Das LiDo-Team beim Darmstädter Knastmarathon
von Marion Fladda

42,195 km in einem Gefängnis zusammen mit Häftlingen zu laufen? Das klingt aufregend und das gibt es wirklich. In Darmstadt kann man dies in Angriff nehmen. Und da Frank und ich für solche Scherze immer zu haben sind, haben wir uns in diesem Jahr einfach mal angemeldet.
Am 15. Mai 2011 ist es so weit. Wir fahren auf den Parkplatz der Justizvollzugsanstalt Darmstadt und werden von der Läuferschlange erschlagen, die an einer eindrucksvollen, weißen Wand mit Stacheldraht beginnt und mitten im Parkplatz endet. Wir parken das Auto und schnappen unsere sieben Sachen. Dann reihen wir uns in die Schlange ein und warten auf den Einlass.
Nach einer kleinen Wartezeit sind wir endlich bis zum Eingang vorgedrungen. Wie vor einer Diskothek stehen wir nun in der ersten Reihe. Personalausweise bereits in der Hand warten wir auf den Türsteher. Die schwere Stahltür schwingt auf und wir dürfen eintreten. Wir bekommen ein Armbändchen um das Handgelenk gebunden mit dem Hinweis, dass das Armband auch unsere Fahrkarte in die Freiheit ist. Ohne das Bändchen kommen wir so schnell nicht mehr hier raus. Wir geben unsere Personalausweise ab und werden wie im Film von Kopf bis Fuß gefilzt. Unsere Tasche wird durchleuchtet und dann werden wir noch von einem Hund auf Drogen abgeschnüffelt. Eine echt sehr spannende Prämarathonprozedur.
 
Und dann sind wir endlich drin. Wir blicken nun ehrfürchtig die großen, weißen Wände mit dem Stacheldraht von innen an und uns wird bewusst, dass wir alleine hier nicht mehr heraus kommen können. Wir spazieren zu der Startunterlagenausgabe und bekommen den ersten Eindruck vom Knastleben.
Direkt gegenüber der Startnummernausgabe befindet sich ein Block mit Häftlingen, die keinen Freigang bekommen, weil sie zu den „Böseren“ gehören. Die Fenster bestehen aus mehreren Gittern und man kann hinter den Gittern schemenhaft Personen erkennen, die sich in das Fenster gesetzt haben und mit den Händen an den Gittern hängen. Sie schreien irgendetwas aus ihren Fenstern. Eine merkwürdige Atmosphäre.
 
Wir holen unsere Nummern und machen uns startklar. Die 24 Runden durch die JVA starten. Wir begeben uns auf die Strecke. Direkt zu Beginn führt die Strecke an einem „Gehege“ voller Häftlinge vorbei: Der Freigangbereich. Ein unheimliches Bild. Geschätzte 50 Häftlinge in dunkelroten Shirts hängen an einem hohen Zaun mit Stacheldraht umwinkelt und „geifern“ auf die Laufstrecke. Laute Musik dröhnt an diesem Streckenabschnitt auf die Strecke und erstickt die Laute, die hinter dem Zaun entstehen.
Wir laufen weiter und kommen in die Bereiche der Anstalt, in dem sich die Insassen frei bewegen. Auch hier scheint dunkelrot in Mode zu sein.
Die Häftlinge stehen direkt an der Strecke und schauen uns Läufern zu. Mein Blick wandert durch die Gesichter der Häftlinge. Scheinbar vergnügt verfolgen die Blicke der Häftlinge die eine oder andere Läuferin. Mein Blick sucht unter den roten Pullis den ehemaligern DSDS-Kandidaten Menowin, der hier wohl zurzeit einsitzen soll. Aber ich sehe ihn nicht. Ähnliche Typen, die es sein könnten, aber das Original scheint nicht dabei zu sein.
Auch hier wird die Strecke lautstark beschallt. Wir laufen auf der gut 1,7 km langen Runde weiter an der eindrucksvollen, weißen Wand entlang. Bei ihrem Anblick wird uns wieder klar, dass wir hier alleine nicht raus kommen. Vor lauter Aufregung habe ich meinen rechten Fuß ganz vergessen. Er hatte mir die letzten zwei Wochen etwas Kummer bereitet. Aus heiterem Himmel hatte ich rechts außen am hinteren Mittelfußbereich höllische Schmerzen und konnte nicht mehr auftreten. Wahrscheinlich die Auswirkung von zu vielem Stress und zu vielen Marathons in den letzten Monaten. Ich hatte ihn geschont und die Schmerzen waren wieder verschwunden. Allerdings nicht komplett.
 
