Zwei
Wickeder trainieren für Biel - Fast da... nur noch 100 km zu
laufen
von Wolfgang Seebacher |
Liebe
Lesergemeinde, keine Angst, ich habe das Schreiben nicht verlernt.
Aber ich musste hier etwas zurückstecken, da ich wochenlang
mit einem Zwicken in der linken Wade kämpfte und mir deshalb
mit meinen Gedanken und Grübeleien nicht zum Schreiben zumute
war. Mal ging es gut, mal weniger, sozusagen von Himmel hoch jauchzend
bis zu Tode betrübt, trieb es mich durch alle denkbaren Gefühlskategorien.
Eigentlich begann alles mit den Nachwirkungen vom Hermannslauf.
Ich hatte knochenharte Waden, konnte kaum gehen, vom Laufen war
ich weit entfernt. Ich weiß nicht, ob die neuen Kompressiosstrümpfe
in Verbindung mit den Trail-Schuhen oder mein Unfall unmittelbar
nach dem Start die Ursache des Übels waren. Egal, ich hatte
nun mal die Probleme und versuchte zunächst ein „Gehlaufen“
oder „Laufgehen“, um den Trainingsrhythmus einigermaßen
beizubehalten. |
Die
weitere Vorbereitung verlief somit suboptimal, obwohl ich alles
tat – bis zu Arztbesuchen -, um das Übel abzustellen.
Mehrmals habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, nicht zu
starten.
Uwe verhielt sich in dieser Zeit sehr kameradschaftlich und erwies
sich als wirklicher Freund. Er nahm Rücksicht wo er nur konnte
und war eine Stütze bei meinen Bemühungen, einigermaßen
trainieren zu können. Er durfte allerdings dabei seine eigene
Vorbereitung nicht außer Acht lassen. Es war ein Spagat,
den er sehr gut beherrschte.
Uwe und ich planten für Woche 19 (Pfingstsamstag) einen Vorbereitungslauf
von 60 km. Als zweimal zu durchlaufende Strecke wählten wir
unsere bewährte 30er Runde über Massen, Holzwickede,
Hengsen, Geisecke und zurück. Wir starteten um 17:00 Uhr
bei sehr warmen Temperaturen, um zumindest das Gefühl für
einen Lauf bei Dunkelheit zu bekommen. Uwe hatte Frau und Tochter
gebeten, für uns nach der ersten Runde einen „Verpflegungsstand“
aufzubauen. Dies klappte vorzüglich. Vielen, vielen Dank
an Ina und Tochter Laura, die uns nicht nur mit Wasser sondern
auch mit Obststückchen ausgezeichnet versorgten. |

Uwe’s Frau Ina, Uwe und ich an der Verpflegungsstelle |
Die
erste Runde durchliefen wir in zügigem Tempo, exakt nach
Vorgabe. In der zweiten Runde machte sich allerdings die Wärme
stark bemerkbar, so dass wir im Ruhrtal das Tempo drosseln mussten.
Inzwischen war es auch dunkel geworden, ganz nach unserem Geschmack.
Die Aufnahme eines zuckerhaltigen Cola-Getränks wurde uns
in Hengsen verwehrt. Die Tankstelle schloss exakt um 22:00 Uhr,
wir kamen eine Minute zu spät. So mussten wir die letzten
10 km nach Wickede auf „Reserve“ laufen.
In den folgenden Tagen liefen wir unsere beabsichtigten Einheiten,
die hauptsächlich aus Kilometersammeln bestanden. Als krönenden
Abschluss der Woche 21 lief Uwe den Rothaarsteiglauf als Marathon
von Winterberg nach Brilon mit angesagten 1000 Höhenmetern
in einer Zeit von 4:01 Std. Diese Leistung ist sehr hoch zu bewerten
angesichts der hohen Kilometerzahl, die wir eh zurückgelegt
hatten, und der Tatsache, dass sich im nachhinein herausstellte,
dass die Strecke mindestens einen Kilometer länger war und
somit als Ultralauf anzusehen ist.
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In
der Woche 22 liefen wir am Sonntag noch einmal die inzwischen
heiß und innig geliebte Ruhrtalrunde mit 32 Kilometern,
ehe wir es in der Woche 23 bei der 22 Kilometerstrecke bewenden
ließen.
Inzwischen befielen uns die üblichen Zweifel: Haben wir ausreichend
trainiert, waren wir vielleicht sogar übertrainiert? Waren
die langen, kurz hintereinander absolvierten Läufe richtig
platziert? Wie steht es mit der Superkompensation? Waren die Ruhephasen
ausreichend? usw.
