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Angst
vor dem Unbekannten
von Sonja Petri |
Diese
Zeilen zu schreiben hat etwas gedauert. Ich musste“
das Erlebte“ erst mal körperlich und geistig verarbeiten.
Die letzten Wochen und Monate war der bevorstehende IM Mittelpunkt
in meinem Leben. Woche für Woche haben wir viele Stunden
trainiert. Noch mehr Stunden hat man über die Langdistanz
nachgedacht, geredet, gelesen. Dein Leben dreht sich um das
Training (bis 20 Std/Wo), Schlaf, (früh ins Bett und
früh wieder raus), Essen (man würde am liebsten
alles um sich herum verspeisen) und trinken (die Küche
wird zum Sammellager von Iso-Pulver- Dosen oder sonstigem
Zeug). Deine Freizeit besteht aus Schwimmtreffs (z. B. am
See), langen Radausfahrten und endlos langen Läufen am
Wochenende. (Du bist sonntags von früh bis spät
unterwegs und fällst danach müde ins Bett). Arbeiten
musst Du ja auch noch zwischendurch. Ich frage mich heute,
wie ich es manchmal nach einer Laufeinheit und anschließendem
Schwimmtraining geschafft habe, zur Arbeit am Nachmittag zu
gehen, um dort noch jede Menge Obst und Gemüsekisten
hin und her zu packen. Irgendwie geht es, irgendwas treibt
Dich an und gibt Dir Kraft. (Hut ab, vor allen die nebenbei
kleine Kinder haben!)
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Deine
Gespräche drehen sich um Triathlon-Erfahrungen, Trainingsprogramme
etc. Du saugst alles auf, was mit einer Langdistanz zu tun
hat: Technik, Ernährung, Trends…. Du liest Dich
durch Bücher, Hefte, findest im Internet die merkwürdigsten
Berichte und Websites zum Thema Ironman/Langdistanz. Du freust
Dich über jedes neue Teil Deiner Ausrüstung, die
stetig wächst. Du machst Dir ellenlange Checklisten,
was Du alles an Material für den Wettkampf noch benötigst
und hoffst nichts zu vergessen. Du beobachtest kritisch Deine
Fortschritte und lobst Dich selbst, wenn Du zum ersten Mal
eine Strecke über 3 km am Stück geschwommen bist
oder die erste Radeinheit über 150 km ging. Du träumst
davon, in Vollzeit trainieren zu können und fragst dich,
wie ein Mensch Spaß daran haben kann, 152 x im 25m-Becken
hin und her zu schwimmen oder sich für 7 Stunden aufs
Rad zu setzen. Du veränderst Dich, nicht nur körperlich,
auch geistig. Du fühlst Dich hundemüde, bist aber
voller Energie. Du bist viel optimistischer, selbstbewusster.
Du bist Stolz. Du fragst Dich ständig, ob es die richtige
Entscheidung war, sich für eine Langdistanz anzumelden.
Du besteigst Höhen und fällst in tiefste Täler.
Du denkst an den Wettkampftag. Planst im Kopf, wie alles ablaufen
könnte, was alles passieren könnte. Aber wie schon
gesagt, es kommt immer anders als man denkt… |
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Dann
ist es endlich soweit… der 24. Juli 2011 beginnt für
mich morgens um 3.15 h mit drei unterschiedlichen Weckmelodien
(bloß nicht verschlafen). Ich hatte tatsächlich
die Augen zu und etwas geschlafen! Sofort bin ich hellwach
und weiß was heute los ist. Noch mal in Gedanken den
letzten Kleiderbeutel durchgehen. Alles drin? Zum Glück
gibt man ja am Tag vorher die anderen zwei Beutel und das
Rad ab, so hat man am Wettkampftag ein paar Sorgen weniger
(falls denn alles drin ist).
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Dann
wird „gefrühstückt“ und Du bereitest
Dich vor. Die Wettkampfbekleidung steht schon lange fest und
liegt parat. Da ja das Wetter an diesem Tag so richtig mies
werden sollte, habe ich wenigstens zum Radfahren noch ein
paar Teile mehr zum Überziehen dabei. Und ganz langsam
kriecht Dir die Nervosität den Nacken hinauf.
Im Racehotel stehen jetzt jede Menge Athleten gleichzeitig
mit uns vor dem Aufzug. Das beruhigt nur etwas, "bist
also nicht allein mit der Angst vor dem Unbekannten“.
