Pacemaking von hinten geht nicht!
von Thomas Kühnen

Seit einigen Wochen geisterte er konkreter durch die Laufgespräche. Der Indoor-Trailrun in der Westfalenhalle. Auch bei uns in der Trainingsgruppe wurde er zum Thema. Einige meiner Laufkollegen wollten sich via facebook zusammenrotten. Die Runnersworld brachte einen Bericht mit Streckenplan, auch meine Neugier wuchs – fernab von allen weltanschaulichen Diskussionen, ob das noch Trailrun ist oder eine reine Kommerzveranstaltung. Claudia steht solchen Events (man wird ja schmutzig – igitt ;)) eher skeptisch gegenüber.
So stöberte ich häufiger auf der Homepage und las dann vom Samsung-Run, zu dem man sich für einen kostenlosen Startplatz bewerben konnte. Claudia lag gerade hustend danieder, sie zu fragen, wäre sinnlos gewesen. Also faxte ich das Anmeldeformular schnell aus dem Büro zu Samsung, die nötige Unterschrift meiner Frau erwies sich als das geringste Problem ;).
Prompt tauchten wir zwei Tage später auf der Teilnehmerliste auf, ich freute mich. Wir hatten den Platz. Kostenlos konnte es nicht schaden, den Spaß mal mitzumachen.
An ein Trailtraining war nicht zu denken, die Winterlaufserie hatte Claudias Erkältung nicht unbedingt schneller abheilen lassen, also normales Training und „unvorbereitet“ am Samstag hin. Anja und Stefan aus unserem Laufkurs hatten auch für die 5 Runden am Samstag gemeldet, wir beschlossen also, bereits um 12 Uhr zum Start der 6 km vor Ort zu sein.
Gut, dass ich Schalker nun auf dem VIP-Parkplatz des BXB parken und denen dafür noch 5 € in den Rachen werfen musste, dämpfte meine Stimmung ein wenig. Aber die Eiseskälte auf dem Weg in die Halle ließ doch Freude auf die warme Halle aufkommen. Startunterlagen geholt, 2 x 50(!!!)€ Pfand für den Zeitmesschip hinterlegt und ab ging es in die Halle. Schnell treffen wir Anja und Stefan, die sich gerade mit Leihschuhen ausstatteten. Da wir selbst im Besitz von Trailschuhen waren, konnten wir uns das sparen, dennoch ein toller Service. Auch die neuesten Gore-Jacken gab es zum testen. Die Strecke sah spannend aus, ich freute mich auf den ersten Test im freien Training. Anja und Stefan absolvierten Ihr Rennen, wir folgten Ihnen als Fotografen und hetzten von einem Punkt der Strecke zum anderen. Wobei hier die Wege erfreulich kurz waren, der Streckenaufbau erwies sich als gut organisiert. Leider hatten wir keine Chance, uns von den Tribünen einen Gesamtüberblick zu verschaffen, entweder hatten wir (und alle anderen) den offenen Eingang nicht gefunden oder der war noch zu. Die Strecke erwies sich als recht voll, wobei der schmale Streckenaufbau ein Überholen oft schwer machte.
Zu diesem Zeitpunkt überwog noch meine Skepsis, die ich bereits im Vorfeld der Veranstaltung nie ganz loswerden wollte. Es wirkte halt alles sehr künstlich.
Dann endlich 15:00 Uhr, die Strecke wurde für das freie Training geöffnet. Claudia, noch nicht ganz fit, wollte nur eine Runde laufen. Also ging es gemeinsam auf die Piste.
Zuerst über das Waschbrett, mehrere kleine Hügelchen, die jedoch die Schrittfolge empfindlich stören konnten. Das Ecco-Hell Schlammfeld umliefen wir Weicheier im Training, wir wollten nicht 1½ Stunden mit nassen Füssen in unseren Liegestühlen hocken. Kleine Steilkurve, gut zu durchlaufen, dann der Samsung Climb, ein kurzer felsendurchsetzter Anstieg und ab in den kleinen Tannenwald. Wieder durch die negative Steilkurve, Buckelpiste, um umgestürzte Bäume hinaus auf den Hallenboden, dann über den Rest Kurve der Radrennbahn hinauf auf den Rang. Dies klappte, dank der aufgenagelten Dachlatten, sehr gut. Der Rang war sehr schmal, überholen unmöglich. Dazu ab und an mit fiesen kleinen Stufen durchsetzt. Stolpergefahr! Dann die erste Treppe hinauf, Flur, und gleich wieder Treppenhaus. Wieder unten, kurze Gänge mit engen Kurven und schon waren wir in Halle 2.
 
