Projekt "Hamburg unter 4"
von Thomas Kühnen

Auf unserer Liste der großen Marathon-Läufe in Deutschland sind in diesem Jahr Hamburg und Frankfurt an der Reihe. Nach Claudias Pech mit einer Magenverstimmung in Münster sollten nun endgültig die vier Stunden unterboten werden. Diesmal wollten wir zusammen laufen, haben auch zusammen seit Februar einen perfekten Trainingsplan diszipliniert abgelaufen, immer zusammen, immer in Claudias Tempo.
Dirk und Anke Fischer, im letzten Jahr bereits mit bei den Riesenbecker Six-Days, wollten ihren ersten Marathon in Hamburg absolvieren. Wir hatten uns gemeinsam im Mercure-City Hotel zu einem relativ günstigen Tarif einquartieren können, am Samstag ging es dann los. Unsere Töchter auch dabei, die wollten Hamburg auch bei der Gelegenheit kennenlernen. Gegen 11 Uhr am Samstag ins Hotel, die Kinder zum Shoppen in die City, wir zur Messe auf’s Heiligengeistfeld. Die Sonne brannte vom Himmel, und in den Messezelten eine dementsprechende Luft. Es sollte das Menetekel für den kommenden Tag werden.
Nachmittags noch alle zusammen eine Hafenrundfahrt (sitzen strengt nicht so an!), dann fanden wir einen mäßigen Italiener mit größeren Wartezeiten als Essensportionen. Da wir keine Lust mehr hatten, viel herumzulaufen, schauten wir das Pokalfinale dann in der Hotellobby. Ich Schalker, Dirk MSVer – das Resultat ist bekannt. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen.

Ich habe diesbrzüglich ein optimistisches Gemüt. Wir hatten toll trainiert, fühlten uns gut in Form. Wir hatten sogar 14 Tage zuvor mit Dirk’s Provinzial-Staffel beim Düsseldorf-Marathon sozusagen eine Generalprobe hingelegt. Für mich gab es keinen Gedanken, dass etwas schief gehen könnte. Ich würde Claudia schon ins Ziel bringen, bevor die 4 Stunden herum waren, und hatte mir vorgenommen, den Lauf einmal anders zu genießen, da ich ja nicht permanent an meinem Limit laufen musste. Noch im Bett diskutierten wir über die Taktik. Claudia hatte von Peter Greif’s Homepage einen Trainingsplan, der 15 km in 5:35er Pace, dann 10 in 5:30er und dann den Rest in 5:38 vorsah. Ich hatte einen auf 5:38, 5:35 und 5:40 erstellt. Claudia entschied sich für den schnelleren, weil er auch mehr Puffer bot. Ich war aber dennoch überzeugt, dass sie es draufhat und widersprach nicht.
 
Morgens das übliche, 6 Uhr aufstehen, leichtes Frühstück auf dem Zimmer. Den Trinkrucksack für mich fertiggemacht, damit Claudia nicht auf die Verpflegungsstände angewiesen sein sollte, und dann ab zur U-Bahn. Erst noch warten auf Dirk und Anke, die noch nicht fertig waren. Claudia wurde hier schon unruhig. Sie hatte zudem leichte Kopfschmerzen und wirkte angespannt. „Freu Dich, das ist hier Spaß und Du wirst es heute schaffen“, aber diese Worte haben Claudia wohl nicht so richtig erreicht. Sie hat heute wohl nicht mein natürliches Selbstbewusstsein.
Das Wetter war bereits um 8 Uhr ziemlich warm, nein drückend. Eine Kühle der Nacht hatte es wohl nicht gegeben. Die Trainingsanzüge für den Anmarsch hätten wir uns sparen können.
In der U-Bahn noch ein paar nette Worte mit anderen Läufern, dann auf’s Heiligengeistfeld. Nach Klamottenabgabe noch ein paar Fotos für die Dokumentation des großen Tages, die obligatorischen Dixi-Besuche.
 