In der Hotel Lobby haben wir an allen Türen gerüttelt,
abgeschlossen!! Ein bisschen Panik bricht aus… doch
nicht. Der Notausgang ist gefunden. Da stehen die Shuttle-Busse…
einer fährt grade los… Markus beruhigt mich: “Es
kommen schon noch mehr“. |
Einen
Sitzplatz haben wir uns ergattert, bloß nicht noch vorher
stehen. Der Bus fährt los, 4.20 Uhr steht auf der großen
Stand-Uhr an der Haltestelle. Gut, dann wir haben ja noch
genug Zeit, denke ich. Der Bus fährt und fährt.
Irgendwie kommt mir die Fahrt endlos vor. Dann fahren wir
erst zweimal, dann dreimal um den Flughafen?? Die Fahrt wird
immer länger... warum sind wir extra so früh los?
Was ist mit den ganzen anderen, die später losgefahren
sind, schaffen die es überhaupt noch? |
Endlich
am See angekommen strömen tausende Triathleten und Besucher
im Halbdunkeln zur Wechselzone. Die Sonne geht auf. Das gibt
allen Zuversicht. |
Ich nehme die nasse Folie vom Rad, alle Sachen werden zurecht
gelegt. Helm, Brille, Startnummer… In die Radschuhe
stecke ich noch ein paar Socken. Alles wird 100 x gecheckt
und kontrolliert. Dann noch einmal das Dixi-Klo aufsuchen,
jetzt sind die Schlangen kilometerlang, alles nervöse
Menschen um einen herum. Neoprenanzug anziehen, den Hals vorsorglich
einfetten. Da entdecken wir schon unsere „Fans“
am Zaun. Jetzt wird es wirklich ernst… Schnell „Hallo“
gesagt (Lächeln klappte noch) und dann geht alles recht
schnell. Die Nationalhymne ertönt, ich fasse Markus an
der Hand (das beruhigt etwas) und gemeinsam gehen wir mit
tausend anderen Athleten, die alle gleich aussehen (Pinguine
mit grünen Köpfen), zum Schwimmstart.
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Spannung
liegt in der Luft, kalter Sand zwischen den Zehen. Die Profis
starten vorweg und plötzlich stehe ich schon im Waldsee
und sehe nur noch Köpfe mit grünen Badekappen und
Schwimmbrillen, unter denen sich einige panisch dreinschauende
Augen verbergen. Das Wetter schaut doch ganz gut aus. Ich
reihe mich ziemlich rechts außen ein, bloß nicht
vorne ins Gewühl. Verabschiede mich für heute von
Markus und endlich geht es los.
Ich komme ganz gut durch das „Haifischgetümmel“.
Die große Powerbar-Flasche auf der anderen Uferseite
fest im Blick, finde ich meinen Rhythmus, bleibe ruhig und
schwimme viel zu weit außen. Aber dafür hab ich
Platz. Beim Zwischenausstieg lass ich mir Zeit. 2,2 km habe
ich schon geschafft, bis ich von unseren lauthals rufenden
Fans angefeuert werde, und fange an, ins Wasser zu rennen.
(Blöd!)
Die zweite Runde kommt mir viel länger vor, obwohl die
Strecke viel kürzer ist. Zeit, nicht erwähnenswert!
Beim Ausstieg rufen mir viele Leute zu. Auch Diana und Judith
sind dabei. „Nur“ den Sandberg hoch und mein Rad
finden. Das klappt und es regnet! Na toll. Meine Sachen sind
schon völlig durchgeweicht! Das kann ja heiter werden.
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Mein
„Helferlein“ (er soll ja „nur anreichen“)
hat wohl Mitleid. Und so hilft er mir den Neo von den Füßen
zu ziehen, in mein langärmliges (enges) Schultershirt
reinzukommen (nass, gar nicht so einfach). Ich setze meinen
Helm auf, knack? Was war DAS? Mein Verstellriemen hinten ist
offen! Kaputt, Gerissen? Hilfe, Nein! Plötzlich steht
eine Referee-Tante vor mir: „Wenn er Dir jetzt noch
einmal hilft, nehmen wir Dich aus dem Rennen… Klebeband
können wir Dir noch geben!!!" |
Mit
zitternden, kalten Fingern, hab ich es irgendwie geschafft
(wie, weiß ich gar nicht mehr), diese winzige Kunststoff-Klammer
wieder rein zubekommen. Sie war nicht kaputt, aber ich dachte
für einen Moment, es wäre Das Aus für mich.
