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Der
Untertagemarathon aus einer anderen Sicht
von Marion Fladda |
3.
Dezember 2011
Frank und ich erwachen irgendwo in Thüringen. Es ist
noch stockdunkel und totenstill. Das Hotel ist noch nicht
besetzt und daher wartet auf uns anstatt eines üppigen
Marathonfrühstücks nur eine Lunchtüte mit einer
Kanne Kaffee. Vier belegte Brote mit Wurst und Käse,
dazu ein Apfel und eine Orange.
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Während
wir uns durch die Tüte mümmeln, checke ich meinen
Gesundheitsstatus. Das Resultat ist nicht sehr befriedigend.
Mein Kopf ist voll mit zähflüssigem Sekret. Jede
Bewegung erzeugt stechende Schmerzen im Kopf. Der Kreislauf
ist vollkommen in Ordnung. Treppensteigen erzeugt keinerlei
Anstrengung oder Kurzatmigkeit. Schwierige Entscheidung. Wahrscheinlich
würde sich durch die Bewegung das Sekret verflüssigen
und ich könnte es abschnupfen, aber wäre es wirklich
vernünftig in diesem Zustand, sich einer solchen Belastung
auszusetzen? Auch wenn man es nicht direkt merkt, können
solche Belastungen im erkälteten Zustand zu allerlei
Langzeitschäden führen. Die Vernunft siegt. Ich
entscheide mich für‘s Zugucken. |
Wir
packen unsere Sachen und machen uns auf den Weg zum Bergwerk.
Meine Gedanken kreisen immer noch um die Frage, ob ich laufen
soll oder nicht. Wahrscheinlich gibt es genug Läufer,
die sich in diesem Zustand Aspirin Complex rein pfeifen und
dann laufen. Ich bin da mehr das Weichei oder nur vernünftig?
Oder habe ich Angst vor der Herausforderung der 880 Höhenmeter
und trockenen, salzigen Luft? Seit ich mich gedanklich mit
dem Untertagemarathon beschäftige, denke ich an die große
Belastung für die Gesundheit. Habe ich mit der Kraft
meiner Gedanken etwa eine Erkältung angezogen, um dort
nicht laufen zu müssen? |
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Wir
erreichen das Bergwerk und holen unsere Unterlagen. Es ist
unheimlich kalt. Für mich ist die Entscheidung nun endgültig
gefallen. Ich laufe nicht! Ich warte hier oben auf Frank.
Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst in einer kleinen
„Gondel“ an einem 700 m langen Seil unter die
Erde gebracht zu werden. Die Vorstellung in die „Gondel“
zu steigen und unter sich fast einen Kilometer „nichts“
zu haben, lassen meine Knie weich werden. |
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Frank
macht sich startklar und wir gehen zum Förderturm. Er
ist blau beleuchtet und wirkt irgendwie unheimlich. Wir stellen
uns in die Läuferschlange und auf einmal wächst
in mir eine gewisse Neugier. Wie ist es wohl da unten? Ist
es wirklich so schön warm da? Hier oben ist es bitter
kalt. Die Kälte hat sich schon komplett durch meine Sachen
gearbeitet. Ich zittere am ganzen Körper. Die Neugier
mit der „Gondel“ unter die Erde zu fahren wächst
und mit ihr auch das Verlangen nach Wärme. Wir sind bald
an der Reihe und steigen in den Fahrkorb. Ich will nur noch
raus aus der Kälte. Platzangst und Beklemmungen sind
mir nun vollkommen egal. Hauptsache ist, dass das Frieren
gleich aufhört. |
Es
geht runter. Die Wände rasen an uns vorbei. Die Ohren
sind im nu zu. Es wird wärmer und schon sind wir angekommen.
Der Gummi-Vorhang der „Gondel“ wird geöffnet
und warme, etwas muffige Luft strömt uns entgegen. Eine
unterirdische, kleine Stadt erschließt sich uns. Musik
ertönt aus den Boxen und wie auf allen anderen Laufveranstaltungen
schlendern Läufer herum und bereiten sich auf ihren Lauf
vor. Die Tatsache, dass wir fast einen Kilometer und der Erde
sind, scheint hier unten niemanden zu beschäftigen. |
Um
10 Uhr machen sich dann die Marathonis auf die Reise durch
die Erde. Eine gut 5 Kilometer Runde ist achtmal zu bewältigen.