Andererseits fühlten wir uns vor allem durch die (Trainings)marathons
und den Hermannslauf gestärkt. Kurzum, wir hatten uns für
die Teilnahme entschieden und nun gab es kein Zurück. Das
Hotel war gebucht, über die Probleme habe bei der Zimmersuche
ich schon berichtet, und die Fahrkarten waren gekauft.
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Unser
Lauffreund Wolfgang Steiger erklärte sich spontan bereit,
uns am Donnertag, 12.6., zum Bahnhof zu fahren. Von seiner Frau
Berrit und ihm erhielten wir als Aufmerksamkeit Läufernahrung,
Wolfgang bot sich darüber hinaus an, uns am Sonntag wieder
vom Bahnhof abzuholen. Das war Klasse und damit hatten wir wirklich
nicht gerechnet. An Berrit und Wolfgang ganz, ganz herzlichen
Dank für diese Unterstützung.
So konnten wir uns unbeschwert auf den Weg nach Biel machen.
Die Hinfahrt verlief sehr kurzweilig, hatten wir doch einige
Holländer im Wagen, die in die Schweiz zur EM fuhren. Inzwischen
wissen wir, dass der Traum von einem Titelgewinn geplatzt ist.
Nach unserer Ankunft in Biel und Bezug der Hotelzimmer führte
uns der erste Weg in die Eishalle, in der Messe und Ausgabe
der Startunterlagen untergebracht waren. Wir trauten unseren
Augen nicht als wir die lange Menschenschlange vor dem Ausgabeschalter
sahen. Mit solch einem Ansturm hatten wohl die Veranstalter
selbst nicht gerechnet, so dass nicht genügend Personal
vorhanden war.
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Eine lange Schlange vor der Ausgabe der Startunterlagen |
Aber das lange Warten hat auch positive Aspekte. Wir lernten viele
Ultraläufer kennen, die im Gegensatz zu uns schon mehrfach
in Biel und anderen Ultraorten gestartet waren.
Mit Schweizer Gründlichkeit wurde die Akkreditierung geprüft
und endlich die ersehnte Startnummer ausgehändigt.
Nebenbei bemerkten wir, dass Deutschland gegen Kroatien verlor,
aber wirklich nur nebenbei. Unsere Gedanken waren woanders. Insbesondere
mich beschäftigte im Wesentlichen der Zustand meiner Wade.
Uwe versuchte, mich davon abzulenken. Dies gelang aber nicht so
richtig.
Ok, nach Rückkehr ins Hotel versuchten wir zu schlafen. Ob
es Uwe gelang durchzuschlafen weiß ich nicht. Ich jedenfalls
schlief sehr unruhig.
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Freitagmorgen
überlegten wir, was wir eigentlich den ganzen Tag bis zum
Start um 22 Uhr essen sollten. Wir entschieden uns gegen Eisbein,
Pommes frites und dergleichen und für einfache Brötchen
aus Weizenmehl. Ihr wisst, dass der Sättigungseffekt gleich
Null ist. Wir verputzten deshalb eine Reihe dieser niedlichen,
kleinen und gar nicht so billigen Backwaren.
Wir schlenderten durch die Stadt, besichtigten die sehenswerte
Altstadt und kauften einige Mitbringsel. Ein Höhepunkt war
für uns die Fahrt mit einer Standseilbahn nach Magglingen,
einen Ort, der über Biel liegt. Von dort hatten wir einen
wunderbaren Ausblick auf die Stadt.
Als Abschluss unseres Rundganges genossen wir bei strahlendem
Sonnenschein eine Relaxstunde am Bielersee mit hervorragender
Sicht auf die umliegenden Berge des Jura.
Die Zeit verging im Schneckentempo; wäre doch schon Startzeit
gewesen.
Nach einer kurzen Liegepause im Hotel und vielen Telefonaten mit
den genau so angespannten Familien zu Hause stellten wir uns auf
dem Hotelflur vor unseren Zimmern in Laufkleidung den Fotografen
(uns selbst).
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Uwe |

Wolfgang |
Ich
verrichtete ein kurzes Stoßgebet – kann ja nie schaden
–und los ging’s zum Start. Ich hatte mich zum Transport
von Jacke, Gel-Chips, Handy und dergleichen für einen zum
Rucksack umfunktionierten Schuhbeutel entschieden. Uwe trug einen
Hüftgürtel. Wegen der Straßensperrungen in der
Stadt fuhren die Busse zum Start nach einem Ersatzplan. Es gelang
uns, in einen ohne Halt zum Start fahrenden Bus zu gelangen. Nur
LäuferInnen, gute Stimmung. |

Das war die Buslinie zur Eisbahn (alles zweisprachig) |
Im
Startbereich absolvierten wir noch einige Toilettengänge,
ein letzter Anruf zu Hause und ab in den Startbereich. Gänsehaut.
