Von Kaisern, Königen und Legenden
von Heiko Thoms

Sonntag, 17.04.2011 - Marathontag
Gitarren- und Sirenenlärm. Kein durchgeknallter Musiker, sondern der Alarm unserer modernen Smartphones weckte uns. Kaum zu glauben, Ralf ist sogar eher auf als ich. 6 Uhr verrät der Blick zur Zeitmaschine. Zeit zum Aufstehen. Die zwei hellen Brötchen und der Kaffee sollen spätestens um 7 Uhr verputzt sein.
Ralf hat gestern schon einen Anreiseplan entworfen. Und überhaupt ist er recht gut vorbereitet. Auf einem Streckenplan hat er die Punkte 1-8 markiert, an denen er stehen möchte um mich anzufeuern. Neben den Punkten schreibt er die Durchgangszeit, die ich ihm vorhersage. "+- 2 Minuten", prophezeie ich.
7:30 Uhr. Ralf nervt schon. "Los, los, los!" bölkt er. "Was ist los mit Dir? Ich wusste gar nicht, dass Du so eine Schlafmütze bist". Das sagt der Richtige, der schlecht gelaunt vom Brötchen holen kommt, nur weil ihn die Leute auf der Straße "so früh einfach nerven".
Wir verlassen unverzüglich die Wohnung und fahren mit Straßen- und U-Bahnen sicher und zeitgerecht in den Startbereich.
Ja, das Wetter meint es heute gut mit uns. Zu warm, zu kalt, zu nass - alles hätte heute sein können. Aber der Wettergott schickte uns einen blauen Himmel bei maximal 16 Grad und Windstille. "Kaiserwetter" wie es aus den motivierten Lautsprechern dröhnt.

8:30 Uhr. Wir haben noch knapp 30 Minuten bis zum Start. Von Hektik ist nichts zu merken. Das gilt jedenfalls für mich. Ralf wird minütlich nervöser. Also tue ich ihm den Gefallen und gebe endlich den Kleiderbeutel ab. Raus aus den warmen Klamotten und etwas warmlaufen.
 
8:53 Uhr. Ralf hatte recht. Etwas Nervosität wäre nicht schlecht. Denn mir fällt nur gute fünf Minuten vor dem Start ein, dass ich im ersten Block "rot" starte. Das bedeutet, an ca. 27.000 ebenfalls nervösen Sportlern vorbei zu müssen. Beliebt mache ich mich dabei nicht, denn viel Rücksicht kann ich bei meinem Versuch nach vorne durchzudringen nicht nehmen und remple dabei den Einen oder Anderen an. "Sorry", "Tut mir Leid", "... darf ich mal...?".
8:58 Uhr. Während der Mann am Mikrofon droht alle Läufer, die nicht auf ihren Plätzen sind, zu disqualifizieren, habe ich noch etwa 50 Meter vor mir. Mist, die Absperrung ist hier so hoch, ich komme nicht in den Block. Mir bleibt nur eins: Vorbei an der Spitze und von vorne in der ersten Reihe einordnen. Der rote Punkt auf meiner Nummer erlaubt mir dies ja grundsätzlich. Ja, ja, grundsätzlich. Die bösen Blicke von dem Läufer neben mir sprechen allerdings eine andere Sprache, oder ist das nur die allgemeine Anspannung?
9:00 Uhr. Peng! Der Schuss fällt, keine Zeit also weiter darüber zu philosophieren. Ach, das gilt nicht uns? Die Eliteläufer laufen davon.
Dann dürfen wir die 20 Meter bis zum Star aufrücken. Ich lasse mich dabei ein paar Reihen nach hinten fallen. Aber ehe ich Zeit habe mich zu sortieren, ertönt auch schon der nächste Knall und um mir traben sie los - und ich mit.
Zu meinem Erstaunen stelle ich fest, dass ich hier vorne gar nicht mal so falsch stehe. Ich halte das Tempo erstaunlich gut mit, auch wenn mich einige hundert Läufer auf den nächsten Kilometern überholen. "Euch hole ich mir nachher", sage ich mir und halte an meiner zuvor festgelegten Marathontaktik fest: Die ersten 15 KM im Schnitt von 4:29 Min/KM, danach das Tempo anziehen so weit es die Tagesform zulässt und ab KM 25 wieder leicht rausnehmen auf ca. 4:25 Min/KM.
Der Lauf führt von der Dauauinsel über die große Brücke in die Wiener City. Ein unglaubliches Bild. Noch imposanter wirkt es wohl aus der Vogelperspektive, wie die Fotos des Veranstalters aus dem Vorjahr zeigen.
 