Hier war wieder die Trailstrecke aufgebaut. Unebener Weg, kleine Hügel mit Felsbrocken, Kiesfelder, Baumstämme zum Überspringen und viele Kurven ließen kein allzu hohes Tempo zu. Noch durch die kalte Vorhalle, dann hinaus. Klirrende Kälte schnitt in die Lunge. Ein kleiner Hügel, dann das Schneefeld. Weicher Schnee, in den man knöchel- bis wadentief einsank. Etwa 100 Meter, die jedoch gut in die Beine gingen und den Fußgelenken einige Kühlung zuführten. Dann eine Treppe hinab in die Katakomben. Sauglatt, Schneckentempo war angesagt. Nur hier nicht verletzen! Dann eine kleine Stahltüre, eine enge Stahltreppe, die offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, und hinauf ging es. Ins Erdgeschoss, dann ein normaler Treppenaufgang, aber noch zwei Etagen hinauf, dann waren wir auf dem Samsung-Peak, dem höchsten Punkt der Strecke.
 
Wieder ein sehr enger Treppenabgang, unten an der Balustrade eine 90-Grad-Kurve, dann wieder über die Ränge. 10 Meter – 2 Stufen – wieder 10 Meter. Hier konnte man Geschwindigkeit machen, wenn kein Langsamerer einem den Weg versperrte. Eine hohe Betonkante hinauf, dann die Rangtreppe hoch auf den Flur. Hier einige Sandsackhindernisse, die aber gut zu umlaufen waren, und wieder hinab. Ein Treppenhaus bis in den Keller, hier noch mal ein gerader, breiter Flur, dessen Boden aber mit allerlei Astbruch ausgelegt war. Wieder eine Treppe hinauf, wir waren wieder in der Halle.
Über den Gore-Swamp, einen Matschunterfütterten Grasteppich, der übel nachgab, über zwei verschlammte Buckel, dann die Rechtssteilkurve auf die Zielgerade. Meine Uhr zeigte 7:57 Minuten. Ich war ernüchtert. Anja und Stefan hatten etwas über 42 Minuten gebraucht, ich beschloss, angesichts der – vor allem Dank der Treppen – anstrengenden Runde 40 Minuten als ambitioniertes Zeitziel für uns zu betrachten.
Claudia hatte zunächst genug, ich beschloss, eine Runde zu schauen, was bei mir so gehen würde. Vollgas durch, 6:22 Min. mit der gebotenen Vorsicht an den Treppen hinter dem Schnee. Hätte ich aber keine zweite Runde in dem Tempo gepackt.

Noch eine Trainingsrunde, mit etwas mehr Zurückhaltung gelaufen, ergab 7:06 Min.. Verschwitzt zurück an den Liegestühlen, wo Anja, Stefan und Claudia saßen, versprach ich ruhig zu sein und meiner Frau hinterher zu laufen.
 
Schnell noch ein paar „Vorher-Fotos“ geschossen, unsere Bekannten Max, Romy, Michele und Jesko getroffen, die bereits fertig waren, dann war es soweit. Wir nahmen Startaufstellung ein. Nach Startnummern sortiert wurden wir aufgerufen, und zu zweit in 15 Sekunden Abstand auf die Piste gelassen. Allerdings alle drei Wertungen – Männer – Frauen – Mixed bunt gemischt.
 
