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Angriff
auf die 4-Stunden-Grenze
von Frank Pachura |
Seit
10 Wochen bereiten wir uns nun auf den Bonn Marathon vor.
Offiziell heißt er „Deutsche Post Marathon Bonn“
und steht ganz im Zeichen des schwarzen Posthorns auf gelbem
Grund. Die Farben schwarz und gelb sind für uns ja schon
mal ein gutes Zeichen und so fahren wir am Sonntagmorgen in
guter Stimmung nach Bonn. Heute sollen die 4 Stunden geknackt
werden. Es ist Marions neunter (Ultra-)Marathon. Ihren Ersten
ist sie im letzten Jahr Ende April gelaufen und im Abstand
von nur wenigen Wochen folgte einer nach dem anderen. In diesem
Rhythmus kann man aber nun mal keine Bestzeiten laufen, da
die wirkliche Vorbereitung eben fehlt. Bei mir ist es nun
schon der 24. Marathon in elf Jahren Lauferei. Mein letzter
„Unter 4“-Marathon war im Jahr 2004, also vor
7 Jahren. Grund genug, endlich mal wieder dran zu gehen. |
Mit
diesen Zielen haben wir uns durch die winterliche Vorbereitung
gekämpft, allerdings mit kleineren Unterbrechungen, die
nichtlauftechnische Gründe hatten. Aber alles in allem
war unsere Vorbereitung okay. Unser erklärtes Ziel: Heute
fällt die 4!
In Bonn angekommen suchen wir zuerst die ausgeschriebenen
Parkplätze und dann nach dem Bus-Shuttle die Startnummernausgabe.
Wir hatten zwar vorher einen Plan bekommen, aber wenn man
sich in einer fremden Stadt nicht auskennt, ist alles erst
einmal recht unübersichtlich. Aber nach etwas Sucherei
bekommen wir unsere Nummern, treffen unsere Lauffreunde Andrè
und David aus Dortmund und den Laufjoe, der für marathon4you
unterwegs ist. |
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Schnell
wird noch ein Dixi-Besuch fällig. Davor sind lange Schlangen
und wir müssen etwas warten. Langsam wird die Zeit knapp.
Endlich bin ich dran, schnell rein, das Geschäftliche
erledigt und… kein Klopapier da. Mist! Etwas unentschlossen
stehe ich im Dixi und weiß nicht weiter. Taschentücher
habe ich auch nicht dabei. Aber die Zeit drängt. Was
soll's... Hose hoch und raus.
Kurz darauf stehen wir im Startblock und unser Bundespräsident
Christian Wulf schickt uns mit einem Pistolenschuss auf die
Strecke. Zu "Eye of the tiger" begeben wir uns auf
die 42 km. Ein gutes Ohmen.
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Direkt vor uns befinden sich die Brems- und Zugläufer
für die 4-Stunden-Grenze und ich sage Marion, dass wir
am besten immer vor diesen Läufern bleiben. Hinter ihnen
bildet sich erfahrungsgemäß eine dichte Traube
von Läufern, die sich mitziehen lassen wollen. Die Brems-
und Zugläufer sind mit einem großen goldenen Gasballon
mit einer aufgedruckten „4:00“ ausgestattet und
nicht zu übersehen.
Wir laufen nach ein paar hundert Metern an diesem Ballon vorbei
und suchen nun unser eigenes Tempo. 5:30 pro Kilometer wollen
wir laufen. 5:41 ist das exakte Tempo für 4 Stunden und
wenn wir 10 oder 11 Sekunden schneller laufen, haben wir ein
Polster für die Verpflegungsstände. |
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Ich plane so einen Bestzeitenversuch ganz gerne, Marion läuft
dagegen lieber nach ihrem Gefühl. Und so verabschiedet
sie sich bereits nach 8 km von mir, da sie lieber etwas schneller
laufen würde als unser geplantes Tempo. Da ich auf den
ersten Kilometern schon hörbar schnaufe, mir aber einrede,
dass das bei einem „Unter 4“-Marathon zwar so
sein darf aber nicht muss, habe ich für mich die Erkenntnis,
dass ich nicht schneller laufen kann. Und so vergrößert
sich langsam aber stetig unser Abstand. Ich kann Marion noch
lange vor mir sehen, doch dann entschwindet sie irgendwann
meinen Blicken. |
Ich
laufe nun allein so vor mich hin und habe nach 1:56 Stunden
den Halbmarathon hinter mir. Das läuft ja wie geschmiert.
Weiter geht es. In der zweiten Runde klatsche ich Marion an
einem Wendepunktstück ab. Sie ist einige hundert Meter
vor mir und hält immer noch ihr etwas schnelleres Tempo.
Ich muss dagegen ab jetzt langsam etwas kämpfen und bemerke
bei jedem Kilometerschild, dass ich leicht an Geschwindigkeit
verliere. Aber ich habe mir ja ein gutes Polster rausgelaufen.
Das wird wohl reichen. |
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Bei
Kilometer 28 höre ich hinter mir ein lautes Gequassel
und drehe mich danach um. Ich erschrecke mich, denn in nur
5 m Abstand folgt mir eine Riesengruppe von Läufern.