Kaum warmgelaufen, steht Ralf bereits das erste Mal an der Strecke und hält ein Schild "Run: Heiko" hoch. Ich winke nur kurz rüber, denn er steht auf der anderen Straßenseite. Eine Viertelstunde später klatsche ich ihn mit einem "High-Five" ab. 27.000 Läufer sollen insgesamt gestartet sein und trotzdem sollte Ralf mich an insgesamt acht Punkten angefeuert haben. Später verriet er mir, dass das Besuchen der Punkte für ihn eine schöne, aber sportliche Leistung gewesen sei.
 
KM 15 Handbremse los
Wollen die Beine nun, oder nicht. Ist der Lauf anstrengend, oder nicht? Wie ist die heutige Tagesform einzuschätzen? Auf den ersten 5 KM hatte ich einen Durchschnittspuls von 168 Schlägen/Min. Zwischen KM 10 und 15 waren es bei gleichem oder leicht erhöhtem Tempo sogar nur 164 Schläge. Das macht einen Puffer von nur 4 Schlägen/Min bis zu meiner anaeroben Schwelle. Ich beschließe also nichts zu erzwingen, dränge mich aber auch nicht zum "langsam Laufen" und lasse die Beine machen. Und sie machen es gut. Auf den nächsten 5 KM laufe ich schon ein Tempo von 4:12 Min/KM, die darauffolgenden 5 KM dann 4:08 Min/KM. Und das bei gleichbleibendem Puls! Wahnsinn. Schon jetzt dürfte ich die Hälfte der Kameraden eingeholt haben, die anfangs einen auf Tempo machten.
Alle 2,5 KM nehme ich abwechselnd ca. 100 ml Wasser oder ISO zu mir. Mein Körper verträgt diese Kombination gut. Von Bananen lasse ich seit langem die Finger. Die belasten den Magen im Wettkampf mehr, als dass sie nützen. Bei KM 30 gönne ich mir einen von zwei Power-Bar Kohlenhydrat-Gels, die ich von Zuhause mitgebracht habe. "Noch 200 Meter bis zum Wasser" steht sinngemäß auf einem Schild. Das ist wichtig, denn der Körper kann die Gels nur in Verbindung mit Wasser verarbeiten. Ausgerechnet jetzt drängen sich einige Läufer an den Wasserständen und bleiben mit dem Becher in der Hand stehen! Unglaublich. Das passiert bei 4 Stundenläufern, aber hier vorne? Unmöglich für mich im Laufschritt einen Becher zu erhaschen. Irgendwie gelingt es mir dann doch, aber bei der Aktion verschütte ich das Meiste und erlange höchstens noch 50 ml des ersehnten und jetzt gerade dringend benötigten H2O.
Die nächsten 12 Minuten lief ich zwangsläufig mit einem süßlich verklebten Mund und leichtem Durst. "Das war´s dann wohl" erinnerte ich mich an den Münster Marathon 2008, als ich einen Getränkestand verpasste und so die Kohlenhydrate ebenfalls nicht verarbeiten konnte. "Nix, da! Vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist", motiviere ich mich. Und ehe ich mich versehe, ist da auch schon der nächste Verpflegungsstand, an dem ich jetzt bewusst etwas mehr Wasser (etwa 200-250 ml) zu mir nehme. "Nur noch 12 km" motiviere ich mich. Kurz in mich hineingehört: "Alles gut". Was sagt die Uhr? Weit unter meinem Ziel. Alles sieht perfekt aus. Ich kann etwas Tempo rausnehmen, um mich für die letzten Kilometer zu schonen. Ein Leistungseinbruch aufgrund zu hohen Tempos wäre das Einzige, was meinen Sieg über mich selbst jetzt noch gefährden könnte. Warum sollte ich das Riskieren? Meine Gedanken kreisen: "3:07 Std. waren angesagt, und die werde ich erreichen. Das nächste Ziel wird 3:00 Std. sein und die kann ich heute nicht mehr erreichen - oder doch?. Mit falschem Ehrgeiz kann ich nur noch verlieren. Sei vernünftig!".
Es sollte die (Achtung Jens, das ist Dein Part ;-) "Stimme der Vernunft" sein, die mich in einem Tempo weiterlaufen lässt, dass ich bis zum Schluss durchhalten kann. Und das ist immer noch schneller, als mein Tempo auf den ersten 15 Kilometern!
Ralf erwischt mich an einem für mich strategisch ungünstigen Punkt. Kilometer 36. Ich rechne nicht mit ihm. Seinen Plan habe ich längst verdrängt, jetzt gilt die gesamte Aufmerksamkeit dem Laufen. Und es geht bergauf. "Die letzte Steigung - Ihr seid gleich da!" dröhnt es von der Straße. Und da stand er, der Ralf. Am Ende der Steigung mit einem Leberkäse in der Hand und rief mir irgendetwas zu. Ich sparte mir jegliche Bewegung, die nicht dem Laufen dient. Lediglich mit einem leichten Nicken und einer flachen Handbewegung erwidere ich seine Ermunterung. "Noch 6 - Kinderspiel - Du fühlst Dich gut!" sage ich mir. Und ich glaubte mir.
Im ruhigen Gewissen, nicht mehr auf Tempo laufen zu müssen, laufe ich bewusst locker weiter und versuche auf sämtliche Regeln zu achten, die ich meinen Lauffreunden donnerstags immer predige: langsam Atmen, lockere Armhaltung im rechten Winkel, Läuferdreieick, hinten langer Schritt, vorne kurz, auf die Körperstreckung achten, Blick geradeaus. Was ist der Effekt? Ich werde gar nicht langsamer, obwohl es sich so anfühlt! Das verrät mir meine GPS Uhr.
 