Dann ging es ab auf den Millerntordamm, Startaufstellung. Schon jetzt war der Asphalt warm, auf den ich mich setzte. Claudia blieb lieber stehen. Der Startblock G(3:45 – 4:00) füllte sich. Wir hatten uns ziemlich vorne eingereiht, wollten gleich unser Tempo laufen. Mir war klar, dass ich wohl zu Beginn die Bremse würde geben müssen. Vor dem Start sang ein seltsamer Opernsänger eine Hamburg-Hymne, die ich nicht kenne. Dann Start der Rollis und Handbiker. Und schon wieder der Opernsänger: Jetzt mit dem Deutschland-Lied. Obwohl mir bei dem Gesang fast die Ohren abfielen, erzeugt unsere Hymne bei mir schon eine Gänsehaut. Irgendwie Länderspiel-Atmosphäre.
Dann geht’s los. Anglasen heißt das hier, was das ist habe ich nicht verstanden. Jedenfalls ein komischer Ton. Die Blockstarts sind gut organisiert, wir kommen um 9:05 gut weg, unser Tempo stimmt sofort. Das heißt, es stimmt nicht. 5:28, 5:30,5:32,5:33. Erst ab km 5 gelingt uns mit 5:34 zwei Mal ein Kilometer annähernd im geplanten Tempo. Es geht über die Reeperbahn, immer leicht bergauf. Es ist schwül-heiß, die Stimmung draußen aber toll. Das weiße Rathaus von Altona, irgendwann die Wende, und auf der Elbchaussee zurück. Getränkeversorgung über meinen Rucksack läuft fast ohne Tempoverlust, traumhafte Ausblicke auf den Hafen lassen mich die Hitze vergessen. Ich quatsche ein wenig auf Englisch mit einem netten Dänen, der hier seinen zweiten Marathon läuft. Claudia geht’s gut, ich zweifle nicht am Erfolg.
Dann geht es steil hinab zum Fischmarkt, dahinter die Landungsbrücken. Wir lassen ein wenig laufen, 5:13 dieser Bergab-Kilometer. Dann wieder Bergauf, Fazit nach 13 Kilometern: Immer zu schnell, selbst für Claudias ambitionierten Plan. Als Bremser versage ich trotz aller Anstrengungen.
Unsere Töchter stehen am Rand und fotografieren, wir grüßen sie kurz, dann geht’s hinab in einen Tunnel vor dem Hauptbahnhof. Der Garmin versagt seinen Dienst. Keine Kontrolle, nur noch das Kilometer-Bändchen am anderen Handgelenk. Das ist für einen Kontrollfreak wie mich eine Katastrophe! Die Läufer machen eine „Welle“ im Tunnel.
 
