Die rote Sonne von Barbados Monschau
von Marion Fladda

Es ist Samstagabend. Frank und ich sitzen in unserem Monschau-Quartier beim Abendessen. Unsere „Henkersmahlzeit“ liegt vor uns auf dem Teller und aus den Lautsprechern des Speiseraums dudeln die Flippers mit der roten Sonne von Barbados. Eine BestOf-CD der Flippers läuft den ganzen Abend und lullt uns in Urlaubs-Sonnen-Träume ein. Dabei schauen wir aus dem Fenster und gucken uns eine dicke, dunkle Wolkendecke an. Vielleicht sieht es ja morgen anders aus. Und wir sollten Recht behalten…
Sonntagmorgen, 6:00
Wir sitzen beim Frühstück und stellen fest, dass sich das Wetter tatsächlich geändert hat. Es schüttet. Draußen scheint die Welt unterzugehen. In unseren Köpfen dudelt immer noch die rote Sonne von Barbados und sorgt zumindest in unseren Köpfen für Sommerfeeling.
Gegen 7 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Start. Die Scheibenwischer geben alles, um das Wasser von der Scheibe zu bekommen. Zwischen meinen Beinen liegen zwei Müllsäcke, die wir uns im Hotel erbettelt haben, um nicht schon im Startfeld total durchnässt zu sein. Frank singt in einer Tour „Die Rote Sonne von Barbados“ und lacht sich über das Wetter kaputt. Der Refrain wird immer wieder unterbrochen durch Äußerungen, wie „Boah, voll das Wetter!“
Ich nehme mir die Säcke vor und reiße Löcher für die Köpfe rein. Wobei ich mir bei dem Wetter den Sack lieber ohne Loch überziehen würde. Allerdings würde das wahrscheinlich merkwürdig aussehen… ein wandelnder Müllsack aus dem „Die rote Sonne von Barbados“ dudelt. Frank hat es auf jeden Fall geschafft, dass auch ich dieses Lied vor mich hin singe.
 
 
Um kurz vor acht stehen wir im Startfeld. Ein ungewohntes Bild bietet sich uns. Überall stehen Läufer mit Regenschirmen. Und das so kurz vor dem Start. Wir treffen hier den holländischen Läufer Rinus, der auf Youtube einen Film vom Monschau-Marathon 2010 veröffentlicht hat. Er hatte letztes Jahr eine Kamera dabei und hat eine kleine Marathon-Dokumentation gemacht, bei der man richtig mitfühlen konnte und mit der wir uns bereits im Vorfeld auf heute eingestimmt haben.
Um acht Uhr geht es dann pünktlich los. Schon nach einigen Metern bin ich klitschnass. Es geht die ersten Kilometer bergab und ich entscheide mich dafür, erst einmal laufen zu lassen.
Da noch genug bergauf auf mich wartet, kann ich hier erstmal was Zeit gut machen. Es geht rutschige Engpässe hinunter mit Schieferplatten, die gute Möglichkeiten zum Hinfallen bieten. Aber nicht für mich. Ich habe die Angst umzuknicken einfach abgelegt und gehe einfach immer davon aus, dass ich überall heile durch komme. So einfach ist das. Allerdings ist mein Lauftempo auf diesen Abschnitten sehr bescheiden, so gut funktioniert das mit dem positiven Denken also doch noch nicht. Meine Schuhwahl ist auf jeden Fall heute für diese rutschigen Wege genau richtig. Die Innovate von Footpower aus Dortmund haben einfach super Gripp, sind leicht und geben trotz ihrer dünnen Sohle viel Stabilität.
Nach einigen Kilometern passieren wir Monschau, das selbst bei diesem schlechten Wetter eine wunderschöne Kulisse bietet. Wir verlassen Monschau schon kurz darauf wieder und tauchen ein in die Wälder der Eifel. Es geht nun immer wieder rauf. Steile Waldwege bauen sich vor mir auf. Schon nach den ersten Steigungsmetern merke ich, dass ich nicht voll im Saft bin. Ich merke meine Beine irgendwie nicht. Sie sind zwar nicht leer, aber sie fühlen sich auch nicht kraftvoll an. Anscheinend ist der Bad Pyrmont Marathon mit seinen 690 Höhenmetern vor zwei Wochen doch noch nicht zu 100 % verarbeitet. :-)
Die Kilometer von 10 bis 22 sind besonders anspruchsvoll. Steile Rampen und kilometerlange Anstiege mit Starkregen im Gesicht spülen mir auch den letzten Hauch von den Flippers aus dem Kopf. Anstelle der roten Sonne von Barbados läuft nun „I’m still standing“. Ich versuche irgendein anderes Lied auf meinen gehirninternen MP3-Player zu bekommen. Irgendwas, das mich motiviert, die Berge rauf zu hüpfen. Aber ich habe keine Chance. „I’m still standing“ hat sich jetzt fest gebrannt. Auf den Laufstücken außerhalb des Waldes schlägt mir der Regen frontal ins Gesicht. Es regnet nicht nur sehr feste, es ist zu dem auch noch richtig stürmisch.
Apropos stürmisch. Irgendwann überholt mich ein Läufer und bremst dann plötzlich vor mir ab. Ich komme wieder näher an ihn ran und als er nur noch knapp einen Meter vor mir ist, lässt er seiner Gasentwicklung freie Fahrt. Dies lässt sogar mein unheimlich motivierendes Lied für einen Moment verstummen. Er forciert das Tempo wieder und ist nach einigen Minuten wieder entschwunden. Ich schmunzele über diese Situation und kämpfe mich weiter durch den Regen.
Trotz des schlechten Wetters warten überall gut bestückte Verpflegungsstellen mit freundlichen und aufmunternden Helfern auf die Läufer. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an all die netten Helfer, die bei dem Wetter einen wirklich harten Job hatten.
 
 
Es geht immer weiter durch die Eifel mit ihren nicht endenden Höhenmetern. Ich hatte mir im Vorfeld das Höhenprofil angesehen und mir gemerkt, dass die letzte Steigung bei km 35 endet. Mit dem Wissen, dass ich gleich nur noch runter laufen muss, kämpfe ich mich die letzten Kilometer rauf. Die Kilometer ziehen sich, wie Kaugummi. Endlich erreiche ich die 35 und bin froh nun nur noch runter laufen zu müssen. Es geht ein paar Meter runter, was sich allerdings auch nicht mehr so schön anfühlt. Meine Füße brauchen definitiv Feierabend. Meine Beine laufen nur noch unkoordiniert die Wege entlang. Und dann geht es auf einmal wieder rauf. Wie rauf? Es geht immer wieder rauf. Anscheinend ist mein Talent Profil-Karten zu lesen, genauso gut ausgeprägt, wie einparken und Straßenkarten lesen.
Auf den letzten Kilometern geht es durch ein Verpflegungszelt hindurch, in dem neben einer üppigen Verpflegung eine super Stimmung herrscht. Hier bekommen Körper und Geist noch mal den nötigen Ansporn, die letzten Kilometer zu bewältigen. Auf dem letzten Kilometer geht es dann schließlich noch mal steil bergauf. Nach 42,195 km, 750 Höhenmetern und 4 Stunden und 22 Minuten komme ich endlich ins Ziel. Es ist jedes Mal ein so unbeschreibliches Gefühl, diese magischen 42,195 km geschafft zu haben.
Vielen Dank an die gute Organisation und natürlich auch an Petrus, denn durch dieses ausgesprochen harte Wetter werde ich diesen Marathon so schnell nicht vergessen. :-)
von Marion Fladda
 
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