Salzkotten Marathon mit Betonung auf „Salz“
von Marion Fladda

Es ist Anfang Juni und das Wetter ist hochsommerlich. Frank und ich haben uns für dieses Wochenende den Salzkotten Marathon ausgesucht. Er ist gar nicht mal so weit von unserer Heimat entfernt und somit für uns fast schon ein Heimspiel. Die Wettervorhersage für Sonntag sagt bewölktes, schwül warmes Wetter bis 30° C vorher, mit Regen und Gewitter im Laufe des Tages. Das ist eigentlich nicht gerade ideales Laufwetter, aber was soll's. Wir werden den Marathon schon schaukeln.
Am Sonntagmorgen machen wir uns um 7 Uhr zusammen mit unserem Lauffreund Helmut auf die Reise nach Salzkotten. Das Wetter ist, wie versprochen, bedeckt und schwül. Gegen 8 Uhr erreichen wir unser heutiges Marathon-Revier. Wir besorgen uns die Startunterlagen und erledigen die üblichen Dinge, die man vor einem Marathon noch zu erledigen hat.
Um 8.57 Uhr stehen Frank und ich zusammen mit Helmut und Christoph, zwei Laufbekannten, im Startfeld. In drei Minuten geht es los. Die Luft fühlt sich unheimlich schwer und zäh an. Sie erinnert an Waschküchenluft. Warm und feucht. Ich blicke zu den Füßen hinab und begutachte die Schuhe der Mitstreiter. Mein Blick bleibt an einem Champion-Chip haften. Ich gucke das gelbe, runde Ding an und fange an darüber nachzudenken, wann ich das letzte Mal meinen Chip in den Fingern hatte. War das heute Morgen? Die richtige Antwort müsste „Ja“ lauten, denn sonst hätte ich jetzt 3 Minuten vor dem Start ein kleines, rundes, gelbes Problem.
 
Leider kann ich mich überhaupt nicht daran erinnern, den gelben Chip angezogen zu haben. Ich gucke auf Franks Knöchel. Kein gelber Chip vorhanden. Ich blicke auf meine Knöchel. Kein gelber Chip. Ich gucke auf die Uhr. Weniger als drei Minuten bis zum Start. Ich gucke Frank schockiert an und mache ihn auf das Fehlen der gelben Chips aufmerksam. Wir blicken beide herunter zu unseren nackten Knöcheln. Auweia. Das ist uns bisher auch noch nicht passiert. Wir haben tatsächlich unsere Chips im Auto vergessen.
 
Wir wühlen uns durch das natürlich schon total volle Startfeld hindurch und spurten zu unserem Auto. Der Puls ist bereits jetzt schon am Anschlag. Die Beine fühlen sich wie Pudding an. Wir kramen die Chips aus der Tasche im Kofferraum und jagen wieder zurück zum Startfeld. Glücklicherweise haben wir nur in ein paar hundert Metern Entfernung zum Start geparkt. Auf einem Bein hüpfend versuchen wir während unseres Sprints möglichst Zeitsparend den Chip am Knöchel zu befestigen. In der Sekunde, in der wir zusammen mit unseren gelben Chips das Startfeld erreichen, hören wir den Countdown. 5…4…3…2…1…Schuss. Es geht los.
Über fehlendes Adrenalin können wir uns heute jedenfalls nicht beklagen. Voll gepumpt mit Stresshormonen traben wir los.
Die Wolken am Himmel sind mittlerweile dünner geworden und die Sonne strahlt mit aller Kraft auf uns herab. Wir verlassen Salzkotten und laufen durch die umliegenden Felder. Schon jetzt ist die Hitze der Sonne deutlich zu spüren. Und das bereits um neun Uhr morgens. Daher entschließe ich mich, schon am ersten Verpflegungsstand zu trinken.
Als ich nach zwei Kilometern die erste Verpflegungsstelle anvisiere, erlebe ich noch eine Premiere. Ich versuche an den Tisch mit den Getränken zu kommen und werde bei dem Versuch unliebsam von einem Mitläufer weg geschupst. Er schiebt mich einfach weg und drängelt sich zum Wasser vor. Was stelle ich mich auch frecherweise in den Weg? Irritiert durch den Vorfall drehe ich ab und lasse das Wasser Wasser sein.
Frank und ich laufen weiter. Wir Marathonis müssen heute eine Halbmarathonrunde zwei Mal absolvieren und teilen uns die erste Runde mit den Halbmarathonis und Staffelläufern. Ein langes, buntes Läuferfeld schlängelt sich durch die Felder. Ein schöner Anblick. Wir durchqueren mehrere kleine Ortschaften, in denen eine super Stimmung herrscht.
Bereits auf dem ersten Viertel der Strecke setze ich mich etwas von Frank ab und versuche trotz Hitze einen Angriff auf die vier Stunden Marke. Auf die Uhr gucke ich dabei aber nicht. Ich laufe nach meinem Gefühl und wenn es reicht, dann ist es schön und wenn nicht, dann ist es ebenfalls schön.
Die Sonne brennt immer mehr. Der Asphalt unter den Füßen fängt an zu kochen. Wie soll es erst in der zweiten Runde werden?
Der Schatten ist sehr mager gesäht und so kommt es, dass ich versuche, jeden Flecken Schatten mitzunehmen. Dabei komme ich mir vor, wie bei der Kindersendung "1, 2 oder 3", bei der man von einem Feld zum anderen hüpft. Und so kommt es, dass ich nicht annähernd eine Ideallinie laufe. Im Gegenteil. Wahrscheinlich habe ich durch die ganzen Schlangenlinien heute einen Ultra-Marathon abgetrabt.
 