Die letzten 2 Kilometer werden allerdings dann härter als erwartet. Ohne den Druck jetzt noch "etwas reißen" zu müssen, laufe ich aber auch diese relativ entspannt. Zwar sind diese Kilometer physisch anstrengender als die vorherigen, mental bin ich aber topfit und weiß ja, das Ziel ist nicht mehr weit.
 
KM 42. Ich biege rechts in den Heldenplatz ab. Ein roter Teppich führt mich direkt in Richtung Ziel. Neben mir scheppert es. Ich sehe noch wie jemand böse über eine Absperrung fällt. Aua. Wollte der Faxen machen und darüber springen?

Die Anzeige zeigt 3:06:28. "Wenn Du jetzt Gas gibst, schaffst Du es sogar unter 3:07 Stunden!" motiviere ich mich und erhöhe das Tempo. "Verdammt viel Strecke für so wenig Zeit" ärgere ich mich und erhöhe das Tempo so weit ich noch kann, um mich bei 3:06:59 übers Ziel zu jagen.

Hinter der Ziellinie gratuliere ich einem Läufer zu seinen super 3:05 Stunden. Ihm geht es nicht gut, also bleibe ich noch etwas bei ihm. 3:05 sind super! dachte ich mir, aber 3:06:59 auch. Erst zuhause erfahre ich, dass ich selbst eine Nettozeit von 3:04:48 gelaufen bin. Richtig: Eine super Zeit.
Ralf und ich feiern noch lange in der Sonne auf dem Heldenplatz bei ein paar Bierchen. Borussia spielt? Ab in die Sportsbar und bei guter Laune auch diesen Sieg noch mitgenommen, bevor es zufrieden zur Pizzeria geht, wo wir uns das nötige Material holen, um uns wieder zu stärken.
von Heiko Thoms
 
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