Während wir nun durch den Knast unsere Runden drehen und etliche Kurven und Wendepunkte durchlaufen, kriechen sie wieder in den Fuß zurück. Und nach ungefähr einer Stunde Laufzeit merke ich den Fuß leider nun immer mehr und mein Gehirn beginnt zu arbeiten. Noch ist es kein richtiger Schmerz und so entscheide ich mich erstmal weiter zu laufen und das Projekt „Finde Menowin“ nicht so schnell zu beenden. Aber natürlich bin nicht ich es, der ihn zu erst entdeckt. Frank sichtet ihn plötzlich irgendwo am Rand der Strecke. Mit schwarzer Sonnenbrille, Mütze und schwarzer Jacke bleibt nicht viel von ihm übrig. Aber das, was noch zu erkennen ist, ist Menowin. So wie wir ihn von DSDS in Erinnerung haben.
Wir drehen weiter unsere Runden und nähern uns der Halbzeit. Meine Beine fühlen sich kraftvoll und gut an. Nur der Fuß macht sich mehr und mehr bemerkbar. Unser bis jetzt gelaufenes Tempo war ein „Sub 4 –Tempo“. Wie schön doch noch ein Marathönchen unter vier Stunden wäre. Mit jeder Kurve, die ich mehr laufe, wird mir jedoch klar, dass das alles nicht so wichtig ist. Und so entscheide ich mich dazu auszusteigen. Das zweite Mal in meinem Leben entschließe ich mich schweren Herzens dazu, einen Lauf nicht zu Ende zu bringen. Aufzugeben. Mich geschlagen zu geben.
Ich sage Frank, dass ich bei Halbzeit aussteige, weil mein Fuß das so möchte. Und ich gebe ihm den Auftrag, für mich mit zulaufen und die „Vier“ zu knacken.
 
Wir trennen uns bei der Halbmarathon-Distanz und ich verlasse niedergedrückt die Strecke. Etwas traurig entferne ich meinen Chip und suche mir einen Platz zum zugucken. Frank läuft unser Tempo bis zum Schluss weiter und landet eine absolute Punktlandung: 11 Sekunden unter vier Stunden! Ohne spezielles Training hat er es geschafft.
Wahrscheinlich nur, weil es hier keine gemeinen, goldenen Ballons gibt, die ihn demotivieren könnten. Stattdessen stehen dunkelrote Häftlinge am Rand, grölen und bellen irgendwas Unverständliches und mobilisieren jedes Körnchen Energie.
Der Darmstädter Knast-Marathon ist ein sehr aufregendes Erlebnis, das ich nur empfehlen kann. Man hat das Gefühl, in einer ganz anderen Welt zu sein. In einer Welt, in der Menschen hinter Zäunen eingesperrt sind, und in einer Welt, in der gescheiterte Menschen wieder Fuß fassen und versuchen wieder etwas zu erreichen.
Das Marathon-Projekt der JVA-Darmstadt bietet nicht nur uns „freien“ Menschen die Möglichkeit, mal hinter Gittern zu laufen, sondern auch den Häftlingen die Chance, wieder auf etwas hinzuarbeiten und in ihrem Leben wieder etwas zu erreichen. Und wenn es erstmal auch nur der Kampf mit den magischen 42,195 km ist.
von Marion Fladda
 
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