Ein Supporter berichtet
von Marion Fladda

Der Dutch Coast Ultra Run by Night war ein unheimlich aufregendes Erlebnis für mich. Da ich derzeit ja ein anderes Ziel verfolge und ein solcher Lauf nicht in meinen Trainingsplan passt, war ich dieses Mal nur Franks Supporter.
Wir sind Freitag gegen 14 Uhr zu Hause los gefahren. Gegen 15 Uhr waren wir bei meiner Freundin Steffi in Neuss. Sie war so lieb und wollte mich auf dem Nachttrip durch Holland begleiten. Wir haben noch einen Kaffee getrunken und uns dann um 15:30 Uhr auf den Weg nach Holland gemacht. Auf der Autobahn standen wir erstmal direkt im Stau. Als wir nach dem Stau wieder rollen konnten, blinkte die Kühlwasser-Lampe am Auto und machte keine Anstalten, das wieder einzustellen. Darum haben wir erst einmal den nächsten Rasthof angesteuert. Frank hat sich dann unseren kleinen Wagen mal genauer angeguckt und die Motorhaube aufgemacht.
Eine riesige Dampfwolke umhüllte Frank. Es stank nach Kühlwasser. Mir schien, dass sich unsere Reise nach Holland hiermit erledigt hatte. Wie kleine Mädchen das so machen, habe ich erstmal meinen Papa angerufen. Schließlich waren wir noch nicht weit von Neuss entfernt. Er kam uns dann auch schnell zu Hilfe. Zwei Stunden später kam auch noch der ADAC, der dann unseren kleinen Wagen erstmal abgeschleppt hat. Mit meinem Vater sind wir dann wieder Richtung Heimat gefahren. Meine Mutter rief mich an und sagte mir, dass sie gerade beim hiesigen ALDI sei und dass wir ihren Wagen haben könnten. Also steuerten wir den ALDI an und hatten somit einen neuen Wagen für unser Holland-Projekt.
Allerdings war es eigentlich schon viel zu spät. Der Start des Laufes war um 22 Uhr und jetzt war es bereits 20 Uhr. Und wir hatten noch 320 km vor der Brust. Frank ließ sich allerdings davon nicht beeindrucken und machte sich mit uns auf den Weg nach Holland.
Auf der Autobahn stellten wir dann das nächste Hindernis fest. Wir hatten das Navi in unserem Wagen vergessen. Eine Straßenkarte fanden wir im Auto meiner Mutter auch nicht. Aber so schwer konnte es ja nicht sein, Den Helder zu finden. Nach einer Fahrt immer der Nase nach, fanden wir um 23:15 Uhr dann schließlich den bekannten Küstenort und nach etwas Sucherei schließlich auch das Start-Hotel.
Frank erkundigte sich in dem Hotel, in welche Richtung er laufen musste. Er zog sich seine Laufbekleidung an und machte sich um 24 Uhr auf den Weg. Wir waren in einem holländischen Städtchen mitten in der City und von hier aus musste Frank erstmal den Strand finden. Aus der Sicht eines Mädchen, dass froh ist, wenn es die Gemüseabteilung in einem Supermarkt findet, ein absolut unglaubliches Unternehmen. Er machte sich auf den Weg und entschwand in der Dunkelheit. Steffi und ich genehmigten uns noch einen Tee im Hotel und machten uns dann langsam auf den Weg nach Petten. Dort ist für Frank Halbzeit.
 