Ich nähere mich der Halbzeit und blicke auf die Uhr. Halbmarathondistanz unter zwei Stunden. 3:30 Minuten Puffer bis zur 2 Stunden Grenze. Das läuft bisher unerwartet gut und ich begebe mich nun in die zweite Runde, aber bereits nach den nächsten paar hundert Metern weiß ich, dass ich „sub 4“ für den heutigen Tag abhake. Die Luft ist drückend warm und beim Atmen fühlt sie sich schwer und feucht in der Lunge an. Die Hitze kommt von überall her.
 
Es waren mehr Halbmarathonis am Start, daher wird die Strecke nun in der zweiten Runde sehr leer. Ich laufe fast alleine. In ca. 400 m Entfernung sehe ich einen Orangenen und in ca. 100 m einen Weißen. Das war es auch schon. Ich laufe über eine Landstraße. Vollkommen frei von Schatten. Das Gras am Rand ist vertrocknet und braun. Es knistert unter der glühenden Sonne. Irgendwelche Grashüpfer-Tiere zirpen dazu und verwandeln den Salzkotten Marathon in einen gefühlten Wüstenmarathon.
Mein Blick wandert die Straße entlang. Sie endet an einem Punkt am Horizont. Über dem Asphalt wabert heiße Luft.
Mein Kopf fühlt sich furchtbar warm an. Hätte ich mir doch eine Mütze aufgesetzt. Ich bekomme bestimmt einen Sonnenstich. Hoffentlich gehen nicht noch mehr Gehirnzellen zu Grunde. Die Verpflegungsstellen kommen alle zwei Kilometer, immer zusammen mit einer Dusche und Wannen voll mit kühlem Wasser.
Mir sind die 4 Stunden mittlerweile egal und ich entscheide mich dazu, an jedem Stand drei Becher zu trinken und meinen Körper vernünftig zu kühlen. Das kostet zwar Zeit, aber so werden zumindest nicht allzu viele Gehirnzellen gar.
An einer Verpflegungsstelle blicke ich schon gierig zu dem kühlen Wasser in der Wanne und freue mich wahnsinnig darauf, einen kalten Schwung Wasser über meinen Kopf zu kippen. Da sehe ich, wie der Läufer vor mir die Wanne anrempelt und sie vom Tisch stößt. Das kühle, erfrischende Wasser rinnt die Straße entlang. Nun geht es halt leider ohne Erfrischung über Feldwege und Landstraßen weiter.
 