Eröffnung durch Offizielle, kurze Wettervorhersage: Bedeckt,
kein Regen, nachts bis 6°, Samstagmorgen Sonne.
Pünktlich auf die Sekunde, klar Schweiz, um 22:00 Uhr begann
bei fast völliger Dunkelheit das Abenteuer. Der erste Lauf
unseres Lebens in diesem Bereich. In welchem Schnitt anlaufen?
Wir entschieden uns für 6:10-6:15. Nur nicht am Anfang überpacen.
Wie wird die Nacht? Hast Du an alles gedacht? Ist die Stirnlampe
betriebsbereit?
Der Kurs begann mit einer 5 Kilometerrunde durch die Stadt, teilweise
leichtes Gefälle, sehr verführerisch zum Schnelllaufen.
Nach dieser Einführungsrunde ahnten wir, was es heißt,
in der Schweiz zu laufen. Die erste, nicht enden wollende Steigung
nahmen wir stramm gehend. Nur nicht am Anfang zu viele Körner
verbrauchen.
Danach verlief die Strecke sehr profiliert auf Wirtschafts- und
Schotterwegen, wobei uns die Ausleuchtung durch die Stirnlampen
sehr nützlich war. Ich hatte zumindest die Sorge, wieder
umzuknicken und dadurch die alte Verletzung zu spüren.
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Die
Versorgung mit Getränken, Brot und vegetarischer Kraftbrühe
war vorbildlich. Alles war an den Ständen gut platziert und
reichlich vorhanden. Die Strecke war durch beleuchtete Wegweiser
markiert, verlaufen konnte sich eigentlich niemand. Im nachhinein
erfuhren wir, dass dies doch einigen Teilnehmern „gelungen“
war.
Jede 5 Kilometer zeigte ein mit Blinklicht markiertes Schild die
zurückgelegte Strecke an. Wir registrierten dies „nebenbei“,
unsere GPS-Uhren zeigten geringe Abweichungen an. Wen interessiert
schon 30, 35 bei solch einem Lauf. Der Weg war das Ziel, ankommen
war angesagt, was sind da schon solche Distanzen.
Der Veranstalter gab jedem Läufer die Möglichkeit, an
drei Stellen qualifiziert, d.h. beurkundet und mit T-Shirt belohnt,
auszusteigen: bei 38, 55 und 78 km.
Diese Gelegenheit hätte ich für mich ganz persönlich
dann in Anspruch genommen, wenn meine Wade mich dazu gezwungen
hätte. Doch km 38 verstrich und Uwe und ich fühlten
uns wohl. |
Ich
will Euch nicht mit Zwischenzeiten langweilen, die sind eh dem
Internet zu entnehmen. Vielmehr versuche ich, Euch die „Nacht
der Nächte“ als Abenteuer, als überwältigendes
Erlebnis zu vermitteln und den ein oder anderen zu animieren,
auch mal so etwas durchzuziehen.
Wer denkt, die Nacht sei nur dunkel, langweilig und ermüdend,
der irrt gewaltig. Da läufst du durch eine Anzahl kleiner
Gemeinden, mehr Bauerndörfern und fast überall wirst
du lautstark mit La-Ola-Welle oder Kuhglocken begrüßt,
und sei es um 3 Uhr morgens. Nicht zu vergessen die alle 5-6km
postierten Verpflegungsstellen, an denen wir Halt machten, um
zu essen und zu trinken.
Hier konnten einige Bemerkungen mit MitläuferInnen ausgetauscht
werden. Alle waren sehr angetan von dieser Veranstaltung und
genossen den Lauf.
Bei km 50 gaben wir uns die Hand, die Hälfte des Laufes
war absolviert, Uwe: „Das Schönste ist weg.“
Aber auf uns wartete ja noch der „Ho-Chi-Minh-Pfad“.
Nach der Verpflegung in Kirchberg (km 55 Zweiter möglicher
Ausstiegspunkt!), hörten wir das Rauschen der Emme. Aha,
der Pfad war nicht mehr weit. Und meine Wade hielt.
Inzwischen war die Tagesdämmerung eingetreten und mit dem
Erreichen des Pfades begannen die Vögel mit ihrem Morgenkonzert.
„Alles für Dich“ durchzuckte es mich. Wieder
Gänsehaut.