Wir starteten mit der 39 ziemlich hinten. Claudia gab gut Gas, ich hielt mich stets dahinter. Die erste Runde in tollen 7:10. Das hält sie nicht durch, dachte ich. Und wir wurden langsamer. Der Betrieb auf der Strecke hielt sich bei 100 Läufern in Grenzen, dennoch sicherte ich dergestalt nach hinten ab, dass ich freimütig Platz für die Überholenden organisierte. Aber nur bei Männer- und Frauen-Teams. Bei den Mixed-Teams war ich nach hinten taub und blind und versuchte, die Strecke leicht versetzt abzuschirmen. Da keine Anrufe kamen, konnte man so vielleicht einige Sekunden retten.
Da kam meine Schlitzohrigkeit als Fußballer wieder durch ;). Kam aber nur zweimal vor. Die zweite Runde fielen wir auf 7:51 ab, immer noch klar unter den gesetzten 8 Minuten pro Runde.
Claudia keuchte schon ein wenig, aber so ganz war die Erkältung nicht aus der Lunge. Die eiskalte Luft am Schnee setzte ihr schon zu. Ich lobte sie unterwegs, wo ich konnte, und hoffte, keinen Druck von hinten aufzubauen. Sie würde geben, was sie konnte, da war ich mir sicher!
Hier auch mal ein Lob an die Streckenposten auf den engen Fluren und an den Treppen. Auch die gaben stets ihr Bestes und feuerten uns an, wo sie konnten. Tolle Atmosphäre! Dritte Runde, 7:54. Wir waren nicht wesentlich langsamer geworden. Samsung-Peak, wir liefen die Treppe hinab, die Ecke, da knickte mein linker Fuß um. Sch…! Ein stechender Schmerz, aber mein Stabil-Schuh hatte wohl Schlimmeres verhütet, ich konnte auftreten und drei Schritte weiter war der Schmerz weg. Ein Schreckmoment!
Inzwischen war endlich eine Tribüne geöffnet und von Zuschauern besetzt. Gleich hinter dem Samsung-Peak, dem anstrengendsten Teil des Parcours, ging es direkt an den Zuschauern vorbei. Ich animierte sie wieder zu Anfeuerungen – und die spielten super mit. Auch der VIP-Balkon einige Meter weiter an der Aufwärtstreppe zum Flur feuerte uns prima an. Die Sandsäcke, der glatte Flurboden wurde durch den Sand leicht rutschig. Ich fiel hin, konnte aber aus der Bewegung wieder hochkommen. „Lauf – ich komme“ rief ich Claudia zu. Kein Blut am Knie – keine „Tapeten ab“, wie wir Fußballer zu sagen pflegen. Schon wieder eine Runde geschafft – mit 7:51 sogar wieder etwas schneller.
 
Die Letzte. Ich fragte, ob ich jetzt Tempo machen sollte, aber Claudia verneinte. Sie schien, aus dem vorletzten Loch zu pfeifen, aber sie hielt toll dagegen. Noch einmal die erste Piste, dann die Radrennbahn. Treppenhaus, Halle 2 mit Parcours, das Schneefeld. Es wurde dunkel. Dann die Treppen zum Samsung-Peak, das letzte Mal hinauf, Wir machten gutes Tempo. Die lange Balustrade. Wieder feuerten uns die Zuschauer, von mir durch Zurufe, Hände über dem Kopf klatschend animiert, an. Claudia gibt Gas. Wieder hinab in den Keller, ich versuche anzuziehen, aber Claudia kriegt es nicht mehr hin. Die letzte Treppe, der Schlammhügel, die Steilkurve. Claudia zieht den Endspurt an, ich gehe neben sie. Gemeinsam laufen wir ein. Ich balle die Faust und freue mich. Mit 38:30 die 40 Minuten deutlich unterboten, die letzte Runde wieder in 7:45, und die war durch die Zielgerade um ca. 50 Meter verlängert! Claudia hatte eine tolle Leistung gebracht. Wir bekommen die Medaillen umgehängt, witzigerweise an einem Samsung-Schlüsselband befestigt. Ich umarme meine Frau und freue mich über unsere Leistung.
Die Zielverpflegung ist gut. Auch finden wir noch freie Liegestühle, wo wir erst einmal eine heiße Tasse Suppe schlürfen dürfen. Obst, Jever-Fun, Vollkornbrot (lecker!) und Studentenfutter runden die Palette samt Iso-Getränken ab. Wir können uns nicht beschweren. Am Ende war es Platz zwölf von 21. Aber da kann ich mit leben. Die Geburtsdaten vieler Mädels vor uns lagen schließlich in den achtzigern - da waren wir zwei schon zusammen!
Wie lautet nun mein Fazit? Alles in allem doch eine tolle Veranstaltung. Die Strecke war gut zu laufen und hatte mehr vom Trailrunning als etwa ein Strongman-Run. Sportlich und Organisatorisch war alles top organisiert, die Helfer waren engagiert.

Es gibt nicht viel zu meckern. War ich vor meinem Einsatz im Rennen noch skeptisch und dachte mit „ einmal gemacht, reicht“, kann ich mir jetzt durchaus einen Neustart vorstellen, wenn das Startgeld im bisherigen Rahmen bleibt.
 
Klar, hätten wir an den Trailrun-Masters teilgenommen, war dies natürlich kein Vergleich. Aber damit täte man der Veranstaltung unrecht. Mal sehen, was nächstes Jahr so passiert, aber mit einer netten Truppe wären wir wieder da. Was nicht heißt, dass unser Team keine nette Truppe war ;).
Und noch mal von hier – tolle Leistung, Claudia. Ich liebe Dich!
von Thomas Kühnen
 
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