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Nach
8 Jahren das erste Mal
von Thomas Kühnen |
Kaum
zu glauben – seit nunmehr 8 Jahren laufen wir Wettkämpfe
und noch nie haben wir an einem Silvesterlauf teilgenommen.
Das wollten wir ändern. Wir hatten uns bewusst nicht
vorangemeldet, weil wir bei „Sauwetter“ eigentlich
nicht fahren wollten. Als wir dann am letzten Tag des Jahres
auf der A2 durchs Ruhrgebiet unterwegs waren, stellte ich
Claudia, während der Regen gegen die Frontscheibe hämmerte
und das Thermometer nicht über 4 Grad klettern wollte,
schon die Frage: „Was machen wir hier eigentlich?“ |
Angekommen
in Werl wies uns ein freundlicher Polizist sogleich den Weg
zur Stadthalle, wo wir uns nachmelden wollten. Vorbei mussten
wir zunächst am Aufbau einer Party des örtlichen
BXB-Fanclubs. Das konnte ja heiter werden.
In der Stadthalle eine schöne Marathon-Messe und ein
überschaubarer Andrang beim Nachmelden. Frank Pachura
und Marion Fladda hatten sogar einen Messestand, an dem sie
Franks Bücher und Franks diverse Laufvideos vorstellten.
Auch unser gemeinsamer Frankfurt-Marathon
lief auf Franks Laptop. Hier lernte ich auch endlich Christoph
Schill persönlich kennen, meinen „Ersatzläufer“
beim Revierderby-Charity-Run. |
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Die
ärgste aller Fragen: Was ziehe ich an? Der Dauerregen
hatte aufgehört, in der Stadthalle war es warm. Ich hatte
mir alle Möglichkeiten eingepackt. Kompressions-Shirt,
Armlinge und lange Lauftight erschienen mir jedoch zu kühl,
so zog ich dann doch die Softshell-Jacke unter mein Sparkassen-Shirt.
Wir halfen Frank und Marion noch kurz beim Transport der Messe-Utensilien
zum Auto, gaben unsere Kleiderbeutel zum Transport nach Soest
ab und warteten. Dabei wurde es doch wieder ganz schön
kalt. |
Während
wir vor der Halle warteten, huschte mir noch Sabrina Mockenhaupt
„unter den Beinen durch“ ;). Sie war überraschend
erschienen. Ich empfahl Marion und Claudia, sich einfach dranzuhängen,
beide verzichteten jedoch dankend.
Claudia verwies auf Ihre schnelle Ameland-Nummer und wollte
den Lauf „chillig“ angehen. Marion und ich wollten
schon sehen, was ging. Mein selbstauferlegter Anspruch lag
nun schon bei einer 4:30er Pace. Das wäre Bestzeit im
4. 15er meiner „Laufkariere“.Und Frank wie immer
einen schönen Film von unterwegs erstellen… |
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Im
Startfeld wurde es wärmer, kein Wunder, bei der Menge
von Läufern, die sich dort langsam einfanden. Wir trafen
noch Bekannte von der Sparkasse Essen und quatschten ein wenig
über den New York Marathon, schon zählte man den
Countdown herunter und der Startschuss ertönte. Zäh
setzte sich die Masse in Bewegung. Die Essener wollten gemütlich
laufen, also verabschiedete ich mich von ihnen und meiner
Claudia und drängelte mich durchs Feld nach vorne durch.
Zunächst vorbei an der BXB-Fanclubparty. „Nur der
S04“ brüllte ich laut im Vorbeilaufen aus der Sicherheit
des Läuferfeldes heraus. Unmut war zu hören ;)!
Aber das musste an der Stelle mal gesagt werden, fand ich.
Meine Mitläufer lächelten mir zu. Läufer sind
tolerant – und das ist gut so. |
Es
ging leicht bergan, und meine Pace zeigte 4:32 nach dem ersten
km. Zuwenig! Ich zog ein wenig an, es ging mir gut. Die nächsten
zwei Kilometer liefen in 4:28 relativ entspannt, wir waren
auf der B1 angelangt, die schnurgerade nach Soest führte.
Hier standen kaum noch Zuschauer, dafür bot der endlose
Lindwurm von Gleichgesinnten auf der langsam ansteigenden
Straße ein imposantes Bild. Die B 1 bietet genug Platz,
dass sich das Feld sortieren kann. Es wurde nicht mehr viel
überholt, die meisten hatten Ihren Platz im Feld gefunden.
Überraschend schnell kamen die Kilometertafeln 4 und
5. Der erste Ort, Westönnen. Ein Feuerwehrmann mit Megafon
kündigte den Verpflegungsstand an. Ich beschloss, zu
verzichten. |
Die
Straße zog sich aus dem Ort einen Anstieg hinauf. Ich
wollte meine Pace halten. KM 6 war passiert, durch die tolle
Stimmung in Westtönnen war dieser Kilometer vorbei geflogen.
