sprechen kurz über die Veranstaltung. Es hat uns allen gut gefallen. Gelöst, locker und zufrieden geht’s nach Hause, zu Kaffee und Kuchen mit der besten Ehefrau der Welt. Die hat sich natürlich auch darüber gefreut, dass ich so problemlos den Kurs bewältigt habe. Toi, toi, der Ischias hat nicht gemuckt. Wie ich das geschafft habe, sag ich nicht.
Diese Veranstaltung soll wohl Ersatz für den Ruhr-Marathon darstellen, den es für mein Empfinden nicht mehr geben wird. Das ist gelungen, auch wenn wir teils durch menschenleere Straßen gelaufen sind, was einem zu denken gibt. Der Veranstalter sollte ein Konzept entwickeln, um die Anwohner mehr in den Event einzubinden. Ansonsten von mir als Gesamtnote ein uneingeschränktes „Gut“. Wenn es eine Neuauflage geben und mein Trainingsplan es zulassen sollte, werde ich wieder teilnehmen. Und nicht nur, um den Rabatt als Versicherter der BIG einzuheimsen.
von Wolfgang Seebacher
 
Laufsport bunert in Dortmund - Der Profi rund ums Laufen

Medisport-Lauf - Institut für Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung, Fitness- und Präventivtraining

ACTIVE Sportshop in Hamm - Laufen, Nordic Walking, Triathlon

foot power Dortmund - Schmerzen beim Laufen? Hier findest Du Hilfe...

Home | Nach oben | Laufgeschichten | Veranstaltungsberichte | Ergebnisse