Summa summarum sind es dann 42,195 km. Da ich einen Eindruck
von der Strecke bekommen möchte, mache ich mich mit meinem
Helm und meiner Stirnlampe auf den Weg. Ich will die Runde
einmal abgehen. |
Die
Wege sind sehr dunkel. Alle paar Meter hängt irgendwo
eine Funzel und spendet etwas Licht. Ich fange im Gehen bereits
nach ein paar Metern an zu schwitzen. Es geht direkt steil
bergauf. Der Boden ist voller Salzstaub und an manchen Stellen
durchzogen von kristallisiertem Salz. Hier ist es sogar etwas
rutschig. Ich bin ganz alleine. Die Läuferschar ist schon
weit weg und die Zuschauer warten im ausgebauten Start- und
Zielbereich. Die Atmosphäre ist unglaublich beeindruckend.
Ich geistere durch eine verlassene, verstaubte Welt. Am Rand
stehen überall alte Autos und Maschinen, die von einer
dicken Salzschicht bedeckt sind. Man kann nur erahnen, dass
sie irgendwann einmal ihre Arbeit verbracht haben. |
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Im
Licht meiner Lampe sehe ich das Salz, wie es durch die Luft
wabert. Es geht steil bergauf. Dass zu laufen ist bestimmt
unheimlich Kräfte zehrend. Mein Kopf drückt. Meine
Nebenhöhlen machen sich immer wieder mit stechenden Schmerzen
bemerkbar. Es ist doch gut, dass ich mich fürs Zugucken
entschieden habe. Im Schein meiner Stirnlampe taucht auf der
linken Seite ein grünes, eingestaubtes Dixi auf. Sofort
denke ich an Frank. Ob es ihm wohl gut geht?
Gegen 10:25 Uhr überholt mich der Erste. Wow, Wahnsinnstempo.
Ich habe keine Ahnung bei welchem Kilometer ich mich befinde,
aber 6-7 Kilometer hat er bestimmt schon weg. Und das auf
dieser unglaublich anspruchsvollen Strecke. |
Ich
bleibe stehen und spende jedem Läufer Applaus. Bald sehe
ich Frank. Er hat eine Runde geschafft und ist schon sehr
erschöpft. Er läuft weiter und ist schon bald in
der Dunkelheit verschwunden.
Ich mache mich auch weiter auf den Weg. Es geht immer wieder
rauf und runter. Die Luft erinnert mich an die Luft in Tankräumen.
Warm und muffig. Mein Mund ist salzig. Und das nur vom Spazieren.
Die Tatsache, dass ich 700 m Erdreich über mir habe,
habe ich erfolgreich aus meinem Bewusstsein verdrängt.
Der Mensch ist in solchen Sachen wirklich ein Verdrängungskünstler. |
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Ich
erreiche bald wieder den Start- und Zielbereich. Hier warte
ich auf Frank, der sich über die Runden quält. Ich
sehe immer wieder Läufer, die aussteigen und aufgeben.
Und das schon nach drei oder vier Runden. Überall sind
Läufer, die auf Bänken hängen oder humpelnd
durch die Unterwelt kriechen. Hoffentlich übersteht Frank
das gesund. Runde um Runde kämpft er sich weiter.
Nach 5 Stunden geht er in die letzte Runde. Jetzt hat er es
gleich geschafft. Mittlerweile ist bereits fast ein Drittel
der Läufer ausgestiegen. Ich gehe Frank entgegen und
warte auf ihn. Es ist mittlerweile ganz leer und einsam in
den Gängen geworden. |
Und dann kommt Frank um die Kurve. Jetzt hat er es geschafft.
Endspurt. Er hat den Kampf gegen die 42,195 km, die salzig-trockene
Luft und die 880 Höhenmeter gewonnen! Herzlichen Glückwunsch!
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