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Also
rauf aufs Rad und los. Da stehen schon die Ersten mit Pannen
am Straßenrand. Es schüttet wie aus Kübeln
(Containern), das ist mir egal, ich fahre durch. Fahre und
fahre, zum ersten Mal nach Frankfurt rein, an der Wechselzone
vorbei und wieder raus aus der Stadt. Es läuft echt gut,
nur durch den starken Gegenwind und ewigen Regen war es sehr
kalt. Nach 30 min merke ich meine Füße schon nicht
mehr. Ich überlege mir die Socken auszuziehen, sonst
„weichen die Zehen ja noch mehr durch“. Angehalten
und die Socken ausgewrungen und frage mich, wie ich mit diesen
Füßen (???) noch einen Marathon laufen soll!
Überall an der Strecke und in den Dörfern stehen
trotz des Wetters Zuschauer und feuern uns an. Verpflegen
klappt auch super, meine Oberrohrtasche ist ständig gefüllt.
Die Hügel fahren sich “leicht“ in der ersten
Runde! Die Zuschauer tragen einen den Berg hinauf. Bei „The
Hell" überhole ich auf dem nassen Kopfsteinpflaster
noch andere bergauf. (Bergauf? Ich kenn mich ja selbst kaum
wieder.) |
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Plötzlich
hinter mir ein Hubschrauber, kurze Zeit später überholt
mich Faris al Sultan. Er fliegt an mir vorbei, für ein
paar Sekunden. Ein zweites Mal erreiche ich die City. Wieder
regnet es in Strömen, hier ist trotzdem viel los. Da
werde ich von Carolin Steffen und der Motorrad-Kolonne überholt.
5,5 Std. laufen gut, Ewigkeiten gegen den Wind. Dann vermisse
ich Kilometerangaben und habe die Verkehrsschilder verpasst,
wie lange ist es noch? Die zweite Runde wird schwerer, die
Beine sind platt. Es stehen weniger Zuschauer da und die Berge
werden auf einmal furchtbar laaang. Der Gegenwind in den Feldern
nimmt zu und ich friere. Viele Athleten spornen sich gegenseitig
an. Ich sehe einige Unfälle und noch mehr Pannen am Wegesrand.
Bloß nicht SO was! Ich merke dass ich langsamer werde.
Bin ich in der ersten Runde doch zu schnell gefahren? Du musst
ja noch ein „bisschen laufen“!!! Endlich, nach
7:19 h komme ich zur Wechselzone 2 und steige vom Rad. Ich
bekomme meinen roten Beutel gereicht und die Helferdame bewundert
noch meine Laufschuhe. Ich versuche irgendwie meine Kompressionssocken
über meine aufgequollenen Füße und Beine hochzuziehen.
Schwierig. |
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Hätte
ich doch mein Fahrradtrikot angelassen. Aber die Sonne kommt
um 16 Uhr raus und so laufe ich wie geplant im Sommer Top
los. Den ersten Red Bull als Wachmacher hinter mir, habe ich
tierische Rückenschmerzen auf der ersten Runde und das
Gefühl, die Radschuhe wären noch unter meinen Laufschuhen
montiert. Ich komme gar nicht vom Fleck und als ich das erste
Mal an unserer (treuen) Fankurve vorbeilaufe, muss ich nicht
grad fröhlich drein geschaut haben. Es entstehen „gruselige
Fotos“. Die erste Runde war auch furchtbar, weil ich
dachte ich sei die einzige, die noch kein Armbändchen
hätte. Bin ich letzte hier? Alle die an mir vorbei eilten
oder schlichen, hatten ja schon wenigstens eins!
Die Kilometerschilder kamen. Hier soll ich also noch 3mal
vorbei! Mein erstes Ziel wurde daher: “Erstes Bändchen
kriegen“. Das war leichter gesagt als getan. Ich musste
gehen, entgegen meinem Plan, wenigstens 20 km durch zu laufen.
Ich wollte, es ging aber nicht! Mein Magen-Darm-Trakt spielte
nun auch noch verrückt! Dixi-Klo? Ja oder Nein? Die Zeit
rann mir wie Sand aus den Fingern.
Ich lernte Marco kennen. Er war gerade Vater geworden, war
noch nie über 20 km gelaufen und saß noch nie mehr
als 80 km im Sattel! Hallo? Ihm ging es nicht viel besser
als mir und so teilten wir unsere Qual durch zwei. Jeder spornte
so den anderen an.
