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Ein
Rekonvaleszent beim Citylauf in Dortmund
von Wolfgang Seebacher
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Was
machst Du, wenn Du seit Wochen Knieprobleme hast und nicht
richtig laufen, ja mitunter sogar nur humpeln kannst? Richtig,
weiterlaufen, auch wenn es blöde aussieht und der besten
Ehefrau der Welt die Sorgenfalten auf die Stirn zaubert. jammern
hilft nix. Trübsal blasen, hinter den Ofen setzen, die
Beine hochlegen und warten, bis Besserung quasi von selbst
eintritt, ist nicht mein Ding. Jeder, der mich kennt, weiß,
dass ich ein Mensch bin, der Bewegung ebenso braucht wie die
Luft zum Atmen. Also laufe ich für mich, versuche, Schonhaltungen
durch einseitige Belastungen zu vermeiden. Von Training kann
keine Rede sein, es geht nur um die Fortbewegung. |
Das
geht so eine gewisse Zeit lang, bis mir durch schicksalhafte
Fügung die Teilnahme am Dortmunder Citylauf gesponsert
wird. Dieser findet am gleichen Tag wie der Münster-Marathon
statt. Und weil das in den letzten Jahren immer der Fall war,
konnte ich nicht am Citylauf teilnehmen, denn Münster
hatte immer Vorrang. Insofern betrete oder besser belaufe
ich Neuland, zumal sich gegenüber meiner Anwesenheit
in grauer Vorzeit die Streckenführung massiv geändert
hat. Der bevorstehende Wettkampf motiviert mich ungemein.
Ich habe im Blog
schon darüber berichtet. Am Montag absolviere ich ein
Intervalltraining, 4x1000, wobei ich die 1000 m in jeweils
unter 5:20 min/km schaffe. Dienstag nehme ich einen 10 KM-Probelauf
unter die Schuhe. Gute Stunde, das lässt hoffen. Hoffen
auf eine Wettkampfzeit um eine Stunde, das wär’s.
Selbstredend nehme ich am B-Lauf teil (Zielzeit > 50 Min.).
Eine schnellere Zeit im A-Lauf anzustreben wäre utopisch
und auch nicht leistbar. |
Uwe
und ich fahren mit Familie am Samstag allerdings traditionell
nach Münster, um die Unterlagen abzuholen und einen Stadtbummel
zu unternehmen. Münster ist einen Besuch wert. Die Stadt
hat was. Wir verbringen immer eine abwechslungsreiche Zeit
in der Universitätsstadt. Schlenzen, bummeln und lecker
Kaffee und Kuchen, die Abläufe sind immer gleich und
immer schön. Die Zeit vergeht wie im Flug. Innerlich
ist Münster für mich abgehakt, ich denke an Dortmund.
Deshalb hält sich mein Herzschmerz in Grenzen, nicht
so wie vor einigen Jahren, als ich ebenfalls nicht teilnehmen
konnte |
Wir
lernen auf der Marathonmesse die neuen Garmin-Produkte mit
Touch-Screen kennen. Bedienung nicht mehr durch Tastendrücken
sondern nur noch mit Daumen bzw. Finger. Da kommt was auf
uns zu. Meine 305 verrichtet aber noch treu und brav ihre
Arbeit. Die Güte dieses Produktes wird mir auch vom Vertreter
der Firma bestätigt. |
Am
Nachmittag muss ich die bittere Niederlage des BVB gegen Hertha
BSC hinnehmen. Das Spiel muss nach den Radio-Meldungen seitens
der Dortmunder schlecht gewesen sein. Ja, ich weiß,
die Anhänger einer Mannschaft aus der Ückendorfer
Turnhalle frohlocken. Aber denen ging es in Wolfsburg auch
nicht besser. Hoffentlich kann Trainer Klopp die Mannschaft
bis zum Spiel gegen Arsenal London wieder aufrichten und motivieren.