Dann die böse Steigung. Es waren nur etwas über
20 Höhenmeter, aber die saugten mir die Waden leer. Ich
hatte Mühe, mein Tempo zu halten. Es gelang mir nicht.
Ich glaubte, ich bliebe stehen. Ein Blick auf die Uhr –
4:47er Pace. Nicht noch langsamer werden. Ich zog den „Berg“
hinauf. Wieder nur leeres Feld rechts und links der B1. Die
unterbrochene weiße Linie in Straßenmitte war
meine Laufstrecke, immer geradeaus. Es war trocken. Mir wurde
viel zu warm. War ja klar, Softshell ist definitiv zu warm
für einen Wettkampf. Ich ziehe meine Handschuhe aus.
Zu warm. Kann ja nix werden mit der Bestzeit, wenn man Kiloweise
überflüssige, schweißgetränkte Klamotten
mit sich rumschleppen muss. 4:35 nur noch. 8 Km sind gelaufen.
Ich bin am höchsten Punkt der Strecke, nur weiß
ich es noch nicht. Das gerade Asphaltband macht mich wahnsinnig.
4:43. Ich verabschiede mich von allen Zeitzielen. Einfach
durchlaufen. Einfach weiter. |
Osttönnen,
wieder hat das örtliche Gasthaus die Gelegenheit zur
Straßenparty genutzt. Massen von Menschen feuern uns
an. Wahnsinn, vergleichbar mit einem großen Stadtmarathon,
zumindest hier in den Dörfern entlang der B1. Blaskapellen,
DJ’s mit Schlager- und Rockmusik sowie mitwandernde
jugendliche, die auf großen Handwagen riesige Boxen
und Musikanlagen montiert haben und uns Läufer mit entsprechenden
Getränken in den Händen begleiten. |
Ich
beschließe, bei 10 Kilometern noch mal Bestandsaufnahme
zu machen und bis dahin nicht auf die Uhr zu schauen. Ich
will durchhalten. Vielleicht geht ja doch was. Und knapp meine
Bestzeit von 1:08:09 herschenken will ich auf keinen Fall.
Ich trinke mein Dextro-Fluid. Das hat mir immer geholfen.
KM 10 ist endlich erreicht. Nur noch 5! Es geht leicht bergab
nach Ampen hinein. Meine Pace zeigt 4:28! Es geht doch wieder.
Dextro wirkt Wunder. |
Ich
versuche, mich auf eine stabile Körperhaltung zu konzentrieren
und die Hacken hoch zu nehmen, wie ich es bei Bunert gelernt
habe. Das erfordert Konzentration, beschleunigt aber sofort.
Man muss sich hier fast eine Gasse durch die Menschen laufen,
es sind teilweise kaum 1,5 Meter Strecke frei. Habe ich zuletzt
so beim Köln-Marathon am Heumarkt erlebt. Super. Ich
merke, dass ich auf einige Läufer wieder näher auflaufe.
Ein älterer Läufer mit weißem Haar vor mir
hat sich mir die ganze Zeit eingeprägt. „TGH Wetter“
steht auf seinem roten Shirt. Er nähert sich wieder.
Es geht mal wieder hinunter. Hier heißt es, Zeit gutmachen.
Dann ein neuer Anstieg, der einem ob der schnurgeraden Straße
auf freiem Feld endlos vorkommt. Die Türme von Soest
sind sichtbar. Mir ist warm. Ich bin platt. Aber ich kämpfe.
Am Ende des Anstieges leuchtet eine Ampel, aber die kommt
und kommt nicht näher. Es sind nur zehn Höhenmeter,
aber stetig. Ich beschließe, bei 13 noch mal auf die
Uhr zu sehen und dann aufs Ganze zu gehen, wenn noch was drin
sein sollte. |
Das
Ortseingangsschild von Soest ist erreicht. Noch gut 2,5 Kilometer.
Meine Pace lag bei 4:23, wie ich später meiner Auswertung
entnehme. Bei Kilometer 13 geht es links ab in eine Wohnsiedlung.
Es kann nicht mehr weit sein. Ich schaue endlich wieder auf
meine Uhr. 58:54 Minuten. Ich rechne, in meinem Zustand dauert
das etwas länger. 8:09 Minuten + 1:06 Minuten macht 9:15
Minuten. Das hieße, bei 4:30er Pace wäre die Bestzeit
unterboten. Dann mal los. |
Innerlich
fluche ich. Wären es nur noch 8 Minuten gewesen, hätte
ich es gemütlich angehen lassen können. So muss
ich alles geben. Der Weißhaarige ist wieder an mir vorbei
und zwanzig Meter vor mir. Ich nehme wieder Haltung an und
die Hacken hoch. Es geht wieder bergauf, über ein Stück
Wiese, dann wieder auf die Hauptstraße. Kilometer 14.