Dann wieder hinaus und hinauf ans Licht, ich mache meine Uhr kurz aus, sie findet den Satelliten sofort wieder. Aber als Entfernungs- und Zeitkontrolle kann ich den vergessen. Die Sonne brennt und Claudia fällt es schwerer, unser Tempo zu halten. Am Junfernstieg endlich eine Dusche zum Durchlaufen, es erfrischt jedoch nur kurz. Claudia meint, wir sollten die geplante Beschleunigung ab km 15 auf 5:30 besser lassen. Ich richte mich also nach ihrem Tempo, versuche sie durch Gespräche abzulenken. Mir fällt aber nicht viel ein. Wir schaffen aber die 5:30 fast immer, obwohl Claudia das Tempo vorgibt. Ihr Kreislauf macht jedoch Probleme.
Die Stimmung ist weiterhin super. Ich bin jetzt bemüht, am Getränkestand 3-4 Becher zu greifen, damit Claudia sie sich über die Arme schütten kann. Die Hitze drückt. Die Halbmarathon-Marke ist erreicht, 1:56, zu schnell, aber ausreichend Puffer. Claudia bittet, das Tempo zu reduzieren. Ich versuche, auf 5:45 runterzugehen. Am Straßenrand Leute mit einem festlich gedeckten Tisch einschließlich Kerzenleuchter. Coole Sache! Immer noch relativ voll am Streckenrand. Aber das erreicht Claudia nicht mehr. Sie bleibt das erste Mal stehen. Ich baue sie auf: „Komm, ein paar Kilometer etwas langsamer, dann geht es wieder.“
Sie läuft langsam wieder an. Schnell sind wir wieder in 5:35er Pace. Noch passt unser Zeitpolster, aber es schrumpft. Wir wissen das beide. Und in Claudias Gesicht sehe ich nur noch Leere! Aber wir laufen, ich erzähle noch mal von Münster 2010, wo ich bei 20 schon meine Krise hatte, mich 8 km an eine Läuferin gehängt habe und danach super weiterlaufen konnte. Es hilft nicht. Sie bleibt wieder stehen, setzt sich auf den Bordstein. Immer häufiger werden Läufer behandelt, liegen auf Tragen, eilen Sanitäter an die Strecke.
Km 28 ist eine Qual, wir laufen, aber elend langsam. Die 4 h-Zugläufer müssen jetzt durch sein, wir sehen die Ballons vor uns. Claudias Alptraum aus Münster wiederholt sich. Und die Sonne brennt, die Schwüle drückt. Ich wechsele die Tonart, schreie meine Frau an: “Wir haben nicht 3 Monate nach Plan trainiert um hier stehenzubleiben“, „Du bist fit, es ist eine Kopfsache“,“Verdammt, lauf“. Es hilft bedingt. Wir schleppen uns mit 6er Pace dahin.
Andere Läufer sehen mich schon komisch an. Ein Sanitäter fragt: „Geht’s?“ – ich raunze ihn an „Die kann laufen“. Ich versuche, noch eine neue Bestzeit in Aussicht zu stellen. Unter 4:05 ist noch drin, wenn wir jetzt halbwegs weiterlaufen könnten. Claudia bleibt stehen, setzt sich wieder hin, Km 32, alles aus? Ich flehe sie an, habe Tränen der Wut und Enttäuschung in den Augen und bin froh, dass ich eine verspiegelte Brille aufhabe. Claudia sagt nur, ich solle laufen. Allein weiter? „Wir ziehen dass hier zusammen durch, Du wirst das nicht aufhalten“ schreie ich wieder – die anderen gucken teilweise entsetzt, teilweise belustigt auf unser Schauspiel.
Claudia will mich wieder allein weiterschicken. Ja, das hatten wir für den Fall der Fälle abgesprochen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, den Lauf zu beenden, Aber ich kann meine Frau doch nicht zurücklassen!
 
