 |
|
 |
| |
Laufen
um des lieben Friedens Willen
von Wolfgang Seebacher |
Am
Pfingstmontag soll der erste Start nach der Hitzeschlacht
von Hamburg erfolgen. Nicht irgendein Lauf, sondern ein Halbmarathon
(HM) wird angestrebt. Was eignet sich dazu besser als ein
Lauf vor der eigenen Haustür, ein Traditionslauf im Dortmunder
Westen, in Kirchlinde, nahe der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel?
Ich melde mich bereits einige Tage zuvor über das Internet
an, Lauffreund Uwe tut dies nach Aufmunterung durch mich etwas
später. |
Die
Überlegung, nur 3 Wochen nach dem kräftezehrenden
Marathon von Hamburg wieder „etwas zu tun“, wird
zunächst beiseite geschoben. Doch je näher sich
das Ereignis in den Focus schiebt, kommen in mir Zweifel auf.
Ein richtiges, speziell ausgerichtetes Training habe ich nämlich
nach Hamburg gar nicht durchgeführt. Bleibt also „Kamerad
Hoffnung“, d. h. unter 2 Std. werde ich wohl bleiben
(können). War ich zumindest bis jetzt immer mit Ausnahme
des Rothaarsteig-HM. Aber das war eine andere Liga mit einigen
hundert Höhenmetern und insofern mit einem „normalen“
HM nicht vergleichbar. |
So
sitze ich am frühen Montagmorgen nach nächtlichen
Selbstzweifeln und Grübeleien auf der Bettkante und prüfe
die Brauchbarkeit meiner Beine. Abtasten von Unterschenkeln
mit leichter Druckmassage im Wadenbereich: Nichts Auffälliges,
nur die üblichen Verhärtungen. Auf und ab der Fußzehen:
Keine Beschwerden, Gelenke leicht beweglich. Und die Farbgebung
der Zehnägel ist wie immer: Einige sind blau, darunter
auch der von mir sogenannte „Immer-Blau“, den
kenne ich gar nicht anders. Also auch das wie gewohnt. Beschaffenheit
der Oberschenkel, eh’ ok. Ich finde absolut nichts,
was ich als Ausrede für mein Nichterscheinen in Kirchlinde
anführen könnte, denn ich verspüre wirklich
keine Lust auf einen Wettkampf. Dabei habe ich mich am Vortag
noch mit Uwe auf einen Zeitpunkt geeinigt, zu dem er mich
mitnehmen möchte. Also, alles Ausreden hilft nichts.
Du musst aufstehen. |
Mühsam
und von jeder persönlichen Bestzeit weit entfernt lege
ich den Weg ins Bad zurück, um meine Lebensgeister aufzumuntern
und mich ein wenig aufzubrezeln, denn wenn ich schon nicht
der schnellste Aktive bin, will ich wenigstens zu den feschen
Leuten gehören.. Uwe kommt bald, um mich abzuholen, und
da muss ich fix reisefertig sein. Die beste Ehefrau der Welt
spürt mein inneres Ungleichgewicht intuitiv, da bedarf
es keiner großen Reden oder Erklärungen. Sie betrachtet
mich nicht mitleidig oder sorgenvoll sondern neutral nach
dem Motto: Er wird es schon schaffen, bislang hat er es immer
geschafft. Nun muss ich dazu anmerken, dass ich vor 15 Jahren
schon in Kirchlinde gelaufen bin, allerdings gab es damals
nur den 10er. Und der war anstrengend genug, denn Du musst
zum Schluss bergan laufen, über einen Kilometer geht
es hinauf. Beim HM hast Du zwei identische Runden vor Dir,
was nicht zur Vereinfachung beiträgt. Auh weiah, das
wird ja was. Hoffentlich wird es nicht wieder so schwül
wie in Hamburg. Nach den Wetterprognosen wird es mild mit
lockerer Bewölkung, aber niederschlagsfrei. |
Ich
entnehme der Voranmeldeliste, dass nur insgesamt vier Teilnehmer
aus meiner Altersklasse starten. Wer weiß, wie viele
sich noch nachmelden? Viele Bekannte sind angekündigt,
darunter auch Wernfried, das war unser Mentor für Hamburg,
und Manfred, ebenfalls ein Starter in Hamburg. Webmaster Frank
und Freundin Marion wollen laufen, ebenso wie Werner Franz
und Peter Teuber von den Wischlingern.
Meine Tasche ist inzwischen gepackt, Uwe ist pünktlich.
In zügiger Fahrt, wer ist an diesem Morgen auch schon
so früh unterwegs, geht es nach Kirchlinde. Auf dem für
die Teilnehmer vorgesehenen Parkplatz treffen wir auf Manfred
und Andreas, einen weiteren Läufer aus unserer Truppe.
|
|
|
Uwe
und ich bereiten uns gewissenhaft wie immer auf den Start
vor: Nach dem Lächeln für den Fotografen traben
wir in Richtung Start, das sind geschätzte 500 Meter
mit einer kleinen ungewollten Zugabe durch eine beschauliche
Eigenheimsiedlung. |
|
|
Wir
sehen in die Richtung, in die wir laufen müssen, toll,
es geht wie geschildert bergab. Hoffentlich kommen wir genau
so gut wieder den Berg hoch. Noch wenige Minuten bis zum Start.