 
Ich setzte mich hinter das Steuer und mir wurde klar, dass ich den Weg in der Dunkelheit jetzt auch irgendwie finden muss. Ich kurvte durch die Stadt und kannte nur den Namen des Zielortes. Und der war hier nirgends ausgeschildert. Aber da es nach oben (also Norden) nur nach Texel geht und hier das Festland endet, kann man ja schließlich nur nach Süden und somit in die richtige Richtung fahren. Also einfach mal los.
Irgendwann nach 20 km kam dann ein Schild mit dem Hinweis „Petten“. Jetzt musste ich nur noch den richtigen Parkplatz am Deich finden. Wir fanden auch einen Parkplatz. Aber ob das der Richtige war, wusste ich nicht.
Steffi und ich stiegen aus und bemerkten sofort die Kälte. Der eisige Wind fegte uns um den Kopf. Es war knapp unter 0°C. Wir kletterten die Stufen zum Deich rauf und guckten auf das schwarze, brausende Meer. Links und rechts nur schwarzer Strand. Ein unheimliches Gefühl kroch in mir rauf. Frank läuft irgendwo in dieser unheimlichen Schwärze. Am Strand blinkten an verschiedenen Stellen unheimliche Lichter. In der Ferne waren ein paar Lichtpunkte zu sehen. Wahrscheinlich irgendwelche Häuser vom Festland. Wir zogen uns in das Auto zurück und wärmten uns erstmal wieder auf. Ich versuchte Frank auf dem Handy zu erreichen, um ihm zu sagen, dass wir kurz vor einem weißen Kran stehen. Dieser stand vor uns auf dem Strand. Unser Auto war definitiv vom Strand aus nicht zu sehen. Sein Handy hatte jedoch scheinbar keinen Empfang.
Das ungute Gefühl in mir wuchs. Ich hatte mittlerweile richtig Angst. Franks Laufzeit lag mittlerweile bei 2:30 Stunden. Theoretisch müsste er bald kommen. Ich wollte ihn auf keinen Fall verpassen. Darum schnappte ich mir eine Wärme-Alufolie und kletterte die Düne rauf. Dort oben kühlte mich der Wind im Handumdrehen aus. Die Folie ließ überall den bitterkalten Wind durch. Ich zitterte sofort am ganzen Körper. In der Ferne sah ich drei Lichtpunkte. Waren die drei Lichtpunkte eben nicht noch näher bei einander? Hatte sich der eine Punkt etwa in meine Richtung bewegt? Könnte ich Franks Stirnlampe aus so einer Entfernung überhaupt erkennen? Fragen über Fragen. Ich fixierte verzweifelt den Lichtpunkt. Immer wieder kramte ich mit zitternden Händen mein Handy raus und versuchte ihn zu erreichen. Immer nur die Mailbox. Der Lichtpunkt flackerte und bewegte sich nicht weiter. Es verging eine halbe Stunde und ich blickte immer nur diesen Lichtpunkt an. Er wurde mal größer und verschwand dann kurz. Was ist, wenn er gleich einfach verschwindet? Dann ist die Hoffnung, dass es sich bei dem Punkt um Frank handelt, wie ausgeknipst. Mein Zittern hatte sich mittlerweile zu einem sehr intensiven Zucken entwickelt. Ich konnte diese Zuckungen überhaupt nicht kontrollieren und kam mir vor, als wäre ich an einer Starkstromleitung angeschlossen.
Der Lichtpunkt war meiner Meinung nach jetzt heller geworden. Und von Zeit zu Zeit sah er sogar aus, wie ein Strich. Dies könnte daran liegen, dass Frank sich in diesen Momenten gerade filmt und dass es ich dabei um das zusätzliche Licht der LED-Lampe in seiner Hand handelte. Ich stand nun eine Dreiviertelstunde auf einer Stelle und blickte einen kleinen Lichtpunkt an. In diesem kleinen Lichtpunkt steckte all meine Hoffnung, dass mit Frank alles in Ordnung ist. Dass er nicht umgeknickt ist, dass er nicht überfallen wurde, dass er sich nicht verirrt hat. Alles steckte in diesem Punkt. Nach einer Stunde war ich der Meinung, dass der Punkt Konturen bekam. „Waren das gerade die Umrisse eines Menschen?“ Im nächsten Moment war der Punkt weg. „Nein! Das konnte nicht sein.“ Ich blickte nervös in die schwarze Nacht. Nichts. Da war einfach gar nichts mehr. Ein Rascheln hinter mir. Ich fuhr um. Mein Puls hämmerte, wie eine Nähmaschine. Nichts. Überall nur schwarze Nacht und das unheimliche Rauschen der Nacht. Ich blickte zum Auto. Steffi war noch im Auto. Auf dem Parkplatz war kein Mensch zu sehen. Ich blickte wieder zum Strand. Das Licht war weg. Meine Hoffnung schien sich in Luft aufzulösen. Ich blickte auf die Uhr. Frank müsste aber langsam mal hier sein.
 
Dann sah ich einen Schein. Oder drehte ich vielleicht gerade durch? Oder war da wirklich ein schwaches Licht zu sehen? Und dann tauchte da wieder der Lichtpunkt auf. Größer und deutlicher als vorher. Es war nun deutlich eine Bewegung zu erkennen. Als nächstes konnte man eindeutig die Umrisse eines Menschen erkennen. Ich setzte mich sofort in Bewegung und rannte dem Licht entgegen. Der Lichtpunkt ging nun die Treppen zum Deich rauf. Kein Zweifel, es war ein Mensch. Ich rannte schneller und schneller auf den Lichtpunkt zu. Den Boden unter mir konnte ich nicht sehen und die Beine waren vom Stehen in der Kälte ganz steif. Die beleuchtete Person stand nun vor mir.
Erkennen konnte ich Frank nicht und für einen kurzen Moment dachte ich: „Und was ist, wenn das gar nicht Frank ist, sondern irgendein Serienkiller, der gerade auf Tour ist??“ Steffi konnte mich von hier aus nicht mehr sehen. Ich war nun auch völlig allein… bis auf diesen Serienkiller vor mir. Der Serienkiller fing an zu reden und ich erkannte Franks Stimme. Erkennen konnte ich ihn nicht, da ich geblendet von seiner Stirnlampe war.
Ich freute mich so unglaublich, dass es Frank gut ging und noch mehr freute ich mich darüber, dass er sich entschlossen hatte den Lauf an dieser Stelle zu beenden.
Mein eigentlich für das ganze Jahr 2012 ausreichendes Adrenalin-Budget habe ich bereits jetzt verbraucht. :-)
von Marion Fladda
 
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