Wir gehen weiter. Ich will sie zumindest ins Ziel bringen, bin im Moment unendlich traurig, dass ich versagt habe, dass auch ich meine Frau nicht unter vier Stunden bringen kann. Ich denke an Berlin 2007, wo wir zuletzt zusammen laufen wollten und Claudia Rückenprobleme bekam. Wir sind 11 km zusammen gegangen und haben gefinisht, aber da ging es nicht. Jetzt kann ich nicht einsehen, warum es nicht gehen soll. Die Zuschauer rufen Claudias Namen, ermuntern sie zum weitermachen. Es hilft nichts. Dann siegt die Wut, Ich will nur noch laufen. Einvernehmlich trennen wir uns. Ich glaubte hier nicht mehr, dass Claudia ankommt.
Ein neuer Lauf. Ich laufe allein weiter, wütend trommeln meine Schuhe auf die Straße. 4:54 der nächste Km, ich fliege an Elendsgestalten vorbei, so wirkt es auf mich. Ich werde wohl in der Lage sein, mein Marathon-Renntempo von knapp unter 5 mal für 9,5 km zu halten! Ich verdränge den Gedanken an Claudia. Du hast sie nicht im Stich gelassen – Du hättest nicht mehr helfen können. Sie ist in der Großstadt, nicht in der Wüste Gobi, Thomas. Soll sie doch mit der U-Bahn zum Ziel kommen!
Diese Gedanken ziehen mich runter, die Körpersprache der anderen Läuferinnen und Läufer tut ihr übriges. 5:19, 5:08, 5:11, ich pack’s auch nicht mehr. Gel rein, mein erstes heute bei km 37 oder so. Hilft auch nicht mehr. Die Strecke scheint immer nur bergauf zu gehen. Was soll das alles, Ziel nicht erreicht. Ob ich jetzt in sub 4 oder knapp drüber reinkomme – es würde mir nichts geben. Ich will nur das Marathon-Feeling, kaputt zu sein. Und das bin ich.
Auf meine Uhr ist wegen des Tunnels kein Verlass. Bei 35 hing eine Uhr, knapp 35 Minuten noch für gut 7 km. Bei 40 km gehe ich am Getränkestand, ich brauche Wasser. Ich habe mich auf Claudia konzentriert und wohl auch das eigene Trinken vergessen. Das rächt sich. Dennoch bin ich immer noch schneller als alle anderen um mich herum. Aber ich weiß, dass sich alle hier etwas anderes vorgenommen hatten und jetzt nur noch ankommen wollen.
Viele gehen permanent. Bei vierzig etwa 3:55 auf der Zentraluhr. Netto waren’s 5 Minuten weniger, also noch mal los. Es geht nicht. Trotz toller Stimmung, 5:19. ich bin entsetzt von mir, aber mein Kopf ist nur noch leer. Willkommen im Club der Verlierer, sage ich mir. Ist natürlich Blödsinn, aber das Hirn ist ein selbstständiger Körperteil, es denkt was es will. Wer will jemand Verlierer nennen, der sich über 35 km durch die Hitze gequält hat?
Bergauf, immer bergauf. Dann die Zielgerade, 600 lange Meter. Ich ziehe an. Hoch bis auf 4:10, dann im Ziel. 4:07 brutto zeigt die Uhr. Ich bin platt. So wollte ich es. Wasser, Wasser. Leider gibt es erstmal nichts, es ist alle und wird gerade neu geholt. Ich knie vor einer Helferin und lasse mir die Medaille umhängen, es wird mit freundlichem Lächeln quittiert. Mein Handy zeigt, dass meine Töchter versucht haben, mich anzurufen. Ich treffe sie am Ausgang. Es gab wohl ein Terminal, an dem die Zuschauer die Zeiten „Ihrer“ Läufer an den einzelnen Mess-Matten abfragen konnten. Tanita sagte mir, dass Claudia bereits über die 40 km-Matte sei. Meine Stimmung hellte sich auf. Sie hat es geschafft, ihren Schweinehund zu überwinden.
 
Ich warte am Übergang Zielzone – Nachzielbereich, sehe sie aber nicht. Dann klingelt mein Handy. Claudia ist schon bei der Klamottenausgabe. Sie sieht zwar nicht glücklich aus, aber sie ist im Ziel. Eine 4:11er Zeit, noch zwei Minuten besser als in Münster. Und ich sah sie schon in der U-Bahn…
Wir diskutieren kurz meine untauglichen Motivationsversuche durch, Claudia ist mir nicht böse. Es war ja so abgesprochen. Trotzdem, wir haben es wieder nicht geschafft. Der Laufplan zu schnell, das Wetter zu schwül…egal. Mit Anstand zu Ende gelaufen!
Auch Anke kommt ins Ziel, 4:44. Ein paar Minuten später Dirk. Anke sieht irgendwie glücklicher aus. Glückwunsch, sie dürfen sich ab heute Marathonis nennen. Unsere Long-Jogs waren nicht umsonst.
Alles in Allem war Hamburg ein toller Lauf. Das Preis-Leistungs-Verhältnis war diskussionswürdig, auch wenn es bei uns dann Bier gab, soviel man wollte. Aber eine Tolle Stimmung und eine interessante Strecke, nicht zu vergessen die tolle Stadt. Aber ein Bestzeitmarathon war es nicht – jedenfalls nicht 2011!
Zu Hause haben wir in Ruhe analysiert. Und Claudia wird es wieder versuchen. Irgendwann. Ohne mich. Und sie wird es schaffen!
von Thomas Kühnen
 
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