Wie eine Wand rollen sie auf mich zu. Und oben drüber
schwebt der goldene Ballon mit der „4:00“ drauf.
Dieser blöde Ballon. (In Wirklichkeit habe ich nicht
„blöde“ gedacht, sonder "versch…",
aber das möchte ich hier nicht schreiben.)
Oh mann. Das sind die 4-Stunden-Läufer. Bin ich so langsam
geworden? Jetzt habe ich sie im Nacken und sie setzen mich
unter Druck. Mist! |
Ich
beschleunige wieder, stelle mir im Geiste die mich so motivierenden
Filmausschnitte aus Rocky II vor und gewinne wieder etwas
Abstand. Diesen kann ich auf den nächsten Kilometern
gut halten. Das wäre doch gelacht. Ich bleibe VOR dem
Ballon. Punkt! |
Bei
Kilometer 32 kommt wieder eine Verpflegungsstelle. Ich halte
kurz an, schütte mir ein paar Becher Wasser über
den inzwischen glühenden Kopf und trinke mich satt. In
diesem Moment schließt die 4er-Gruppe auf und läuft
einfach an dem Verpflegungsstand vorbei. Einige trinken kurz
etwas und schließen sich schnell wieder an. Schon sind
sie vorbei. |
Jetzt
bin ich HINTER der 4er Gruppe. Das gibt es nicht. Bis ich
das erkenne, brauche ich ein paar Sekunden. Dann starte ich
wieder und folge der Gruppe mit dem Ballon. Aber die Erkenntnis,
jetzt HINTER der 4er Gruppe zu sein, hat in mir etwas ausgelöst.
Etwas Schlechtes. Meine Motivation ist im Bruchteil einer
Sekunde pulverisiert. Sie ist weg. Die 4-Stunden-Grenze ist
gerade sichtbar an mir vorbei gelaufen. Dieser blöde
Ballon hat mir gerade den Rest gegeben. Er hat mich von oben
herab angeschaut und gelacht. Er hat mich ausgelacht, mir
die Zunge heraus gestreckt und mir die lange Nase gezeigt.
Total überheblich tänzelt der schwarzgelbe Mistkerl
da oben herum und lacht sich kaputt. |
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Mir
wird klar, dass ich mein heutiges Ziel nicht mehr erreiche.
Heute wird die 4-Stunden-Marke nicht mehr geknackt. Mit dieser
Einsicht verändert sich schlagartig meine Einstellung
zu meinem Zeitziel. Die 4 Stunden schaffe ich nicht mehr.
Dann ist es jetzt auch egal, ob ich 4:01 oder 4:10 oder 4:20
oder 4:30 laufe. Das interessiert mich jetzt auch nicht mehr.
Das hast du nun davon, du blöder Ballon. |
Ich
laufe weiter und beginne nun, die schöne Strecke ganz
anders wahrzunehmen. Hier und da mache ich so ohne Zeitdruck
mal ein Foto. Doch meine Beine werden nun auch immer schwerer
und ich verändere merkbar meine Körperhaltung. Ich
sehe bestimmt nicht mehr gut aus. Die Spannung aus dem Oberkörper
ist irgendwie verdampft. Kein Wunder bei der Hitze heute.
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In
der Ferne sehe ich erst immer noch diesen blöden 4er
Ballon herum tanzen, doch dann ist er endlich verschwunden.
Der Sack! Dieser mit Gas aufgeblasene schwarzgelbe Sack. Mir
doch egal. Der kann mich mal.
So schleiche ich weiter. Kilometer für Kilometer. Und
ich werde so ohne Ziele immer langsamer. Dazu brennt die Sonne
jetzt so richtig auf mein Hirn und zerschmort das allerletzte
bisschen Kampfgeist. Mir ist nun alles egal. Hauptsache, ich
komme irgendwann an. |
Und
dann ist endlich die Zielgerade in Sicht. Viele Zuschauer
kreischen, rufen und klatschen jeden Teilnehmer über
die letzten Meter. Ich entdecke aus einiger Entfernung Marion
hinter dem Ziel. Sie wartet schon auf mich. Und dann bin ich
endlich da. 4:17 Stunden. Schade. Aber ich rechne mir die
Zeit um in 3:77 Stunden. Das hört sich doch gleich viel
besser an ;-) |
Marion
hat bis zum Schluss ihr Tempo gehalten und ist nach 3:54 Stunden
ins Ziel gekommen. Super. Darüber freue ich mich viel
mehr als dass ich mich über meine Zeit und den blöden
Ballon ärgere. Zumindest sie hat die 4er Grenze geknackt.
Ich gratuliere ihr zu ihrem ersten "Unter 4" und
wir stoßen im Zielbereich mit einem Erdinger Alkoholfrei
an. Hier entdecken wir auch den blöden 4er Ballon noch
einmal. Er schwebt über den erschöpften Marathonis
und macht sich über uns lustig. Dieser versch... goldene
Ballon... Apropos… beim nächsten Mal habe ich auch
Taschentücher dabei ;-) |
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Der
Bonn Marathon ist eine echte Empfehlung. Gut organisiert,
viele Zuschauer, eine tolle Sightseeing-Strecke durch die
Stadt und am Rheinufer entlang. Was will das Läuferherz
mehr? |
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