Ein Marathon kurz vor Weihnachten
von Wolfgang Seebacher

Ein Marathon kurz vor Weihnachten, im Spätherbst bei eigentlich frostigen Temperaturen, sogar ein Glühweinmarathon, benannt nach einem Getränk, welches nicht unbedingt immer positive Assoziationen hervorruft, soll mein persönliches Langlaufjahr beenden? Als ich zum ersten Mal vor einigen Jahren von dieser Veranstaltung, die die Endorphinjunkies durchführen, erfahre, kann ich mir nicht vorstellen, selbst einmal daran teilzunehmen. Aber Schwupps, Du läufst den Grünkohl-Marathon bei Hans von eben diesen Junkies und bist automatisch für den hochprozentigen Lauf „qualifiziert“. Der unbedarfte Leser denkt sicherlich sofort an lärmende und grölende Zeitgenossen, die glühweinselig vor den Getränkeständen der Weihnachtsmärkte auf sich aufmerksam machen. Du siehst diese Menschen nicht im Halbdunkel am Tresen, aber Du hörst sie von weitem. Und meist in einem Zustand zwischen noch nüchtern und schon betrunken. Und das ist das, was ich nicht verstehe und nicht nachvollziehen kann. Ist nicht mein Ding.
Aber zunächst ein Marathon, und dann als „Belohnung“ ein Glas Glühwein? Warum eigentlich nicht? Ich beginne, mich mit dem Gedanken anzufreunden, zumal Uwe auch von dieser Idee fasziniert ist. Und eine Veranstaltung, an der wir zwei gemeinsam teilnehmen, hat schon was. Also schnell suche ich einen günstigen Moment und weihe die beste Ehefrau der Welt in den Plan ein. An Widerstand oder Bedenken ist eh nicht zu denken, sie kennt mich und weiß, was sie mir und vor allem ich mir zutrauen kann. Außerdem gilt es Ärger zu vermeiden, und so werden die Vorbereitungen getroffen. Langlaufen ist angesagt.
 
Eigentlich hätte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein können, meine Zahnprobleme erwähnte ich bereits. Aber getreu dem Motto: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ beginne ich kurz nach dem Eingriff mit dem Training, muss aber schnell erkennen, dass es doch nicht so einfach ist. Ich schwanke zwischen Euphorie und Selbstmitleid, je nach Gemütslage, ob des bevorstehenden Ereignisses.
Ich begegne bei meinen Läufen wiederholt Klaus und seiner Ehefrau Christel, die mich mitleidig belächeln. Es sind nette Menschen, die nur wenige Worte über mein Tun verlieren, sich das meiste aber wohl denken. Äußerungen wie: „Woffgang, Woffgang, dat Du Dir dat antus’, wo führt dat noch hin? Bis’ ja sons’ ganz töffte, aber so? Nee, nee, wenn man Dich in normale Klamotten sieht, komm'se nie auf die Idee, dat De eigentlich ‚n bisken bekloppt bis!“ sind für die zwei schon hart, würden sie auch nie öffentlich machen, eben nur so von ihnen zu mir.
Der Sonntag naht. Die beste Ehefrau der Welt möchte mit ihrer Walkinggruppe eine vorweihnachtliche Dienstbesprechung abhalten, so nennt man das wohl, so dass ich mich in aller Ruhe dem Lauf widmen kann.
Klar, in der Nacht vor dem Ereignis schläfst Du nicht so gut, ein Marathon ist eben ein Marathon und die Höhenmeter sind auch nicht zu verachten. So ist das, auch wenn Dein 58. Marathon ansteht.
Sehr ruhig und besonnen, um die beste Ehefrau der Welt weiterschlafen zu lassen – man kann ja nicht wissen -, schäle ich mich um fünf Uhr aus den Federn und mache das für mich vor einem Langlauf Übliche. Uwe holt mich um zehn vor sechs ab und gemeinsam fahren wir durch die endende Nacht oder beginnenden Morgen zum Freischütz.
 