jetzt alles oder nichts. Die Straße wird schmaler, es
geht in die Innenstadt von Soest. Zuschauer säumen jetzt
wieder lückenlos die Seiten. Schöne Fachwerkhäuser
rechts und links, aber die sehe ich erst auf Franks Video
am Neujahrstag. Der Mann von der „TGH Wetter“
ist hinter mir verschwunden. |
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Ich
denke an die üblen Sprinteinheiten bei Bunert und will
die jetzt nicht umsonst gemacht haben. Ich gebe Gas. Linkskurve
– Kopfsteinpflaster. Nur keinen Sturz jetzt, Tolle Kulisse,
ein Höllenlärm, aber irgendwie höre ich keinen
Ansager. Ein roter Sparkasse-Bogen hinter einer Rechtskurve,
das Ziel? Ich laufe in 3.30er Tempo durch den roten Bogen,
keine Zielmatten – nein noch fünfzig Meter. Blick
zur Uhr – es reicht. Ich laufe aus und überquere
gehend mit hocherhobenen Armen die Ziellinie. Mein Schweinehund
hat verloren. 1:07:35 zeigt handgestoppt mein Garmin. PB im
letzten Lauf in meiner Altersklasse, ohne spezifisches Training.
Ich bin glücklich, aber nicht euphorisch. Ein kurzer
Urschrei musste aber raus. |
Ich
blicke mich um. Ein rappelvoller Marktplatz, umrahmt von Fachwerkhäusern.
Und darauf die Zielbögen, die Zuschauer. Ich treffe Uwe
Appel, einen meiner Mitläufer vom LiDoMa I. Auch er ist
sehr gut reingekommen, wir gratulieren uns. Dann kommt Marion.
Auch PB, 1:13er Zeit. Wir umarmen und gratulieren uns. Marion
geht zur Verpflegung, ich möchte jetzt auf Claudia warten.
Und auch Claudia kommt schneller als erwartet. Ihr chilliger
Lauf ergab 1:15:58 und ebenfalls eine neue PB! Wir gehen zur
Verpflegung. Es gibt Schoko-Riegel und warmen Tee. Ich treffe
noch Sandra und Ralph von der TG Witten und Dominic, den Freund
von Franks Tochter. Der ist nicht ganz so zufrieden, war aber
am Vortag einige Stunden mit seiner Liebsten Eislaufen. Das
steckt in den Beinen. Ich verspreche, ihn beim nächsten
Mal wieder ordentlich anzuschreien, wie einst am Möhnesee.
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Dann
haben wir unsere Klamottenbeutel, das war ordentlich organisiert.
Umziehen dürfen wir uns im „Blauen Saal“
einem historischen Saal im Soester Rathaus. Bei den ganzen
BXB-Fans hier mal ein Lichtblick! Hier stehen und sitzen auf
edlem Parkettboden unter Kronleuchtern die Läuferinnen
und Läufer und ziehen sich ungeniert um. Die Duschen
haben wir nicht gefunden, also geht es ungeduscht zurück
zu den Transferbussen.
Frank und Marion haben wir nicht mehr gefunden. Aber wir frieren
ein wenig und wollen uns nicht erkälten. |
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Im
überfüllten Bus, wo es penetrant nach erkaltetem
Läuferschweiß riecht, wundern wir uns, was wir
soeben alles gelaufen sind. Wir sind uns aber einig, das war
nicht unser letzter Silvesterlauf an dieser Stelle. |
Claudia
berichtet, dass sie einen Läufer hat am Boden liegen
sehen, andere erzählten, dass er mit Herzmassage reanimiert
wurde. Wie wir später erfahren, ist der 45-jährige
später gestorben. Schrecklich! Es wirft einen dunklen
Schatten auf diesen tollen Lauf und unsere Bestzeiten. Was
sind Zeiten gegen das Leben? Was mag ihm passiert sein? Hat
er sich überfordert? Hat er auf Signale des Körpers
nicht gehört? Oder gab es keine Signale und der Tod hat
ihn völlig unvorbereitet getroffen? Diese Fragen werde
ich nicht beantwortet bekommen. Es geschieht täglich,
dass Menschen tot umfallen. Im Auto, bei der Arbeit und auch
beim Sport. Mit Schrecken denke ich an meinen zweiten Marathon
in Minden 2005, den ich mit Schmerzen im Brustkorb bei jedem
Atemzug auf den letzten Kilometern durchgezogen hatte. Schrecklich
für seine Angehörigen, für die sich unvermittelt
die Welt ändert. Ich kann das nicht völlig verdrängen.
Aber die Läuferkolonne zog an ihm vorbei, wie auch das
Leben weiterzieht. Ob wir noch dabei sind oder nicht, interessiert
im Grunde die wenigsten. Life goes on! Eine bittere, aber
deutliche Symbolik. |
Nein,
wenn Du auf der Liste stehst, bist Du dran. Und da dies bei
jedem von uns jeden Tag der Fall sein kann, sollten wir jeden
Moment mitnehmen. Wie die letzten 5 Meter in Soest unterm
Zielbogen. Wie die nächste AIDA-Lauftour. Oder das nächste
nette Beisammensein mit Freunden oder mit der Familie. |
Ich
wünsche allen, 2012 noch ein wenig mehr bewusst zu erleben.
Keep on running! |
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