Hat im Nachhinein dann auch einigermaßen funktioniert. |
Zurück
zum Wochenende: Uwe und ich laufen am gleichen Tag an verschiedenen
Orten Wettkampf. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon
einmal eine solche Konstellation hatten. |
Am
Sonntagmorgen lacht mich die Sonne an. Toll, das wird ein
schöner Tag. Ich fühle mich wohl, wohlig angespannt,
keine Schmerzen. So bereite ich mich am Vormittag auf den
Wettkampf vor. Laufbekleidung, Laufwerkzeug und Ersatzwäsche
werden bereitgelegt. Die Lust am Laufen, an der Bewegung,
am Vorwärtskommen ist da. Die beste Ehefrau der Welt
geht mit ihrer Walkinggruppe die obligate Sonntagsrunde und
überrascht mich nach der Heimkehr mit dem Hinweis, dass
es zu regnen beginne. Naja, ein paar Tropfen, bis zum Start
wird es schon wieder abgetrocknet sein. Denkste, der Niederschlag
wird zum Dauerregen der allerfeinsten Art. Der Himmel ist
grauverhangen, kein Stück, und sei es auch noch so klein,
blau zu sehen. Au Backe, das kann ja heiter werden. |
Die
beste Ehefrau der Welt will mitfahren, um mich als Zuschauerin
anzufeuern. Aber bei diesem Regen. Unerklärlich, woher
all diese Wassermassen kommen. Ich stelle ihr das Mitfahren
frei, aber so ist sie nun einmal, sie läßt mich
nicht im „Regen stehen“. Auf wasserdichte Fußbekleidung
in Form von Gummistiefeln wird aber nicht verzichtet. Ich
trage auf dem Weg meine Asics-Goretex-Trail-Schuhe. Sittsam
bekannt vom Trail-Run. Ich hatte nicht zu träumen gewagt,
dass ich die mal unter solchen Umständen bewegen muss. |
So
erreichen wir trockenen Fußes und frohgestimmt den Ort
des Events in der Dortmunder Innenstadt. Achtmal ist der Kurs
zu durchlaufen, acht Runden warten auf mich. Das bedeutet
auch achtmal über sehr rauhes (Kopfstein)pflaster, unebene
Steinplatten und notdürftig ausgebesserten Belag in der
Fußgängerzone. Es gibt ein großes Hallo,
denn ich kenne viele Starter und freue mich über das
Wiedersehen. Aus unserer Trainingsgruppe laufen Friedhelm
und Jürgen in meinem Lauf, während Wernfried, Manfred
und Andreas schneller laufen möchten. Meine Samariterin
Kordula ist auch anwesend. Sie hat bereits den 5-KM-Schülerlauf
hinter sich und ist pitschenaß. Trotzdem freut sie sich
auf den langen, den 10er. Und es regnet unaufhörlich.
Trotzdem finden sich nach meiner Schätzung etwa 350 LäuferInnen
pünktlich an der Startlinie ein. Kurze strategische Absprache
mit der besten Ehefrau der Welt über den optimalen Standort,
schon erfolgt der Startschuss. |

© Yoshi Müller |
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Die
ersten Meter führt der Rundkurs über erwähntes
Kopfsteinpflaster. Bloß nicht schon beim Start stürzen,
lautet die Devise. Ich horche in mich rein, kein Zwicken und
Zwacken, keine holperige Gangart, es läuft rund.
Auf der Strecke ist jeder Kilometer gut sichtbar markiert.
So hast du neben den Angaben auf der Super-High-Tec-GPS-Uhr
noch eine Orientierungshilfe. Ich laufe ein gleichmäßiges
Tempo - es regnet immer noch -, darauf bedacht, möglichst
die Wasserpfützen zu umkurven. Nicht ganz einfach, aber
ich schaffe es einigermaßen. An der Strecke werde ich
von Bekannten angerufen und angefeuert. |
Plötzlich
bemerke ich durch den Regenschleier vor mir auf dem Westenhellweg
eine Gestalt, die den Schirm wie zum Gruß auf- und abschwenkt
und dabei veitstanzähnliche Sprünge veranstaltet.
Das darf doch nicht wahr sein, welche Überraschung: Nachbar
Klaus steht am Absperrband. Ich höre ihn rufen: „Da
staun’ze, was?“ In der Tat, ich bin sehr überrascht,
ihn, der mit Laufen nichts, aber auch gar nichts im Sinn hat,
bei diesem Schietwetter hier zu sehen. |
„Ich
will doch ma’ kucken, ob Du wirklich läufs’.
Hass’ mir ja gesacht mit Deine Verletzung. Gut, Junge.
Mach weita.“ Ruft’s und schon bin an ihm vorbei.
Wenigstens ein Zuschauer, der wegen des Sports anwesend ist.
Klaus, das hast du gut gemacht. Du wirst das hier zwar nicht
lesen, aber der Dank ist Dir gewiss. |
Nach
der Hälfte der Distanz lässt der Regen merklich.
Ich merke, die Stundenmarke unterbieten zu können, und
laufe mein Tempo. Irgendwann überholen mich Friedhelm
und Jürgen. Sie werden etwa 7 Minuten vor mir finishen.
Nach 7 Kilometern macht sich das fehlende Training bemerkbar.
Meine Schritte werden schwerer und die beste Ehefrau der Welt
sieht dies von ihrem strategisch wichtigen Punkt aus mit skeptischem
Blick, aufmunternde Worte rufend. |
Noch
eine Runde. Ich beschleunige noch einmal. Vielleicht treffe
ich ja noch einmal Klaus. Aber er ist leider nicht mehr vor
Ort.
Noch einmal die Wißstraße hinauf, die 90°-Kurve
nach links zum Ziel. Ich habe es geschafft: 56:22 zeigen die
elektronischen Uhren im Ziel. Jep, das war’s. Ich freue
mich riesig, genau wie die beste Ehefrau der Welt und meine
Lauffreunde, die mich erwarten.
Zur Veranschaulichung hier mein Rundenprotokoll.
Ist das jetzt die Wende zum Guten? Es wird sich zeigen. Der
Anfang jedenfalls ist gemacht. |
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