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Die
Zuschauer und Helfer waren einfach klasse! Immer wieder ein
Lob, gutes Zureden, verpflegen, anfeuern. Irgendwie halfen
mir Red Bull und Koffein-Gels weiter. Gehen und laufen bis
zur nächsten Brücke, bis zum nächsten Stand
immer im Wechsel. Magenprobleme, die wurden im Gehen schlimmer,
also doch laufen… Es fing wieder an zu schütten,
dazu ein starker Wind auf den Brücken. Ich fing an zu
zittern. Die Zuschauer waren so tapfer dachte ich mir, wie
halten die das bloß aus hier? Einer schenkte mir ein
rotes Regencape. Ich habe es mir im Laufen übergezogen
(a la Rotkäppchen). So egal, hauptsache etwas mehr Wärme.
Durch den Regen wurde es relativ früh dunkel. Marco hatte
ich irgendwo endgültig auf der Strecke verloren, er wollte
mir doch zu viel zu Fuß gehen. Ich wollte immer nur
meine Bändchen holen. Es waren ja inzwischen 3! |
Einige
Ecken auf der Strecke waren kilometerlang und einsam geworden.
Das ist die Strafe wenn Du immer so langsam bist, Sonja! Mir
gingen sehr viele Sachen durch den Kopf, ich kann gar nicht
genau sagen, was alles. Jedenfalls versuchst Du alles, um
Dich von der Schwierigkeit der Situation abzulenken. Aber
keine einzige Minute habe ich daran gedacht aufzugeben! Niemals,
egal wie ich durch dieses Ziel kommen würde. (Erlaubt
war nach den Regeln: laufen, krabbeln oder rollen!) Um hier
zu überleben war das Wichtigste: immer wieder selbst
motivieren, aufbauen und an sich glauben. |
Ich
war in der letzten Runde, Novemberwetter, nur die treuen Helfer
reichten noch Getränke und Reste der Verpflegung an.
Ich bekam sowieso nichts mehr runter… “Noch 7
km“, rief mir jemand zu! Was?.. ich hab auf die Uhr
geschaut. Es wurde knapp. Aus der Ferne höre ich Lautsprecherdurchsagen
und Partystimmung am Römer. Das letzte Bändchen
eingesammelt, die letzte Brücke überquert, die letzte
Verpflegungsstelle. Andere Athleten die schon ihre Räder
abholen, feuern Dich an. Das Ziel naht und ich hole alle Reserven
raus (wo waren die denn noch versteckt?) |
Endlich
kann ich auch rechts abbiegen, hier stehen jede Menge Zuschauer.
Der nette Strecken-Clown schenkt uns Mädels Rosen. Ich
fange an zu rennen. (Ach, jetzt geht’s doch, Sonja?)
Wow, alle jubeln nur Dir allein zu, denke ich. Markus sehe
ich hinter einer Absperrung stehen. Irgendwie bin ich zu schnell
reingelaufen. Schon vorbei? Zielfoto? Es kamen grad wohl noch
zu viele auf einmal rein.
Ein Helferlein geht mit mir in den Athletengarten, Fotos machen.
Oh je. Jetzt? Da steht Markus plötzlich vor mir. Ich
klammere mich an Ihn und fange vor Freude an zu heulen. Ich
hab’s geschafft! Das Duschen war nicht so leicht. Mit
der Bewegung hapert es, alles fühlt sich an wie steif
gefroren. (Noch nicht mal Duschgelproben mitgenommen... Hm?)
Essen? Nee. Danke. |
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Finisher-Shirt
abgeholt, (meine bestellte Größe weg, Toll!) Es
gibt nur noch Herren-Shirts, na ja. Marco wiedergetroffen
und gratuliert. Aus dem Zelt raus um die anderen zu treffen,
da wird mir plötzlich übel. Schon stehen Sanis hinter
mir. „Nee, im Leben nicht leg ich mich heute auf eine
Trage!" Nach einem Dixi-Klo-„Besuch“ bin
ich wieder „fit“. Dank unserer treuen Fans kam
ich auch wohlbehalten im Hotelzimmer an und schlief sofort
ein.
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Danke
Markus für die Nach(t)arbeiten an unserer Kleidung. Ich
war zu nichts mehr in der Lage. Nach 3 Stunden Schlaf war
ich plötzlich hellwach und wir haben uns die nächsten
3 Stunden über den “längsten Tag des Jahres"
unterhalten. Ich werde ihn wohl nie vergessen! Ziel erreicht
und das bestimmt nicht zum letzten Mal. |
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