Der Himmel strahlt in einem satten Blau und ist inzwischen vollkommen frei von Wolken. Die Sonne brennt. Mein Nacken fängt an zu schmerzen. Ich habe das Bedürfnis, mit irgendetwas meinen Kopf abzudecken. An einem Straßenrand erblicke ich einen kleinen Jungen mit einer bunten Kindermütze. Ich spiele mit der Idee, den Jungen zu fragen, ob er mir seine Mütze leiht, doch ich ignoriere den Gedanken und laufe weiter.
Es geht weiter auf einem einsamen Feldweg entlang. Der Orangene ist kaum mehr zu sehen. Der Weiße hat sich auch weiter abgesetzt. Ich löse meine Startnummer und versuche mir die Startnummer auf den Kopf zu schnallen. Das muss doch irgendwie möglich sein. Nummer auf den Kopf und Gummiband unter dem Kinn schick zusammen binden. Leider klappt das nicht, weil meine Nummer durch die vielen Duschen total zerfleddert ist. Ich binde sie mir wieder um den Bauch und kämpfe mich weiter durch die Hitze.
Der Abstand zum Weißen ist langsam kleiner geworden. Ich komme an einen Verpflegungsstand, an dem ein Krankenwagen steht. Hinter einer Hecke arbeiten die Sanitäter an einem Läufer. Ich kann das Piepen des EKGs hören. Ein bedrückendes Gefühl erfüllt mich. Ich laufe weiter und drehe mich irgendwann um. Hinter mir ist weit und breit kein Läufer mehr zu sehen. Vor mir ist der Weiße, der inzwischen nun nur noch geht. Ich überhole ihn und laufe weiter.
Bei 31 km schaue ich auf meine Uhr. 3/4 der Strecke sind geschafft. Erstaunt blicke ich auf eine 3:01. Ich bin gar nicht so viel langsamer geworden. Ich könnte ja noch versuchen… dennoch entscheide ich mich vernünftigerweise dafür, jede Verpflegungsstelle zum Abkühlen und sorgfältigen Trinken zu nutzen.
Langsam aber stetig nähere ich mich dem km 42 und somit dem Ziel. Bei km 40 geht es tatsächlich über eine Straße. Ein Polizist stoppt den Verkehr und lässt mich passieren. Ich muss an meinen Traum vor ein paar Tagen denken, in dem ein Polizist genau in so einer Situation sich dafür entscheidet, die Autos durchzulassen und mich auszubremsen. Aber heute darf ich zum Glück weiter laufen.
 
Es geht auf die letzten Meter. Ich bin alleine. Weit vor mir sehe ich noch eine Staffelläuferin entschwinden, aber sonst befindet sich nur brütende Hitze um mich herum. Was für ein Marathon. Ich will einfach nur noch in den Schatten. Ich komme auf die Zielgerade und sehe die Uhr: 4:14.

Ich passiere die Ziellinie und werde von einem Arzt empfangen. Er fragt mich, ob es mir gut geht und unterhält sich mit mir. Eine ausgesprochen tolle Sache. Ich fühle mich nach dieser extremen Belastung sofort gut aufgehoben.
Ich schlendere erschöpft aber zufrieden mit meiner Medaille und einer kalten Apfelschorle an einen kleinen Bach, ziehe meine Schuhe aus und tauche meine kochenden Füße in das kühle Wasser. Ich habe fertig.
von Marion Fladda
 
Nachtrag von Frank:

Nachdem Marion mich bei km 3 "stehen gelassen" hat, habe ich meinen eigenen Kampf mit der Hitze ausgefochten. Die im Abstand von gut 2 km verteilten Getränkestände waren ohne Ausnahme mit sehr freundlichen "Tankwarten" ausgestattet. Überall bekam ich immer wieder ein paar freundliche, motivierende Worte. Drei- oder viermal habe ich mir jedes Mal mit vollen Händen Wasser über den Kopf geschüttet und meine Unterarme in die Becken getaucht.

Auch die Streckenposten, die sich ebenso wie wir stundenlang in der Hitze aufhielten, klatschten ohne Ausnahme bei jedem vorbei trabenden Läufer und munterten uns damit immer wieder auf.
Die gute Stimmung in den Ortschaften, die wir durchliefen, die Orchester, die trotz Hitze munter aufspielten, und die Moderatoren unterwegs auf der Strecke sorgten dafür, dass wir uns auf den kilometerlangen geraden Feldwegen nicht aufgaben und immer wieder auf den nächsten Ort freuten.
 
Der Empfang im Ziel durch einen Arzt, der uns unsere Medaille aushändigte und ein paar Worte mit jedem Finisher wechselte, erzeugte in mir das Gefühl, wirklich gut aufgehoben zu sein. Der kühle Bach und die anschließende Massage durch das Personal eines Lippstädter Krankenhauses, die für uns sogar auf ihre Eispause verzichtet haben, rundeten das Marathonpaket hervorragend ab.
Unser Fazit: Der Salzkotten Marathon ist absolut empfehlenswert. Und mit Hitze muss man bei einem Juni-Marathon nun mal rechnen.
 
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