Der Pfad entpuppte sich als sehr schmaler geschotterter Weg,
mit Baumwurzeln durchzogen. Gut zu laufen bei beginnendem Tageslicht,
sicherlich schwierig für die Spitzenläufer bei Dunkelheit.
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Auf
halber Strecke des Pfades ein Verpflegungsstand, von weitem hörbar
durch Udo Jürgens „griechischer Wein“. Leider
nicht für uns, wir blieben lieber bei Brühe, Brot, Wasser
und Cola. Um 7:00 Uhr auch noch viel zu früh. Ich wusste
nicht ganz genau: Waren die Versorgungsmenschen noch oder schon
wieder da.
Inzwischen hatten wir unser „Tempo“ den topographischen
Gegebenheiten raffiniert angepasst. Steigungen gingen bzw. marschierten
wir bewusst hinauf, während wir uns bei Gefälle bemühten,
wenigstens einen Trab zu halten. Dies gelang einigermaßen
bis Bibern (km 78, dritte Ausstiegsoption). Und die Wade hielt.
Nach Überlaufen der Matte für die Zwischenzeit begann
der wohl - wie man uns sagte - letzte kernige Anstieg („und
dann immer gradaus“), danach allerdings ging es nicht unbedingt
gelenkschonend steil bergab.
Durch Arch und Büren – hier war die zweite Kontrollstelle,
die erste war etwa bei km 40 (Stempeldruck auf die Startnummer
während des Vorbeilaufs) – ging die Strecke nunmehr
in Richtung Biel an der Aare entlang. Die Sonne strahlte, wir
auch. Ab km 80 begann ich immer mehr in ein sehr strammes Gehen
zu verfallen, aus Sorge, meine Wade könnte sich wieder melden.
Eigentlich völlig unbegründet, denn inzwischen hast
du überall Schmerzen. „Hinlegen und ausruhen“
ruft der Körper. „Weiter, nur noch 20“ ruft der
Geist. Wer siegte? In wenigen Sätzen wisst ihr es.
Nur noch 20? Das haben wir doch gleich. Ist doch nur einmal Billmerich.
Wie lange brauchst Du? Au, etwa 2 Stunden, wenn du gut drauf bist.
Aber mit 80 im Rücken? Da sieht alles schon wieder ganz anders
aus. Uwe versuchte mein Sterben zu mildern, in dem er mir die
Vorzüge irgendeiner Umgebung näher bringen wollte. Zu
allem Überfluss liefen wir auch noch - stundenlang? - durch
eine Gärtnerei. Was die da für Klassepflanzen hatten!
Ob die alle in Uwes Garten passten?
Die Abstände zwischen den Kilometerangaben schienen sich
vergrößert zu haben. Haben sich Schweizer für
den 100er von den metrischen Maßen verabschiedet? Ich hatte
den Eindruck, dass dem so war. |
Die
letzten 5 Kilometer waren einzeln markiert. Ein Supergefühl
übermannte uns bei km 99. Nur noch 1000 Meter durch die Hitze,
einen kleinen Abhang herunter, durch ein Fahnenspalier. Da: schon
hört man den Ansager - 90°-Kurve auf die Zielgerade -
die Ansage: „Der Seebacher Wolfgang und der Appel Uwe aus
Deutschland, aus Dortmund“ - Hand-in-Hand über die
Ziellinie – Gänsehaut - feuchte Augen (wegen der blendenden
Sonne) – Aus! Die Wade hat gehalten. |
Uff,
geschafft. Zunächst haben wir unsere Frauen angerufen. Da
war die Freude natürlich auch sehr groß.
Wir haben unsere Medaillen und das Finishershirt bekommen und
sind kurz danach zum Hotel gefahren. Unsere GPS-Uhren haben die
Daten des kompletten Laufs dokumentiert.
Wir waren nicht so müde, dass wir dringend hätten schlafen
müssen. Wir waren auch nicht so erschöpft wie z. B.
nach einem Marathon. Wir konnten zwar kaum laufen, aber das hat
man schon mal.
Abends haben wir uns nach dem Essen noch ein Bier gegönnt. |
Rückreise
und Fahrt nach Hause verliefen dank Berrit und Wolfgang Steiger
problemlos.
Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung mit einem Ergebnis,
mit wir sehr zufrieden sind.
Vielleicht wiederhole ich das noch einmal. Den letzten Satz habe
ich geschrieben, nachdem meine Frau diesen Bericht kritisch durchgesehen
hat. Ihr wisst ja……
Bis demnächst mal.
von Wolfgang Seebacher
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