Der Start erfolgt um 6:30 Uhr. Dann haben wir gut drei Stunden Zeit, um rechtzeitig zum Start des Gühweinlaufes um 10:00 wieder am Ausgangspunkt zu sein.
Wer denkt, um diese Zeit sei niemand da, der irrt sich gewaltig. Fast alle vorangemeldeten Starter sind vor Ort. Darunter einige in Langlaufkreisen sehr bekannte Teilnehmer, die in den Ergebnislisten der DUV auf vorderen Plätzen erscheinen.
Ich habe mich u. a. für meine Asics-Gore-Tex-Trailschuhe entschieden, die mir schon beim Trail-Run gute Dienste geleistet haben. Stabil und wasserdicht müssen nämlich heute die Schuhe sein.
Ein eisiger Wind fegt bei -2° über den Parkplatz. Da kannst Du Dich nicht lange ohne zu frieren aufhalten, denn Deine „Rennkleidung“ ist ja dem Laufen und nicht dem Stehen gewidmet. Also, eine kurze Ansprache, Stirnlampen an und los geht’s. Zur weiteren Sicherung haben einige Leute Leuchtwesten angelegt.
Zunächst laufen wir einige Straßen, um bei Dunkelheit nicht sofort ins Gelände zu gehen. Wenige Autofahrer begegnen uns zu so früher Stunde. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere angesichts der Läuferschar Halluzinationen erleidet und dem Alkohol abschwört.
Etwa in Höhe Wannebachtal verlassen wir den bequemen Weg und nähern uns auf trailigen Wegen dem Ortsteil Syburg. Es ist immer noch sehr kalt, auch wenn der Körper durch die Bewegungsabläufe Wärme produziert. Durch das Fürstenbergholz gelangen wir in den erweiterten Bereich der Hohensyburg, laufen parallel zur gesperrten Serpentine Richtung Hengsteysee. Nach einem Flachstück erreichen wir den Fuß der Serpentine, und dort auch die Verpflegungsstelle, die von „Mattins“ Frau liebevoll zusammengestellt ist. Inzwischen ist die Sonne zu sehen, aber es ist immer noch bitterkalt. Du gewöhnst Dich aber an die frostigen Temperaturen, nur das Stehen ist eben nicht so gut.
 
 
Aufgetankt mit Getränken und Süßigkeiten sowie belegten Broten geht es nun zur Sache. Wir müssen vom Hengsteysee über einen Trailpfad hoch zur Burgruine, von dort hinüber zum Denkmal. Boah, da steigt der Puls nach wenigen Metern bis zur Explosionsgrenze, ich gerate in einen Wiegetritt. Der bringt mich zwar langsam aber stetig bergauf. Im letzten Teil wird es noch einmal richtig hart, dann ist es geschafft. Wir stehen auf der Syburg und blicken ins Tal. Eine kurze Verschnaufpause zu Füßen des Denkmals, dann treibt uns die Uhr weiter.
Der nächste Höhepunkt ist nur wenige Kilometer entfernt: Der Ebberg. Zunächst einharmlos erscheinender, sanfter Anstieg, der mit zunehmender Distanz steiler und steiler wird.
Du muss den Kopf schon ganz in den Nacken stecken, um am Ende das Naturfreundehaus am Gipfel erkennen zu können. Auch hier hilft mir der bewährte Wiegetritt, ruhig und besonnen hinaufzuklettern.
Vorne laufen inzwischen die schnellen Läufer, zu denen auch Uwe zählt, während sich hinten die Teilnehmer befinden, die den Lauf und die Landschaft genießen wollen. Dabei ist Schnelligkeit eben relativ.
Noch einige „Ups“ und „Downs“, schon nähern wir uns dem Ausgangspunkt und treffen auf die Starterinnen und Starter, die sich für den Glühweinlauf über 16 Kilometer entschieden haben.
Puh, der erste und gleichzeitig längste Teil der Strecke über 26 Kilometer liegt hinter uns. Während der kurzen Rast sehe ich Uwe, der sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Veranstaltung ist. Ich bin ebenfalls sehr angetan von der Organisation und dem Verlauf.
In einer sehr großen Gruppe starten wir nach kurzer Stärkung zu einem Rundkurs durch den Aplerbecker Wald. Auch hier Steigungen ohne Ende, jeder kann sich nach Herzenslust austoben.
Schnell zieht sich das Feld auseinander, zumal viele Teilnehmer eben nur die 16 km laufen und noch frisch und ausgeruht sind. Aber auch eine Menge LäuferInnen aus der Marathonabteilung ist in der Lage, das Tempo mitzuhalten. Darunter befindet sich wiederum Uwe, der es heute wissen will. Als wäre er zum Kletterkönig geboren, eilt er Steigung um Steigung hoch, immer in vorderer Reihe.
 