Die 10er und wir beginnen gemeinsam. Ist einfacher für
den Veranstalter. Die ersten Kilometer legen beide Gruppen
gemeinsam zurück, bis wir einen größeren Bogen
durch ein Waldgebiet laufen als die 10er, um dann eine 10,55
KM-Runde zu erreichen. So weit, so gut. Kurz vor Rennbeginn
finden wir uns im gut gefüllten Startbereich ein. Lauffreund
Uwe verabschiedet sich von meinem Radarschirm, ich werde ihn
unterwegs im Vorbeilaufen und dann erst wieder im Ziel wahrnehmen. |
Ein
herzliches „Hallo, Wolfgang“, neben mir. Kordula,
meine Samariterin Kordula ist tatsächlich gekommen. Sie
hat sich kurzfristig entschieden, den 10er zu laufen. Ein
lockeres Gespräch, dann ertönt der Startschuss,
und die Jagd beginnt. Wohl wissend um die Tücken der
Strecke versuche ich gleich zu Beginn, mein Tempo zu finden.
Um mich herum wird sofort Tempo gemacht, vor allem von den
10-KM-Läufern. Wir verlassen bebautes Terrain und tauchen
in den Wald, den Rahmer Wald, ein. Du hörst keine Gespräche
mehr zwischen den Läufern, nur heftiges Atmen und Schnaufen
durchbricht die Stille der Natur. Waldwege, grob befestigt,
bilden nun den Untergrund. Weil der Kurs winkelig ist und
im Zick-Zack verläuft, stehen an jeder Gabelung und Kreuzung
aufmerksame und freundliche Streckenposten, die uns den richtigen
Weg beibehalten lassen. |
Nach
einiger Zeit kommen mir die schnelleren Läufer nach Durchlaufen
einer Waldschleife entgegen. Ich erkenne Wernfried, Uwe und
einige andere. Die haben schon einen gehörigen Vorsprung
rausgelaufen. Macht nix, ich versuche, mein Tempo beizubehalten.
|
Jeder
Kilometer ist für jede Distanz in einer anderen Farbe
gekennzeichnet, da weiß ich immer, wie ich in Relation
zu den 10ern stehe. Selbstverständlich habe ich auch
meine Garmin Super-High-Tec-GPS-Uhr am Handgelenk, und der
Pulsmesser zeigt genau an, was das Herz schlägt. Zugegeben,
es schlägt gut, zu gut, denn mit zunehmender Distanz
beginnt die Frequenz zu steigen, ein Zeichen, dass ich zu
schnell unterwegs bin. Unverständlich, zumal ich im Grunde
gleichmäßig schnell oder langsam laufe, je nach
Betrachtungswinkel. Also gut, ich reduziere das Tempo, die
Frequenz sinkt wieder, na also. Das hat allerdings zur Folge,
dass ich die angestrebte Zwischenzeit bei KM 10 nicht erreichen
kann. |
Ich
verlasse den Wald und nähere mich wieder dem Ausgangspunkt,
die 10er überholen mich jetzt sehr zahlreich, denn für
sie geht es nun in den Endspurt, und das gehörig bergauf.
Ok, ruhig Blut, Du hast noch eine Runde, bloß in dieser
Phase nicht unnötig Körner verbrauchen. |
Ich
laufe um eine Verkehrsinsel, greife gierig nach ein, zwei
Bechern Wasser, leere sie und begebe mich auf die zweite Runde.
Das gleiche Spiel wie im ersten Durchgang. Diesmal fehlen
allerdings die 10er, Du bist allein, allein mit Dir, doch
nicht so ganz. Immer mehr Spaziergänger, einige mit nicht
angeleinten Hunden, und Radfahrer übernehmen den Wald.
Rücksichtnahme auf Läufer ist oft nicht angesagt.
Sei’s drum, ich laufe mein Rennen, erklimme auch zum
zweiten Mal den Berg zum Ziel und finishe unter 2 Stunden.
Dass ich in meiner AK dann Siebter bin, habe ich im Inneren
nicht erwartet, denn es haben doch noch viele nachgemeldet.
|
|
|
Kurz
vor der Ziellinie gelingt es Frank doch tatsächlich,
mich in meinem unwiderstehlichen Endspurt einzufangen. Links
neben dem Herrn in gelb steht Kordula. Sie feuert mich auf
den letzten Metern noch einmal kräftig an. Toll ihr strahlender
Blick. Du siehst, sie fiebert mit. |
|
|
Das
war’s dann endgültig. Im Ziel werde ich von vielen
Mitstreitern begrüßt. Waren die denn alle schneller
als ich? Nein, etliche sind nur die 10er Strecke gelaufen.
Das ist des Rätsels Lösung.
Im Ergebnis: Toller Lauf, gelungene Veranstaltung, auch wenn
für uns HMler kein Alkoholfreies als „Zielverpflegung“
mehr vorhanden ist und der Ausdruck der Urkunden zeitlich
verzögert erfolgen kann. Wenn ich es einrichten kann,
möchte ich im nächsten Jahr an gleicher Stelle wieder
starten.
Wer sagt’s denn? Trotz der pessimistischen Einstellung
am frühen Morgen. Ende gut, alles gut. |
Jetzt
freue ich mich auf den Marathon am Möhnesee. Und deshalb
bin ich bereits wieder in ein (verkürztes) Langstreckentraining
eingetreten. |
|
|
 |
|
 |
|
|