Ich weiß nach wenigen Metern nicht mehr, wo ich bin, jeglicher Orientierungssinn kommt abhanden. Da ist es hilfreich, einige streckenkundige Läufer der Endorphinjunkies um mich zu haben.
Nach neun Kilometern erreichen wir wieder den Ausgangspunkt, noch einmal wird Zwischenverpflegung aufgenommen. Hier verlassen uns viele Teilnehmer, ihnen reichen wohl die zurückgelegten neun Kilometer und sie widmen sich dem reichhaltig bestückten Büfett.
Wir aber, inzwischen zu zwei überschaubaren Gruppen geschrumpft, müssen noch sieben Kilometer durch den Schwerter Wald laufen, denn ein Marathon soll es heute schon sein. Wieder und immer wieder müssen wir Steigungen bewältigen. Wer hat die wohl alle hier eingebaut? Aber das Finish entschädigt für alle Qualen und Strapazen. Wir laufen ein letztes Mal über die Fußgängerbrücke am Freischütz und sind am Ziel. Mein Marathon Nr. 58 ist beendet.

Und was uns im Ziel erwartet, ist aller Ehren wert. Neben heißen und kalten Getränken, ja, es gibt auch Bier mit Umdrehungen, bieten uns die Junkies eine reich bestückte Tafel an: Bratwürste, Salate und Kuchen. Jeder Teilnehmer kann sich nach seinem Geschmack bedienen. Da stören uns auch Kälte und Wind nicht, die unangenehm durch die Wechselkleidung kriechen. Uwe und ich halten eine geraume Zeit aus, führen Gespräche mit Ultraläufern und merken ganz schnell, dass wir mit unseren etwa 3000 Kilometern in 2011 am unteren Ende der Skala rangieren.
 
 
Ein gelungener Lauf, klasse organisiert und durchgeführt von engagierten Läufern, den Endorphinjunkies. Wir bedanken uns für die hervorragende Betreuung. Und Uwe erhält sogar noch einen Pokal: Er gewinnt die Bergwertung am „Junkies-Hill“, einem Berg der Hors Categorie nach Tour de France. Er hat sich sehr darüber gefreut. Dieser Pokal ist ein Wanderpokal, muss also im nächsten Jahr „verteidigt“ werden. Abschließend erhält jeder Finisher eine geschmackvoll gestaltete Urkunde.

Hundemüde und erschöpft, aber überglücklich fahren wir nach Hause in der Hoffnung und mit der Absicht, im Jahre 2012 wieder dabei zu sein.
 
von Wolfgang Seebacher
 
Laufsport bunert in Dortmund - Der Profi rund ums Laufen

Medisport-Lauf - Institut für Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung, Fitness- und Präventivtraining

ACTIVE Sportshop in Hamm - Laufen, Nordic Walking, Triathlon

foot power Dortmund - Schmerzen beim Laufen? Hier findest Du Hilfe...




Home | Nach oben | Laufgeschichten | Veranstaltungsberichte | Ergebnisse